Warum wir Mountain-Rollatoren brauchen

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Ein Baumpilz auf einem Baumstumpf Ich brauche jetzt ein Pils!

Haben wir eigentlich überhaupt kein Einfühlungsvermögen mehr? Gestern Morgen, es wurde gerade ein bisschen heller, lief ich einen Gehweg entlang und machte mir Gedanken über seinen Zustand. Ein Flickenteppich, vermutlich aufgrund unzähliger Arbeiten unter ihm, für die er geöffnet und wieder geschlossen wurde. Schön geht anders, dachte ich und erkannte weit vor mir einen Mann mit einem Rollator.

Doch statt auf dem Gehweg, ging er mit seinem Rollator mitten auf der Straße. Mutig, mutig, ging es mir durch den Kopf. Denn er trug keine helle Kleidung und hatte natürlich auch keine Rückleuchten. Okay, Gehweg und Straße liegen in einer Tempo-30-Zone. »Aber trotzdem: Warum benutzt du nicht den Gehweg?«, murmelte ich. Dabei hatte ich die Frage bereits selbst beantwortet. Und es gibt noch weitere Antworten.

So ein Flickenteppich-Gehweg ist für Rollator- und Rollstuhlfahrer-/innen mit einer Mountainbike-Tour vergleichbar. Aber wollen die das? Will ein erkrankter Mensch, der sich mit dem Rollator nur langsam bewegen kann und daher früh los geht um zeitig beim Arzt an der Reihe zu sein, das mit einer Mountain-Rollator-Tour verbinden? Wohl kaum. Und die Straßen sind im Vergleich zu den Gehwegen oft weit weniger holprig.

Der zweite Grund ist, viele Gehwege, so auch dieser, sind zu schmal um ihn problemlos mit einem Rollator zu benutzen. Außerdem haben Gehwege immer mehr „Haarnadelkurven“ als Straßen. Haarnadelkurven machen, wenn Mann Motorsport betreibt, sicher Spaß. Aber wenn ich nur von A nach B kommen will und das möglichst schnell, habe ich darauf keinen Bock. Erst recht nicht, wenn ich krank bin und der Weg für mich anstrengend ist.

Gestern war der Gelbe Sack an der Reihe. Und wo standen die gestern Morgen? Die allermeisten blockierten den Gehweg. Die Säcke machten den Weg für den Rollatorfahrer unbenutzbar. Nebenbei: Wenn die Mülltonnen „dran sind“ und auf dem Gehweg stehen, und da stehen die meisten, ist es auch für Fußgänger oft nicht zu vermeiden für eine kurzes Stück auf die Straße zu wechseln. Ein junger Mensch nimmt das nicht weiter wahr. Für gehbehinderte Menschen kann allein das schon eine Tortur sein.

Na gut, aber warum muss der Mann dann mitten auf der Straße gehen? Warum ist er nicht den Straßenrand entlang …? Er konnte gar nicht anders. Zwischen dem blockierten Gehweg und ihm parkten Autos.

Wenn Straßen sehr schmal sind, denken wir als Autofahrer-/innen: Uhh, wie weiche ich eigentlich aus, wenn mir jetzt ein Auto entgegenkommt? Wie oft das wohl Rollstuhl- oder Rollatorfahrer-/innen denken?

Fällt Euch was auf? Einige der Argumente findet man auch bei der Diskusssion „Auto und Fahrrad im Straßenverkehr“. Nur ein Stichwort: Von parkenden Autos blockierte Fahrradwege. Für mich waren die Beobachtungen gestern eine weitere Bestätigung dafür, dass Mobilität und Stadtentwicklung weit überproportional aus der Sicht von Autofahrer-/innen gedacht und geplant wird.

Update:_ Klar, diese Probleme haben auch Eltern die mit dem Kinderwagen die Gehwege benutzen. Selbst wenn sie mobiler als Senior-/innen oder gehbehinderte Menschen sind – um ein derartiges „Hürdenrennen“ zu vermeiden ist es möglicherweise manchmal sicherer, dass Kind mit dem Auto von A nach B zu fahren. Und auch hier wieder die Parallele zu den „Fahrrad-Diskussionen“: Wenn es einfacher und vor allem sicherer wäre mit dem Fahrrad beziehungsweise Kinderwagen durch die Stadt zu fahren, würden es mehr tun. Aber solange das Auto bei den Stadtplanern bevorzugt wird …

Update 25.11.2018: In Gütersloh denkt man in diese Richtung: Bußgeld für frühes Müll-Rausstellen: “Hat die Stadt keine anderen Probleme?” (nw.de, 22.11.2018). Der Grund: „Die Tonnen und gelben Säcke, stundenlang herumstehend und -liegend, verschandeln das Straßenbild, so die Stadt. Außerdem schränkten sie den öffentlichen Verkehrsraum ein.“ (Quelle: nw.de, 17.11.2018) Primär geht es offensichtlich um das Straßenbild. Erst in zweiter Linie wird darauf verwiesen, dass die Tonnen auch den öffentlichen Verkehrsraum einschränken. Welche Konsequenz das für Familien mit Kinderwagen, gehbehinderte Menschen, Rollatorfahrer-/innen, Rollstuhlfahrer-/innen hat, wird nicht herausgestellt. Würde die Stadt das tun, würde auch die Zeitung das explizit hervorheben, hätten vielleicht einige Leute eher Verständnis für das Ansinnen der Stadt. Dass das nicht erfolgte zeigt meines Erachtens, wie „ausgeprägt“ das Einfühlungsvermögen in unserer Gesellschaft ist.