Das Morgen ist weiblich

Frauen sind die besseren Frühungskräfte. Das behaupte ich. Das ist meine Erfahrung. Natürlich gibt es Ausnahmen. Zum Beispiel dann, wenn Frauen Männer kopieren, also typische, männliche Verhaltensmuster übernehmen. Möglicherweise weil sie meinen, dass man Leitungsaufgaben so wahrnehmen muss.
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Ein als Flamingo geformtes Tretboot auf einem See.

Vorweg: Ja, die Überschrift habe ich „geklaut“ – von wem und warum, darauf komme ich später zu schreiben.

Schon seit Wochen trage ich mich mit dem Gedanken hochschwanger textlich zu erklären: Warum sind Frauen die besseren Führungskräfte? Vor ein paar Tagen stolperte ich über einen Tweet von Dr. phil. Antje Schrupp. Ich las den Artikel den sie mit dem Tweet verdrahtet hat und mir war klar: Ich brauche den Text nicht zu schreiben. Niemals könnte ich das so gut und fundiert erklären, wie es Dr. phil. Antje Schrupp in ihrem Vortrag getan hat. Den Vortrag hat sie erstmals 2007 gehalten.

Diene mit Barmherzigkeit und tue es mit Lust.

— Paulus, Römerbrief, Kapitel 12, Vers 8.

Was geht Euch jetzt durch den Kopf? Weckt das Zitat Euer Interesse, oder denkt Ihr: »Och nö, geh mir weg mit so einem Bibelsch…!« Ich gebe zu, das war auch meine erste Reaktion.

Der Vortrag von Antje Schupp den ich Euch ans Herz legen möchte, trägt das Bibelzitat als Titel: Diene mit Barmherzigkeit und tue es mit Lust.1 Die Zweitüberschrift lautet: „Wie Frauen das Arbeitsleben verändern.“ Weil ich schon einige Texte von Antje Schrupp gelesen habe, ließ ich mich von dem Bibelzitat nicht abschrecken.

Diene mit Barmherzigkeit und tue es mit Lust

Ich war mal so dreist, einige Textpassagen aus dem Vortrag zu kopieren. Das, weil ich Euch unbedingt motivieren möchte den ganzen, verschriftlichen Vortrag1 von Antje Schrupp zu lesen.

Wenn ich in den Zeitungen über das Ende der Erwerbsarbeit lese oder Politikerinnen und Politikern zuhöre, die sich mit dem Thema beschäftigen, oder auch Gewerkschafts- und Wirtschaftsfunktionären oder anderen vermeintlichen »Experten« zum Thema Arbeit, dann geht es hier nicht um den Dienst an einer Sache, die barmherzige Sorge für andere oder darum, mit Freude tätig zu sein. Sondern es geht um Kosten-Nutzen-Kalkulationen, Ausgabensteuerung, Kontrolle, Verteilungsprinzipien, Profitmaximierung, internationale Konkurrenzfähigkeit und dergleichen.

Die zunehmende und sich verfestigende Arbeitslosigkeit, an der auch der gegenwärtige Aufschwung nichts grundsätzliches ändern wird, die Folgen der Globalisierung, die Auswirkungen eines immer flexibler und nur an Gewinn orientierten Wirtschaftsmarktes auf Familien und die Gesellschaft insgesamt, das ungelöste Problem der Pflege und des Gesundheitswesens, die schwierige Bildungssituation in Deutschland …

Woran liegt das? Dazu zitiert Antje Schrupp Ina Praetorius.

»Das Kernproblem ist die Gewohnheit, zweitrangige vor erstrangigen Fragen zu stellen und zu beantworten. Diese Praxis, sich systematisch nicht (zuerst) dem zuzuwenden, worum es eigentlich geht – also den Bedürfnissen vor dem Geld, der Subsistenz vor dem Freihandel, der Realität vor dem Dogma, der Geburt vor dem Tod, den Beziehungen vor dem Gesetz und so weiter – hat wesentlich dazu beigetragen, dass entstehen konnte, was uns jetzt so viele Sorgen macht.«

Ina Praetorius

Antje Schrupp hebt daher hervor: „Die Reihenfolge ist wichtig, damit wir nicht dauernd damit beschäftigt sind, uns um zweitrangige Dinge zu kümmern, bevor die erstrangigen, die die Grundlage bilden, überhaupt durchdacht sind.“

Ich glaube auch, dass wir uns – egal um welches Problem es sich handelt – viel zu wenig fragen: Was ist der Kern des Problems? Was sind dann die wahren Prioritäten? In welcher Reihenfolge gehören sie? Was müssen wir in tun, damit wir die Probleme gelöst bekommen?

