Dankbarkeit

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Weihnachtsdeko: Ein Engel aus Porzellan, ein Strauß mit roten Blumen dazu Kiefernzweige.

Muss ich Dankbarkeit dosieren, damit sie mir geglaubt wird?

Unter den meisten E-Mails, Briefen und so weiter die ich am Tag so verschicke, schreibe ich vor der Grußformel ein „vielen Dank!“. Manchmal frage ich mich, ob ich es damit tatsächlich schon übertreibe. Denn ein Freund sagte mir mal, wenn du dich zu oft bedankst, glaubt es dir keiner mehr.

Wir sind alle Teil eines komplexen Miteinanders. Je besser ich mich angenommen, eingebunden, aufgehoben fühle, desto mehr Freude macht mir das Arbeiten, desto besser kann ich zum funktionierenden Miteinander beitragen. Dabei helfen mir scheinbar banale Dinge. Zum Beispiel wenn mir jemand eine Frage schnell beantwortet, damit ich weiter arbeiten kann. Und weil mir das hilft, bin ich dankbar.

Aber kann Dankbarkeit zu viel sein? Von der Liebe wird ja auch behauptet, sie könne erschlagend sein.

Wirklich dankbar sind nur Menschen, denen es schlecht geht.

Das sagte mir eine Freundin, nachdem ich ihr von meiner Mom erzählte. Meine Mom ist dement und seit einiger Zeit bettlägerig. Da sie kaum noch isst und auch nur noch wenig trinkt, ist sie sehr, sehr schwach und besteht buchstäblich nur noch aus Haut und Knochen. Doch wann immer ich sie besuche und sie ist wach, strahlt sie mich an. Und wenn ich sie frage: »Geht es Dir gut?«, lächelt sie und antwortet zu 90 Prozent mit einem piepsigen »Jo«.

Küsse ich ihr auf die Stirn, streichele ich ihr über die Wangen, oder schließe ihre Hände in meine – »Danke«. Reiche ich ihr zu Trinken – »Danke«. Wasche ich vorsichtig ihr Gesicht oder tupfe ihr den Schlaf aus den Augen – »Danke«. Und jeder der es mitbekommt bestätigt: Ihre Dankbarkeit kommt aus tiefsten Herzen. Sie ist auch unausgesprochen spürbar. Das hat nichts mit mir zu tun. Auch die Pfleger:innen erzählen mir das oft.

Selbst jetzt, wo sie so extrem abgebaut hat, ist sie eines der dankbarsten Menschen die ich kenne. Wenn ich sie und ihre Dankbarkeit so erlebe, schäme ich mich oft. Ich kann noch alles machen, nichts kann mich aufhalten – und wie dankbar bin ich dafür?

Es ist einer E-Mail nicht anzusehen, ob der Dank den ich darin äußere wirklich ernst gemeint ist. Aber es wird mich nicht davon abhalten, weiterhin meine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Denn besonders in den vergangenen Wochen ist mir bewusst geworden: Die Dankbarkeit meiner Mom ist für mich Motivation.