„Als ich unsichtbar war“

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Zwei Hände verschließen sich ineinander. Weihnachten 2019. Meine Mom und ich.

»Kennst du das Buch?« »Nein. Bislang habe ich davon auch noch nichts gehört.« »Ein Bekannter erzählte mir, dass der Leiter eines Seniorenheimes das Buch allen neuen Mitarbeiter:innen als Leselektüre in die Hand drückt.« Aufgrund des Buchtitels konnte ich mir schon denken, weshalb.

In den vergangenen Jahren habe ich viel beobachtet und mir ein Bild gemacht – aber das ist kein Beleg. Es sind Vermutungen. Auch ein Mensch mit dem wir nicht mehr „normal“ kommunizieren können, nimmt möglicherweise noch sehr viel mehr wahr, als wir glauben.

Martin Pistorius […] war zwölf, als eine rätselhafte Erkrankung ihn aus seinem Leben riss. Elf Jahre blieb er gelähmt, seine Familie und die Ärzte gingen davon aus, dass er geistig auf dem Stand eines Babys war. Er konnte sich nicht verständigen und war doch innerlich hellwach. […]

— „Als ich unsichtbar war.“ 1

Auch, als meine Mom noch in der Gruppe, bei ihren Mitbewohner:innen auf der Demenzstation saß, hatte sie oft die Augen geschlossen. Zuweilen legte sie auch die Hände vor ihr Gesicht. Ich glaube, das war ihre Art sich zurückzuziehen. Auch jetzt, wo sie nur noch im Bett liegen kann, hat sie meistens die Augen geschlossen. Aber nicht immer schläft sie dann auch. Sie hält sich einfach raus, aus dem was um sie herum passiert. Vielleicht möchte sie dann unsichtbar sein …

Manchmal, wenn ich mich in ihrem Zimmer mit den Pfleger:innen oder anderen Besucher:innen unterhalte, huscht ihr ein Grinsen über das Gesicht, obwohl sie nicht angesprochen wurde – aber wir haben gerade über sie gesprochen.

Sie wird schächer. Auch ihre Stimme. Sie spricht nur noch wenig. Und ihre Mimik ist nicht mehr so ausgeprägt. Dennoch ist daran noch zu erkennen, dass sie vieles um sich herum noch wahrnimmt. An den Weihnachtstagen saß ich lange neben ihr. Ich erzählte ihr was ich so erlebt habe, sang leise Weihnachtslieder und spielte mit der Mundharmonika. Und wenn ich mich verspielt habe, konnte ich das leichte Zucken in ihren geschlossenen Augenlidern wahrnehmen. Dass sie sich über meine Anwesenheit freut, ist den Falten zwischen ihren Augen anzusehen.

Auch wenn scheint, dass sie immer weiter weg ist – sie ist da.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

— Art. 1, Abs. 1, Satz 1 GG 2


  1. Textausschnitt von der ersten Seite des Buches von Martin Pistorius: „Als ich unsichtbar war. Die Welt aus der Sicht eines Jungen, der 11 Jahre als hirntot galt.“ [return]
  2. Artikel 1, Absatz 1, Satz 1 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland [return]