1. Die Lust – warum Freude an der Arbeit so wichtig ist

[…] wenn mir meine Arbeit Freude macht, dann sind auch meine Leistungen besser. Mir selbst ist dann die Qualität meiner Arbeit wichtig, ich bemühe mich, Fehler zu vermeiden und mache mir Gedanken, wie die Qualität noch besser werden kann. Ich denke mit, ich bin aufmerksam, es interessiert mich, was dabei herauskommt.

Aber aufgepasst: Motivation ist nicht dasselbe wie Freude. Motivation kann alles mögliche sein – die Angst vor Strafen, das Spekulieren auf mehr Gehalt oder eine höhere Position, der Wunsch, vom Chef geliebt und gelobt zu werden, der Wunsch, die Kolleginnen und Kollegen zu übertreffen. All das sind Motivationen, die nichts mit der Freude an der Arbeit zu tun haben.

Warum denken wir so selten über die Freude an der Arbeit nach, obwohl sie doch so wichtig ist? Ein Grund ist die in unserer Kultur tief verwurzelte Vorstellung, dass Arbeit Mühe und Last ist – also fast schon so etwas wie das prinzipielle Gegenteil von Freude.

Dass Arbeit etwas ist, das wir notgedrungen machen müssen, das aber das Gegenteil von Freude ist, wird Kindern von klein auf eingeredet: Nach der Schule beginnt der Ernst des Lebens.

Dass wir nicht über den Zusammenhang von Freude und Arbeit nachdenken, also darüber, wie die Menschen, die noch eine Erwerbsarbeit haben, ihrer Arbeit mit Freude nachgehen können, und wie die, die keine haben, dennoch etwas zu tun finden, das ihnen Freude bereitet, ist eines der Hauptprobleme bei den derzeitigen Arbeitsdebatten.

Dass die Freude an der Arbeit etwas ist, was symbolisch den Frauen zugeordnet wurde – und den Männern damit nicht. Bis heute scheint das ja so zu sein: Es gibt sehr viele Studien, die zeigen, dass es Frauen im Arbeitsleben wichtiger ist als Männern, dass sie Freude an ihrer Arbeit haben. Mehr Frauen als Männer legen sehr viel Wert darauf, dass ihre Arbeit ihnen sinnvoll erscheint, dass sie ihnen Spaß macht, dass sie sie mit Begeisterung ausfüllen. Sicher, nicht alle Frauen.

Wäre es nicht gut, wenn auch die Männer mehr Wert auf die Freude an der Arbeit legten – und nicht nur auf Geld und Status?

Nach meinen Beobachtungen ist das genau so. Die meisten Männer haben Freude an der Macht, am Status und am Geld. Bezeichnend sind auch die Reaktionen darauf, wenn Menschen, hauptsächlich Frauen2 sagen: »Mir ist die Freude an der Arbeit wichtiger« und dann die Konsequenzen ziehen. »Wie? Weniger Geld, weniger Status?« Solche Reaktionen offenbaren, was den Menschen an ihrer Arbeit wichtig ist.

2. Die Barmherzigkeit – warum Arbeit immer Sorge für andere ist

Dass Arbeit immer etwas mit der Sorge für andere zu tun hat, ist, wie ich finde, ebenso unmittelbar evident, wie das mit der Freude. Menschen sind soziale Wesen, sie sind niemals autonom und unabhängig, sondern sie können nur gemeinsam diese Welt bewohnen und bearbeiten.

Menschen sind immer viele, und Arbeit ist von Beginn an Arbeitsteilung – wir arbeiten für einander und wir sind immer darauf angewiesen, dass andere für uns arbeiten.

Wohl kaum eine Tätigkeit kann so sinnvoll für die barmherzige Zuwendung zu den Bedürftigen stehen, wie die von Müttern zu ihren Kindern. Es zeigt auch unmittelbar, dass wir alle auf diese Barmherzigkeit angewiesen sind. Nicht nur die Arbeitslosen, die Behinderten, die Alten, sondern buchstäblich alle, und zwar zu jeder Zeit ihres Leben.

