Warum so viel über Fahrradfahrer gemeckert wird

Ich bin begeisterter Fahrradfahrer. Aber ich bin zuweilen auch Autofahrer. Meckern tue ich aber mehr über die Autofahrer. Allerdings habe ich den Eindruck, dass obwohl mehr Autofahrer als Fahrradfahrer unterwegs sind, über die Fahrradfahrer vergleichsweise mehr gemeckert wird. Warum ist das so? Dazu habe ich zwei Thesen.
  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 5 Minuten

Meine erste These

beginne ich mal vulgär: »Die Arschlochrate ist überall gleich.«1 Ich glaube der Satz drückt es deutlicher aus, als sein „euphmistischer“ Pendant: die Gaußsche Normalverteilung.

Aber der Reihe nach: Es gibt bei den Autofahrer-/innen wie auch bei den Fahrradfahrer-/innen eine bestimmte Zahl von guten und weniger guten. Und jetzt begebe ich mich, naiv wie ich zuweilen bin, auf dünnes Eis: Wenn das mit der A-Rate so stimmt, dann ist das Verhältnis der Guten und weniger Guten bei Autofahrer-/innen wie bei Fahrradfahrer-/innen gleich – egal wie viele davon jeweils am Straßenverkehr teilnehmen.

Da hierzulande viel mehr Autofahrer-/innen als Fahrradfahrer-/innen unterwegs sind, ist die Zahl der weniger guten Autofahrer-/innen größer als die der weniger guten Fahrradfahrer-/innen.

Möglich, dass jetzt viele Leserinnen und Leser sagen: das ist doch ein alter Hut. Das ist doch klar. – Ich sehe das auch so. Und trotzdem verwundert es viele Leute, warum so viele weniger gute Fahrradfahrer-/innen unterwegs sind. Das ist meines Erachtens auch nicht korrekt. Dazu eine weitere These:

Weniger gute Verkehrsteilnehmer-/innen meckern mehr. Hinzu kommt, wenn auch nicht bewusst: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Soll heißen: Die Neigung beim Meckern eher auf die anderen Verkehrsteilnehmer-/innen einzuhacken, ist größer. Autofahrer-/innen hacken also eher auf Fahrradfahrer-/innen herum und umgekehrt.

Fazit: Die viel größere Zahl weniger guter Autofahrer-/innen meckert – mit Vorliebe über Fahrradfahrer-/innen. Dadurch entsteht allgemein der Eindruck, die Fahrradfahrer-/innen sind meistens die Bösen.

Mir ist klar, dass in dieser „Berechnung“ möglicherweise noch viele Unbekannte stecken. Aber ich glaube, von der Tendenz kommt das hin.2

Meine zweite These

Gestern schrub ich3: „Wenn wir den Straßenverkehr beobachten und ehrlich mit uns sind, müssen wir doch konstatieren: Das hat mit Auto-fahren nichts mehr zu tun. Das ist nur noch ein einziges Zuckeln. Zehn Meter fahren, stop. Drei Meter fahren, stop. Was soll daran toll sein?“ – Ich unterstelle mal: Stop-and-go mag niemand. Daran kann man sich etwas gewöhnen, aber zwischendurch geht das jedem mal ordentlich auf den Keks. Vor allem wenn man unter Termindruck steht, oder eh schon vom Alltag genervt ist.

Ich denke gerade an die fehlende Brücke in Bad Pyrmont. Dadurch fehlt eine wichtige Verkehrsader. Mit einer Baustellen-Ampelanlage wird der Verkehr umgeleitet. Natürlich verursacht das Staus. Damit möglichst viele Autos bei Grün fahren können, müssen alle zügig reagieren und möglichst dicht hintereinander fahren. Wenn ein Autofahrer mal kurz pennt, dann können drei, vier Autos weniger bei Grün fahren. Sowas nervt.

