Wenn die Uhr sich rückwärts dreht

Das Älterwerden ist ein Fakt, den vermutlich selbst der amtierende, amerikanische Präsident nicht leugnen würde. Und doch gibt es Momente, die nicht in die Chronologie des Lebens zu passen scheinen.
  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 3 Minuten

Das Ziffernblatt einer Uhr 58 Minuten vor Acht

»Wir werden halt älter!« Diese Feststellung bekomme ich ziemlich oft zu hören; meistens in einem Kontext wie: »Früher war ich fitter«, oder: »Früher konnte ich mehr vertragen.« Einen Kommentar kann ich mir dann nicht verkneifen: »Ich kenne keinen Menschen, der jünger geworden ist.« Das Älterwerden ist ein Fakt, den vermutlich selbst der amtierende, amerikanische Präsident nicht leugnen würde. Das ist so sehr Fakt, dass dieser Absatz eigentlich völlig überflüssig ist.

Dennoch habe ich in jüngster Zeit Momente erlebt, bei denen ich das Gefühl hatte, dass die Uhr sich rückwärts dreht.

Wann immer es mir möglich ist, am Wochenende, oder wenn ich Urlaub habe, versuche ich mich in dem Seniorenheim in dem meine Mutter wohnt, nützlich zu machen. In der Regel bin ich zu einer Tages-Mahlzeit dort, um meiner Mom das Essen anzureichen.

Meine Mom ist dement. Sie ist sehr schwach und vollständig auf Hilfe angewiesen. In ihrem Zimmer hängen auch Fotos, die ich vor etwas mehr als drei Jahre aufgenommen habe. Damals konnte sie noch ohne Hilfsmittel gehen, sogar bergauf. Doch wenige Monate später benötigte sie bereits einen Rollataor. Und heute geht nichts mehr. Sie muss vom Bett in den Rollstuhl oder umgekehrt getragen werden. Ich weiß nicht, ob diese so rasant fortgeschrittene Gebrechlichkeit mit ihrer Demenz zu tun hat. Ich weiß nur, jede Uhr tickt, und manchmal auch schneller.

Bis vor einigen Wochen war es eine Übung um meine Geduld zu schulen, ihr das Essen anzureichen. Sie aß kaum etwas. Dann war ich froh, wenn sie den Mund überhaupt öffnete. Und oft hatte ich den Eindruck, dass sie nicht mal mehr wusste warum sie den Mund öffnen, und was sie mit dem Essen in ihrem Mund anfangen sollte.

Soetwas zu beobachten, macht mich unendlich traurig. Aber das gehört auch zum Leben. »Ich könnte das nicht«, höre und lese ich oft. Wenn das Mitmenschen sagen die eigene Kinder großgezogen haben, ist mir das ein Rätsel. Ob ein Mensch ins Leben hineingeht oder hinaus, beides gehört zum Leben.

Meine Mom wurde immer schwächer. Sie musste häufiger wieder ins Bett gelegt werden, weil sie sich nicht mehr im Rollstuhl halten konnte. Sie schlief viel. – Doch dann passierte etwas, was überhaupt nicht in die Chronologie passt. Sie begann wieder etwas zu essen. Von Tag zu Tag wurde es mehr. Als sie es die ersten Male schaffte eine komplette Mahlzeit zu essen, jubelten die Pfleger-/innen und ich. Das war vor etwa drei, vier Wochen.

Im Laufe der Zeit kam es immer mal wieder vor, dass sie selbst, ganz langsam, sehr ungeschickt den Löffel in die Hand nahm und ihn zum Teller führte. Oder sie griff nach dem Getränkebecher. Aber dann schien sie wieder vergessen zu haben, was sie mit dem Löffel oder dem Becher in der Hand tun wollte. Es war so, als würde sie in ganz kleinen Schritten neu zu lernen, wie und wozu Löffel oder Becher benutzt werden.

Die Pfleger-/innen, die Freundin meiner Mom die meine Mom regelmäßig besucht, und ich waren fasziniert über die Fortschritte, die meine Mom machte. Anfangs waren es nur wenige Löffel voll, die sie selbst zum Mund führte. Unsicher, ungeschickt zwar, aber es gelang ihr. Die Pfleger-/innen erzählten mir von den Erfolgen bei den anderen Mahlzeiten.

Und gestern, gestern hat sie die Hauptspeise, Milchreis mit Zimtzucker, und die Nachspeise, eine Quarkspeise, nahezu komplett selbstständig gegessen – sogar das zweite Schälchen Nachtisch. Für mich sieht das so aus, als würde sich die Uhr rückwärts drehen.

Eine liebe Pflegerin, die neben mir saß um einer anderen Dame das Essen anzureichen, flüsterte mir zu: »Genießen sie diese Momente.« – Ja, das tue ich. Sehr sogar.