Auch hier wieder stellt sich aber dasselbe Problem […] dass nämlich die männliche Denktradition aus dieser grundlegenden menschlichen Tatsache eine quasi rein weibliche Angelegenheit gemacht hat, so als wären für diesen Aspekt der Barmherzigkeit, also der Sorge für andere wie auch dem Angewiesensein auf die Hilfe von anderen, allein die Frauen zuständig. […] Ist es denn so, dass Frauen »von Natur aus« barmherzig sind – und Männer etwa nicht?

Ich bin ein Mann. Und ich muss sagen: Ja, es ist so.2 Leider. Sicher, es gibt auch barmherzige Männer. Aber sehr wenige. – Das Gegenteil von barmherzig ist hartherzig, schreibt Antje Schrupp. Männer sind in der Regel hartherziger. Das ist mein Eindruck. Wenn ich mir unsere Gesellschaft, wenn ich mir die Politik im Großen und im Kleinen anschaue, stelle ich fest: Hartherzigkeit ist offensichtlich ansteckender als Barmherzigkeit. Und das ist wirklich schlimm.

Wohin dieser Geschlechterdualismus geführt hat, das wissen wir alle. Es hat zum Beispiel tatsächlich dazu geführt, dass Frauen die Barmherzigkeit ins Zentrum ihrer Arbeit stellen und die Männer nicht. Bekanntlich wählen bis heute mehr Frauen als Männer Berufe, in denen sie »mit Menschen zu tun haben«. Meist sind es schlecht bezahlte Berufe, […]. Und außerdem übernehmen Frauen fast die ganze unbezahlte Arbeit, die direkt mit der Sorge für andere zu tun haben, nämlich die Hausarbeit, die Erziehung der Kinder, die Sorge für Kranke und Alte, und zwar, […] wenn sie voll erwerbstätig ist.

[…] Auch die Erwerbsarbeit ist wesentlich Arbeit für andere. Wenn hier Produkte und Dienstleistungen hergestellt werden, dann ja schließlich nur deshalb, weil man sie hinterher verkaufen will. Der Unterschied ist nur, dass hier zwischen diejenigen, die Arbeiten und die anderen, für die sie arbeiten, etwas dazwischen geschaltet ist, der Markt und das Gesetz. Das ist natürlich bis zu einem gewissen Grade sehr sinnvoll und erleichtert die Angelegenheit und den Austausch sehr.

Wenn man Produkte und Dienstleistungen kaufen kann, dann kann man sich nämlich irgendwie einbilden, autonom, unabhängig und nicht auf die anderen angewiesen zu sein. Aber das ist eine symbolische Lüge, die an der Tatsache der gegenseitigen Abhängigkeit nichts ändert.

Wir sollten uns klarmachen, dass die konkreten Fürsorgearbeiten einen wichtigen Teil der Wirtschaft ausmachen und ihnen entsprechende Bedeutung und Aufmerksamkeit schenken – dass hier die Männer viel von den Frauen lernen können, liegt auf der Hand. Wir müssen uns aber ebenfalls klarmachen, dass auch die abgehobenen, abstrakten wirtschaftlichen Transaktionen etwas mit konkreten Beziehungen zu konkreten Menschen zu tun haben. Auch dies können Frauen derzeit noch besser, als Männer: So kam kürzlich eine Untersuchung heraus, wonach Frauen zum Beispiel, wenn sie ein Auto kaufen, viel Wert auf dessen Umweltverträglichkeit legen, während Männern es vor allem darum geht, dass das Auto viel PS bei niedrigem Preis hat. Ich glaube, das liegt nicht daran, dass Männer dümmer oder egoistischer sind als Frauen. Sondern es liegt eben an dieser Trennung, die ich beschrieben habe: Mehr Männern als Frauen fällt es schwer zu sehen, dass abstrakte und abgehobene Probleme wie »Klimaentwicklung« etwas mit konkreten Menschen zu tun hat.

Zur Erinnerung, der Originalvortrag ist von 2007. Das Thema Klima ist auch heute noch aktuell. Und es sind immer noch hauptsächlich die Frauen, die dieses Thema zum „erstrangigen“ (siehe oben) machen. Ich komme später noch mal darauf zurück.