Klar, auch Fahrradfahrer-/innen sind Menschen und bieten viele Gelegenheiten, sich über sie zu echauffieren. Das tue ich auch – und nicht zu knapp.4 Da hat man gerade mal keine Schnarchnase von Autofahrer vor sich, und dann strampelt da ein Fahrradfahrer auf der Straße entlang!

Statt schön weit rechts bei den parkenden Autos am Straßenrand zu radeln, strampelt der fast mitten auf der verbliebenden Fahrbahn! »Alter, ich habe keine Zeit!« Das der Fahrradfahrer vielleicht auch keine Zeit zu verschenken hat – egal? »Er hätte ja auch mit dem Auto fahren können!« Und das er deswegen fast mitten auf der Fahrbahn strampelt weil da a) parkende Autos die Fahrbahn einengen und keine parkenden Fahrräder, und b) weil er bei den am Straßenrand parkenden Fahrzeugen Autofahrer-/innen einplant, dass die einfach mal die Tür aufreißen ohne zu gucken – auch egal? »Und weil ich nicht auf die Gegenspur ausweichen kann um den Fahrradfahrer zu überholen, muss ich mit dem Auto gefühlte Stunden hinter einem Fahrradfahrer hinterher fahren?!«

Der Haken an der geschilderten Verkehrssituation ist, der Fahrradfahrer hat sich nicht falsch verhalten. Kann es sein, dass wir Autofahrer-/innen solche Situtationen überbewerten? Kann es sein, dass wir Fahrradfahrer-/innen als lästig-er empfinden? Wir erleben unzählige Situationen, bei denen wir uns mehr oder weniger bewusst über andere Autofahrer-/innen aufregen. Und jetzt kommt da ein Fahrradfahrer, der mir das Leben zusätzlich schwer macht?!

Kann es sein, dass wir Autofahrer-/innen die vergleichsweise wenigen ärgerlichen Situationen mit Fahrradfahrer-/innen länger im Bewusstsein halten? Zu diesem ganzen Stop-and-go womit wir uns rumschlagen müssen, kommen jetzt noch die Fahrradfahrer-/innen! Geht ja gar nicht!

Fazit: Unter dem Strich meckern Autofahrer-/innen viel mehr über andere Autofahrer-/innen als über Fahrradfahrer-/innen. Aber die wenigen miesen Situationen mit Fahrradfahrer-/innen kann man sich besser merken.

Und wenn man jetzt die beiden Thesen zusammenschiebt, potenziert sich das Ergbnis noch.

Der eigentlich Grund für das ganze Meckern der Autofahrer-/innen ist aber ein anderer. Das hat mit Fahrradfahrer-/innen kaum, und mit anderen Autofahrer-/innen weniger zu tun. Wir alle hassen Stop-and-go. Wir wollen fluffig von A nach B kommen. Wir wollen cruisen und nicht hoppeln. Das ist aber leider immer weniger möglich. – Und warum?3

PS: Fällt mir gerade ein: Andreas schreibt oft von Zeitungsartikeln und Polizeiberichten, in denen von Fahrradfahrer-/innen berichtet wird die Unfallopfer wurden. Und trotzdem suggerieren diese Texte häufig, dass die Fahrradfahrer-/innen eine Mitschuld hatten. Beispiel: „Autofahrer nahm Fahrradfahrerin die Vorfahrt. Aber der Fahrradfahrer trug keinen Helm!“ Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Möglicherweise lässt sich das mit den obigen Thesen erklären.


  1. Ich habe diese Behauptung von einem lieben Bekannten. Aber so vulgär sie auch daher kommt, ich finde da ist eine Menge dran. [return]
  2. Liebe Mathematiker-/innen unter den Leserinnen und Lesern. Ihr könnt mir gern schreiben, wo hier der Hase im Pfeffer liegt. [return]
  3. Siehe: Verkehrspolitik und der Sand in den Augen II [return]
  4. Klare Sache: Ich kann für mich keinen Persilschein beanspruchen. Ich mache Fehler. Reichlich. Ich bin nicht Jesus. Aber ich arbeite dran. ;-) [return]