Wenn die Augen größer als der Mund sind

Rosen wachsen über ein Holzlager

Das Mantra meines Kumpels: „Was die Leute wollen, und was sie wirklich brauchen – ist oft ein großer Unterschied“, habe ich hier schon häufiger bemüht. Festgestellt hat er das bei den Gesprächen mit Kunden, für die er Software entwickelt. Aber die Erkenntnis lässt sich auch in vielen anderen Lebensbereichen beobachten.

Das Mantra erinnert mich an eine Redewendung, die meine Eltern gern verwendeten – zum Beispiel wenn wir uns den Teller mal wieder so voll mit Nudeln gepackt haben, dass schon abzusehen war: die Menge schaffen wir nicht. „Dann waren die Augen mal wieder größer als der Mund.“

Beides, das Mantra wie die Redewendung lässt sich mit einem Wort auf den Punkt bringen: Habgier. Übrigens die zweite von den sieben Todsünden, falls das jemanden interessiert.

Vergangene Woche habe ich eine große Hafenrundfahrt gebucht. Fachleute nennen das Darmspiegelung. Das war eine Vorsorgeuntersuchung die zwar lästig ist, aber ich bin heilfroh, dass wir so etwas haben. Wer so eine Hafenrundfahrt schon mal mitgemacht hat, kennt das Vorprogramm. Du stellst das Essen ein und trinkst in kurzen Zeitintervallen literweise Wasser, bis du zum zweibeinigen Durchlauferhitzer mutierst bist.

Normalerweise ist das kein Ding. Aber dieses Mal, vermutlich wegen der Hitze, habe ich dabei dermaßen mit Kopfschmerzen und Übelkeit zu kämpfen gehabt … Schon gut, schon gut. Ich erspare Euch die Details.

Ein Bedürfnis aber stellt sich jedes Mal und das recht schnell bei mir ein: Hunger. Dabei habe ich eigentlich den Eindruck, dass ich kein großer Esser bin. Auch von Krankenhausaufenthalten kenne ich das. Ich male mir aus was ich mir kochen werde, wo ich essen gehen werde, wenn ich wieder auf dem Damm bin.

Jüngst, also bei den Vorbereitungen zur großen Hafenrundfahrt, aber gingen mir noch andere Bilder durch den Kopf. Ich dachte an meine Großeltern und Eltern, die Hunger wirklich erlebt haben1. Ich dachte an die vielen Menschen, besonders an die Kinder in den Kriegs- und Krisengebiete dieser Welt2, für die Hunger ein „Normalzustand“ ist. – Und ich dachte an die Maslowsche Bedürfnispyramide.

Nach der Maslowschen Bedürfnispyramide zählt Essen zu den Grund- oder Existenzbedürfnissen, also zu den physiologische Bedürfnissen. Aber egal wie wir es auch nennen, ein Leben ohne Essen ist nicht möglich. Ein Leben ohne Flugreise, Auto und Smartphone dagegen schon.

Ich habe mir fest vorgenommen mich jedes Mal wenn ich mal wieder „große Augen bekomme“ zu fragen: Brauche ich das wirklich? Und vielleicht mache ich mir dazu noch eine Liste, eine mit zwei Spalten. Über der einen steht: Notwendig, über der anderen: Luxus.