Zurück zur Natur

Sie sind angekommen, die „Gärten des Grauens“. Vergangene Woche waren sie Thema in einer hiesigen Lokalzeitung und vor ein paar Tagen sogar in den Tagesthemen. Was ich davon halte, wie ich zu Grün stehe und warum, davon hier reichlich. Als Bonustrack „verrate“ ich auch ein paar GartenTipps.
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Sonne strahlt zwischen Bäumen hindurch. Bäume, natürliche Sonnenschirme.

Vorweg: Ich könnte ein Buch zu dem Thema schreiben, vielleicht sogar zwei, drei. Ob sie jemand lesen würde? Höchstwahrscheinlich nicht. Also blogge ich drüber. Spoiler: viel kürzer ist das nicht. – Sie ist aber auch so eine interessante und wunderschöne Sache, diese Natur.

Einerseits freut es mich, dass das, was ich seit Jahren mit Umschreibungen wie Versiegelung, Besteint, das neue Grün oder Versteinerung thematisiere, endlich im Mainstream angekommen ist. Andererseits ist mir nicht wohl dabei, wenn wir die Verantwortlichen der „Gärten des Grauens“ so ungestüm dissen. Vielmehr sollten wir ihnen immer wieder erklären, warum wir auch in unseren Vorgärten „zurück zur Natur“ müssen – und zwar schnellstmöglich.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich mich nicht mit irgendjemand über das Thema Garten unterhalte. Die meisten Gespräche ergeben sich eher zufällig, zum Beispiel weil ich nebenbei erwähne, dass ich nur in ganz wenigen Ausnahmen Grünschnitt aus meinen Garten entsorge. Er verbleibt in meinem Garten und dient dort als Dünger. Denn das, was wir gemeinhin als Blumen- oder Pflanzerde kaufen war in seinen Hauptbestandteilen vorher auch mal grün. Nebenbei: Auch für die Fische im Wasser ist Laub wichtig.1

Neben der Frage: »Warum machst du das?«, werde ich manchmal auch gefragt, woher ich das denn alles weiß. Vieles habe ich gelesen oder gehört, aber eine ganze Menge habe ich im Laufe der Jahre auch ganz einfach beim Beobachten der Natur gelernt. Auch für dieses Lernen gibt es ein paar wichtige Voraussetzungen: Mann muss offen sein, also bereit sein zu lernen. Mann muss Spaß am Experimentieren haben. Kopieren kann jeder. Und wie immer gilt: Eine gehörige Portion Empathie schadet nie. In diesem Fall heißt das: Empathie für die Natur.

Langer Redner kurzer Sinn: Nicht alle waren sofort überzeugt, wenn ich ihnen meine Argumente für einen üppig grünen Garten darlegte. Aber den meisten von ihnen konnte ich ansehen, dass ich bei ihnen im Oberstübchen etwas zum Rappeln gebracht habe. Soll heißen: Erklärt den Menschen, warum wir viel mehr Grün auch in den Gärten brauchen.2

Stichwort „Rasen“: Kurzgeschorene Rasen müssen peinlich werden. Natürlich hat mich diese Überschrift angesprochen. Gezuckt habe ich trotzdem. Denn auch sie enthält Spuren von Bashing. Tatsächlich habe ich meine Rasenflächen immer kurz gehalten (sechs Zentimeter oder so). Das ist mir nicht peinlich. Das war Absicht.

Denn der kurze Rasen stellte einen Kontrast dar, zu den ansonsten nahezu wilden Wuchs der ihn umgibt. Ich mag bergige und hügelige Landschaften, grüne Täler. Auch im Garten. Eigentlich ist mein Garten nur ganz leicht geneigt, also fast flach. Aber im Laufe der Jahre habe ich – mit Hilfe von Baumstämmen, Ästen und Grünschnitt – eine leicht hügelige Landschaft darin angelegt. Wenn ich so darüber nachdenke, hat der Garten in den vielen Jahren ständig sein Gesicht verändert. So, als würde ich dauernd an einem Bild herummalen. – Aber jetzt zum Punkt: Drumherum hügelige „Landschaft“ mit unterschiedlich hohen Pflanzen – der Rasen flach und kurz. Das setzt Akzente – wild und ruhig. That’s it.

Doch das wird sich heuer ändern. Im Laufe eines Jahres habe ich den Rasenmäher immer in unterschiedlichen Höhen eingestellt. Im Sommer war der Rasen etwas länger, damit er nicht so schnell austrocknen konnte. So die Überlegung. Doch im vergangenen Jahr habe ich diesen Zeitpunkt verpasst. Der Rasen war zu kurz, der Sommer lang, heiß und trocken – also ist der Rasen an einigen Stellen verdorrt. Daher habe ich im Winter beschlossen: In diesem Jahr wird der Rasen höher gehalten. Mal schauen, vielleicht pflanze ich auch einfach noch ein paar Sträucher oder Büsche auf den Rasenflächen. Dann muss ich zwar noch mehr Slalom mit dem Mäher fahren – aber das betrachte ich sportlich.

Apropos Mäher. Aus dem Frontalunterricht habe ich mitgenommen: Autos mit Benzin- und Dieselmotor gleich böse, Autos mit Elektroantrieb gleich ganz toll. Frage an die Ökos: Gilt das auch für Rasenmäher? Ich habe übrigens einen kleinen, niedlichen Elektro-Mulcher. Nebenbei: Gestern war bei mir Rasendüngen angesagt. Von dem Heckenschnitt (Hainbuche) habe ich locker, wie Streusel auf dem Streuselkuchen, Laub auf den Rasen verteilt und dann die Flächen gemäht gemulcht. Bei dem heißen und trockenen Wetter werden Rasenschnitt und Laub schnell trocken und sacken zwischen die Halme. Dünger. So simple.

