Der Dyskalkulator

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 2 Minuten

Zwei Uhren an einem Bahnhof zweigen unterschiedliche Uhrzeiten an. »Die sagt 12 Uhr und die 9:25 Uhr. Und was sagt deine Uhr?«

Ich kann zwar nicht rechnen, aber unglaublich gut schätzen – und runden. Wobei ich mich meistens auf das Aufrunden beschränke. Das fällt meinen Mitmenschen immer nur dann auf, wenn ich in ihrer Gegenwart genötigt werde etwas auszurechnen. Zum Beispiel bei unseren Fairtrade-Aktionen, wenn wir Fairtrade-Kaffee in FairCups, also Pfandbechern mit oder ohne Deckel ausschenken.

»Das macht drei Euro.« »Hä? Da steht doch, dass der Kaffee 1,50 Euro und der Becher einen Euro Pfand kosten.« »Stimmt.« »Aber das macht doch dann nur 2,50 Euro.« »Wollten Sie nicht etwas für unsere aktuelle Fairtrade-Aktion spenden? Sagten Sie vorhin nicht sowas?« Manchmal erzähle ich auch was von Rabatt oder Sonderkonditionen. »Für Sie nur 3,50 Euro. Skonto für Strammkunden!« Vermutlich ob meines gänzlich unschuldigen Gesichtsausdruckes akzeptieren einige Leute meine Preisvariatonen. Möglicherweise denken sie auch: Ach, ist ja für’n guten Zweck.

Manchmal aber muss ich mich dann doch offenbaren. »Wissen Sie, ich leide an Dyskalkulie. Ich versuche zurzeit wieder im Alltag klarzukommen. Und meine Kolleginnen hier unterstützen mich nach Kräften.« Wobei ich nur in solchen Situationen wirklich leide. Ansonsten vertraue ich halt der Technik. Außerdem muss Mann ja nicht jeden „Schicksalsschlag“ öffentlich ausrollen.

Leider wirkt auch die Mitleidstour nicht immer. Dann setze ich ganz auf die Schiene: Binde deine Kunden in die Preisgestaltung ein. »Nun, was möchten Sie denn für diesen tollen Kaffee in diesem schönen Becher zahlen? Bedenken Sie, es geht dabei um eine gute Sache!« Wenn die Situation bis hier hin „eskaliert“ ist, habe ich oft doch noch irgendwie rausbekommen, welchen Betrag der geduldige Kunde laut Preisliste zu zahlen hat. Und meistens stimmt das mit dem mir vom Kunden genannten Preisvorschlag überein.

Doch dann droht schon das nächste Unheil. Wohl den Kunden, die die jeweilige Summe passend bezahlen können. Wenn nicht, geht der Albtraum von vorne los. Allein das Wort Wechselgeld verursacht bei einem Dyskalkulator Weltraumherpes. Aber ich weiß mich zu wehren: »Wollten Sie uns nicht eine großzügige Spende zukommen lassen? Mir war so.«

An unseren Fairtrade-Ständen bitten wir eigentlich nicht um Spenden. Ich tue dies nur, um mich nicht als eiskalter Dyskalkulator zu outen. Dennoch, viele Mitmenschen die zu uns kommen spenden von sich aus solche Beträge: »Das Wechselgeld ist für euch«, oder: »Pfand braucht ihr mir nicht rauszugeben, den Betrag spende ich.« Wenn Ihr wissen möchtet wofür wir die Spenden verwenden wollen, in dem Artikel Der Central Park von Bad Pyrmont und Lügde habe ich das mal umrissen.