Alles Latte macchiato, oder was? (Update: 9.6.2019)

Vorweg: Es geht hier nicht um Latte macchiato. Mein heutiges Thema: Einwegbecher versus Mehrwegbecher. Wer ist Schuld? Und wer hat ein schlechtes Gewissen?
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Die Bundesregierung hat beim Klimaschutz nichts verstanden: “Es wird gar nicht zwingend notwendig sein, Vorschriften zu machen. Es wird wahrscheinlich schon ein verändertes Verhalten der Bevölkerung dazu führen, dass sich Klimaschutzziele erreichen lassen” - @regsprecher

Tilo Jung, twitter.com/tilojung, 31.5.2019

Nun ja, viele Menschen ändern ja bereits ihr Verhalten. Hier ein „kleines“ Beispiel aus der Coffee-to-go-Becher-Szene: Immer mehr Einwegbecher-freie-Zonen in Bad Pyrmont und Lügde. Unter dem Text habe ich einen Beitrag von www.tagesschau.de verdrahtet. Dazu gibt es auch einen Kommentar, ebenfalls unter www.tagesschau.de. Das Fazit des Kommentartors Daniel Pokraka: »Das was die Umweltministerin (SPD) will, ist ein bisschen wenig um die Einwegbecherflut einzudämmen.«

Ihr kennt das sicher auch: »Hm, was ich hier gerade mache, ist auch alles andere nachhaltig.« Beispielsweise wenn Ihr Euch den Coffee-to-go in einem Einwegbecher holt, weil das Café keinen Mehrwegbecher anbietet und Ihr auch keinen eigenen Becher dabei habt.1 Und dann ist es da, dieses schlechte Gewissen.

Warum eigentlich müssen nur wir Verbraucher-/innen das schlechte Gewissen haben?

Was ist mit dem Café? Hat der Inhaber kein schlechtes Gewissen? Stört ihn das nicht, dass er auch Schuld an diesen Müllbergen hat? Was ist mit der Bäckerei-Kette, die keine Mehrwegbecher für den von ihr angebotenen Coffee-to-go ausgibt? Was ist mit der Politik, die es seit Jahren versäumt hat hier bessere Regeln aufzustellen? Haben die Politiker-/innen kein schechtes Gewissen?

Mit der Geschichte Einwegbecher versus Mehrwegbecher beschäftige ich mich nun schon seit zwei Jahren.2 Bei all den Vorträgen, Sitzungen und Gesprächen dazu habe ich nie erlebt, dass außer uns, den Verbraucher-/innen, jemand ein schlechtes Gewissen hatte. Und innerhalb meines Beobachtungsradiusses habe ich keine größere Café- oder Bäckerei-Kette wahrgenommen, die sich aus Eigenintiative des Themas angenommen hat. »Das geht doch nicht so weiter! Irgendwann muss die Politik doch was machen«, habe ich von meinen Mit-„Streiter-/innen“ immer wieder zu hören bekommen. Tja, die Politik …

Vielleicht ist ja dieses Credo eine Begründung dafür: „Die unsichtbare Hand des Marktes wird das schon regeln.“ Wenn wir Verbraucher-/innen nicht vehement genug etwas anderes nachfragen, dann müssen die Anbieter auch nichts anderes machen. Und die Politik findet das okay.

Ergo sind nur wir, die Nachfrager-/innen für die gigantischen Müllberge verantwortlich. Wir allein sind Schuld, dass es diese riesigen Müllberge gibt. Also müssen auch nur wir das schlechte Gewissen haben. – Wirklich?!

Selbst wenn die meisten Anbieter und Politiker uns genau das zu suggerieren scheinen, ich glaube, auch Ihr seid da anderer Meinung. Anbieter und Politiker sind ebenfalls Schuld an den Müllbergen. Ob sie deswegen ein schlechtes Gewissen haben, ist mir egal. Wichtig ist, dass wir sie nicht aus der Verantwortung lassen.

Wir dürfen Café- und Bäckerei-Ketten kritisieren, die mit den Finger auf andere Akteure zeigen: »Die meisten Verbraucher finden Mehrwegbecher zu kompliziert – dieser ganze Pfand-Scheiß und so.« Oder: »Solange die Politik nichts anderes fordert, gibts bei mir weiter Einwegbecher.« – Nein, liebe Anbieter, auch Ihr müsst dabei helfen Müllberge zu vermeiden und Klimaschutz zu betreiben! Und das nicht erst, wenn Euch genügend Verbraucher-/innen vor Euer Schienbein getreten haben. Wir können auch von Euch vorausschauendes Denken und Handeln erwarten!

Und wir dürfen Politiker-/innen kritisieren wenn sie sagen: »Es wird wahrscheinlich schon ein verändertes Verhalten der Bevölkerung dazu führen, dass sich Klimaschutzziele erreichen lassen«, oder dass die Müllberge verschwinden. Da zeigt er sich wieder, der Glauben an den lieben Gott alles autonom regelnden Markt. – Nein, liebe Politiker-/innen! Ihr seid da ebenfalls in der Verantwortung! Ihr hättet da schon längst korrigierend eingreifen müssen!

Ich glaube, das Beispiel „Einwegbecher versus Mehrwegbecher“ zeigt ebenfalls, wie sehr Anbieter und Politik bei den Themen Umwelt- und Klimaschutz hinterherhinken.

Update 9.6.2019: Ein Kumpel schrieb mir, er habe auch einen eigenen, also einen Kaufbecher. Er habe den aber eigentlich nie dabei. »Wenn ich den Kaufbecher mit mir herumtragen muss, könnte ich auch überlegen, gleich eine mit Kaffee gefüllte Thermoskanne mitzunehmen«, meinte er.

Dem kann ich nur zustimmen, siehe auch: Mehrwegbecher statt Einwegbecher für den Coffee-to-go. Aber welcher Becher soll es sein?.

Meinen eigenen Becher hätte ich nur dabei, wenn das einfach ist. Beispielsweise wenn ich mit dem Auto unterwegs bin. Dann kann ich mir den Kaffee bequem im nächsten Tankstellen-Shop auffüllen lassen. Immer vorausgesetzt, der Shop, das Café, die Bäckerei ist überhaupt befugt und bereit, „fremde“ Becher mit Kaffee aufzufüllen. Aber habe ich, wenn ich zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs bin Lust, meinen Becher, den Kaufbecher, ständig, zum Beispiel in einer Tragetasche mit mir herumzuschleppen?


  1. Eigene Becher „betanken“ zu lassen ist auch so ein Thema. Ich bin viel zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. Ständig einen Becher in der Jackentasche mit mir rumzutragen fände ich ziemlich lästig. [return]
  2. Und das obwohl ich nie einen Coffee-to-go oder dergleichen getrunken habe. Außerdem bin ich „nur“ in das Thema „hineingestolpert“: »Nachhaltigkeit ist doch dein Thema. Machste mit?« [return]