Blüten zwischen viel Grün Blühendes – nie verkehrt.

Laub ist nicht igit­ti­gitt! Von solchen Gedanken müssen wir weg. Laub ist ein Rohstoff. Laub ist Dünger. Laub ist Nahrungsmittel für viele Kleintiere.3 Wir brauchen daher mehr als nur Rasen statt „Versteinerungen“. Wir brauchen wieder mehr Bäume in den Gärten! Schaut Euch einfach mal die dreiteilige Terra X-Serie „Unsere Wälder“4 an. Wälder wirken wie natürliche Klimaanlagen. In der Nähe einiger Städte regeln sie die Temperatur in den heißen Sommermonaten bis zu zwei Grad herunter.

Ich frage mich oft, warum sind wir so streng mit den Gärten? Oder treffender ausgedrückt: Warum sind wir so streng mit der Natur? Warum stört sie uns? Warum stört im Herbst das Laub auf dem Rasen? Warum dürfen im Rasen keine Gänseblümchen wachsen? Ich habe dafür reichlich Theorien im Köcher. Aber es gibt da einen ganz, ganz tief verwurzelten Ursprung den ich schwer in Verdacht habe. – Wir sind unentspannt. Wir müssen ständig alles unter Kontrolle haben. Wir haben die Leichtigkeit verloren. Denken wir also daran: Ein Garten ist kein Wohnzimmer. Ein Rasen ist kein Vorwerkteppich.

Wenn ich diese Theorie mal als Bewertungsgrundlage nehme: Wie sind dann Menschen drauf, die ihren „Englischen Rasen“ glorifizieren? Ich meine das jetzt nicht böse oder frotzelnd. Ein Englischer Rasen braucht einen entsprechenden Kontext, ansonsten ist das einfach nur – so sad.

Ein anderen Grund für diese „Versteinerungen“ von Gärten und Friedhofsflächen habe ich hier schon oft erwähnt: Bequemlichkeit. Ein Garten macht Arbeit – je üppiger desto mehr. Aus aktuellem Anlass kann ich Euch berichten: Einen Tag lang Hecke schneiden erspart Euch drei Durchläufe im Fitnessstudio. Vielleicht hilft es, Gartenarbeit einfach als Sport zu betrachten. Mit dem schönen Nebeneffekt: Mann tut nicht nur etwas für sich selbst, sondern auch für die Natur, für das Klima und daher für die Mitmenschen. Ein vielseitig grüner Garten bedeutet daher Liebe – neben der Liebe zur Natur auch Nächstenliebe. Tja, wer hätte das gedacht?

Außerdem: Gänseblümchenflächen im Rasen sind keine Kaffeeflecken auf der Papierakte. Freut Euch darüber. Entspannt Euch. Wenn Ihr nicht zum Rasenmähen gekommen seid – so what?

Pflanzen zwischen Pflastersteinen Fugengrün

Fällt mir gerade noch ein: Fugengrün. Grünes Geschmeiß in den Fugen vom Steinpflaster ist ungefähr so wie Widerstand leistende Essensreste zwischen den Zähnen. Nur mit dem Unterschied, dass die Essensreste ungesund und das Grün zwischen den Fugen unschädlich sind. Leider verursacht das Fugengrün bei vielen Menschen Augenkrebs. Das hat aber nix mit den Augen zu tun, sondern mit – siehe oben.

Auch Fugengrün wird meines Erachtens zu Unrecht verteufelt. Mein liebster Mörtel sind Pflanzenwurzeln. Lass sie doch die Steine festhalten. Wenn ich sie rauszupfe, müsste ich eigentlich Sand in die offenen Fugen nachstreuen. Wegen der Stabilität – wissen schon. Alternative? Wenn ich meinen Rasentrimmer5 gerade spazierenführe und mir ist danach, dann gibts halt mal wieder einen Fugengrün-Schnitt.

Einige Menschen bekämpfen das Fugengrün mit sehr üblen Mittelchen. Nun, ich versuche das mal so zu erklären: Wir brauchen die Natur. Ohne sie können wir nicht leben. Und die Natur ist ein Kreislauf. Alles was wir ihr zu frühstücken geben, haben wir irgendwann selbst auf dem Brot …

A new study finds on average people could be ingesting approximately 5 grams of plastic every week, which is the equivalent weight of a credit card.

Plastic ingestion by people could be equating to a credit card a week, www.newcastle.edu.au, 12.6.2019

Back to nature. Lasst uns die Natur in die Gärten und Städte zurückbringen. – Für mich ist Grün eines der größten Geschenke. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich einen Garten habe. Und wenn ich mit meinem kleinen Garten einen winzigen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann …

Er ist mein Apfelbäumchen.


  1. Nähere Infos dazu liefere ich nach. [return]
  2. Wenn ihr ein paar Gründe braucht, in meinen Texten zu den Themen Garten und Natur findet ihr reichlich. [return]
  3. Beispiele: Der Wald wird gefegt, oder: Wie aus das sieht? [return]
  4. Bis zum 18.6.2019 in der Mediathek von www.3sat.de. [return]
  5. Habe ich mich jetzt geoutet weil ich sowas habe? [return]