Warum Schweigen falsch ist

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Grasende Kühe

Das Overton-Fenster ist die Theorie von der Existenz eines Rahmens für eine akzeptable Meinungsvielfalt in öffentlichen Stellungnahmen, unter dem Gesichtspunkt der öffentlichen Moral. Nach diesem Modell enthält dieses Fenster eine Reihe von Postulaten, die im aktuellen Klima der öffentlichen Meinung als politisch akzeptabel angesehen werden, die ein Politiker empfehlen kann, ohne als zu extrem zu wirken, um ein öffentliches Amt zu erhalten oder zu behalten.

— de.wikipedia.org: Overton-Fenster

Das sich unser Overton-Fenster in den vergangenen Wochen sehr gravierend verändert hat, bestreitet vermutlich niemand. Im Netz sind viele Artikel darüber zu lesen. Ein Beispiel veranschaulicht Thomas Knüwer in seinem Blog-Beitrag: „Die Zeit“ öffnet das Overton-Fenster.

Selbst der Präsident unseres Bundesverfassungsgerichtes, Andreas Voßkuhle, rügt die Rethorik der Politiker beim Thema Flüchtlinge – und wird gleich darauf von einem Bundestagsabgeordneten dafür angegriffen. Das der ehemalige Bundesinnenminister seinen Tweet noch mit dem Hashtag #hybris1 versieht, ist geradezu bezeichnend.

In Wahrheit entscheiden nicht der Ausbau des Glasfasernetzes darüber, wie fortschrittlich eine Gesellschaft ist. Heute basteln wir an künstlicher Intelligenz und selbstfahrenden Autos und sind trotzdem so dumm wie vor hundert Jahren. Wir springen auf die selben primitiven Reflexe an.

Katharina Nocun: Die fetten Jahre sind vorbei, kattascha.de, 24.7.2018

Was sollen wir dagegen machen? Sollen wir es weiter wie die Kühe oben auf dem Foto halten, uns peinlich berührt umdrehen und weitergrasen, so, als wäre alles in Ordnung? Sollen wir weiter dazu schweigen und ignorieren, dass immer mehr Menschen Menschen hassen?

Wenn zu viele Menschen ihren Mund halten, obwohl sie laut sein sollten, können die Immerlauten sich und der Öffentlichkeit einreden, sie repräsentierten die Mehrheit. […] Die schweigende Mehrheit ist in einer liberalen Demokratie keine Mehrheit. Eine stumme Mehrheit kann ohne großen Aufwand Extremisten an die Macht schweigen.

Sascha Lobo: Wir schweigen Extremisten an die Macht, www.spiegel.de, 25.7.2018

Und ich befürchte, wir haben schon zu lange geschwiegen. Denn die Lauten, an deren Getöse wir uns seit einigen Monaten stören, sind nur die Spitze des Eisberges. Was darunter liegt, das können wir erahnen wenn wir auf vermeintliche Nebensätze und Zwischentöne achten. Und dieser Teil des Eisberges ist, das ist meine Beobachtung, sehr, sehr viel größer.

Jetzt ist der Zeitpunkt um dagegen zu halten. Denn das einzige Immunsystem, das unsere Gesellschaft vor dem Abdriften schützen kann, sind wir selbst.

schreibt Katharina Nocun in ihrem Artikel. Ja, richtig. Die Frage ist nur wie – mit welcher Rethorik, auf welchem Niveau? Bedienen wir uns des gleichen Stils, sind wir „verbrannt“.

So hab Respekt wenn du mich triffst,
mach’s mit Sympathie und Verstand,
und zeige mir wie höflich du bist,
oder ich hab deine Seele in der Hand.

— Aus der Lindenberg-Coverversion von „Sympathie für den Teufel“2


  1. Ich muss an der Stelle einfach noch mal die Begriffserklärung bringen: „Die Hybris […] bezeichnet eine extreme Form der Selbstüberschätzung oder auch des Hochmuts. Man verbindet mit Hybris häufig den Realitätsverlust einer Person und die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, Leistungen und Kompetenzen, vor allem von Personen in Machtpositionen.“ (Quelle: de.wikipedia.org) [return]
  2. Das ist eine Textpassage aus der Lindenberg-CoverVersion des Musikstückes von den Rolling Stones: „Sympathy for the devil“. Udo Lindenberg hat das Stück gecovert und es „Sympathie für den Teufel“ genannt. Im Original lassen die Stones „den Teufel so zu Wort kommen“: »So if you meet me, have some courtesy, have some sympathy, and some taste. Use all your well-learned politnesse, or I’ll lay your soul to waste.« [return]