Einen Aspekt möchte ich noch mal hervorheben. Ich habe ihn an anderer Stelle schon mehrmals erwähnt. Nämlich dann, wenn ich von dem Thema Demenz geschrieben habe. Als Baby und als Kinder sind wir auf Barmherzigkeit angewiesen. Und spätestens wenn wir älter und gebrechlicher werden, werden wir die Barmherzigkeit wieder benötigen. Wir können nur hoffen, dass wir sie dann auch bekommen. Ich glaube, wenn ich mir das immer mal wieder bewusst mache, besonders jetzt, wo ich noch „mitten im Leben“ stehe, hilft mir das, wieder barmherziger zu werden. Und ich glaube auch, Frauen tun das eher und häufiger als Männer.

3. Das Dienen – wer wir sind, wenn wir arbeiten

Interessant ist, wie die neue Bibel in gerechter Sprache jene Stelle aus dem Römerbrief übersetzt. Statt »Diene mit Barmherzigkeit und tue es mit Lust« steht hier: »Wer eine Leitungsaufgabe übernimmt, fülle sie mit Begeisterung aus«.

Mit diesem Hintergrund können wir dem »Dienen« eine neue Bedeutung geben. Bei meiner Arbeit eine »dienende« Funktion zu haben, das bedeutet dann nicht eine untergeordnete Funktion, sondern es bedeutet, dass ich meine Person, meine Kräfte, meine Fähigkeiten und Möglichkeiten dem Anliegen der Arbeit, dem Sinn unterordne – und nicht einfach irgendeinem Chef oder Herrscher. Ich arbeite nicht, um etwas für mich selbst zu gewinnen, sei es nun Macht oder Status oder viel Geld, sondern ich arbeite, weil ich der Meinung bin, dass diese Arbeit getan werden muss, weil ich ihre Notwendigkeit und ihren Nutzen einsehe, weil da jemand ist, dessen Bedürfnisse befriedigt werden müssen, weil die Wohnung eben nun einmal schmutzig ist, weil es notwendig ist, dass jemand die Straße kehrt, das Brot backt, Zeitungsartikel schreibt oder die Geschichte erforscht.

In gewisser Weise bedeutet dieses »Dienen«, dass die ersten beiden Säulen der Arbeit, die Freude und die Barmherzigkeit, auf eine sinnvolle Weise zusammengebunden werden.

Bei der Arbeit diene[n] heißt, dass ich Verantwortung für das Ganze übernehme, dass ich weiß, dass es bei der Arbeit um die Notwendigkeiten der Welt und des Zusammenlebens der Menschen in ihrer ganzen Pluralität geht, und nicht nur um meinen eigenen Spaß oder um die Ansprüche, die andere an mich stellen.

Dienen heißt, dass es keine Berufe ohne solche Verantwortung gibt, dass jede und jeder also in gewisser Weise »Leitungsfunktionen« übernehmen muss, und dass jeder Chef und jede Chefin, sei ihre Position auch noch so hoch und führend, sich diesen Notwendigkeiten und dem Ganzen dienend unterordnen muss, damit die Arbeit gut gelingt.

Das Morgen ist weiblich

Wie geschrieben, die Überschrift habe ich „geklaut“ – von Imre Grimm. In einem Kommentar3 mit eben diesen Titel thematisiert er, dass Frauen heute die Realität gestalten. Als Beispiel nennt er den ersten Klimastreik am 15.3.2019, bei dem laut einer Studie der Technischen Universität Chemnitz bis zu 70 Prozent der rund 1,6 Millionen Teilnehmer weiblich gewesen sein sollen. Imre Grimm nennt sie Führungsfiguren, für mich sind sie auch Vorbilder, Frauen wie Greta Thunberg und Luisa Neubauer. Sein Fazit:

Nicht jede junge Frau demonstriert für Klimaschutz. Aber von den Menschen, die es tun, sind die meisten junge Frauen. Nicht jeder ältere Mann demonstriert für die AfD und Pegida. Aber von den Menschen, die es tun, sind die meisten ältere Männer. Frauen wissen, wann sie recht haben. Männer ignorieren, wenn sie unrecht haben. Das Morgen ist weiblich, das Gestern ist männlich. Und warum? Weil Frauen wissen, wann Not am Mann ist.

Imre Grimm 3


  1. Siehe www.wuerde-und-demokratie.eu: »Diene mit Barmherzigkeit – und tue es mit Lust«, Wie Frauen das Arbeitsleben verändern, 23.8.2019. [return]
  2. Auch bei der „Statistik“ handelt es sich um Beobachtungen die ich gemacht habe. [return]
  3. Druckausgabe der Pyrmonter Nachrichten, vom 4.6.2019, Seite 2, Kommentar „Das Morgen ist weiblich“ von Imre Grimm. [return]