Warum das mit der Digitalisierung so schlecht läuft

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Heute Morgen habe ich zufällig ein Interview mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff gelesen. Eine Aussage daraus, die ich so oder ähnlich schon oft gehört oder gelesen habe, möchte ich mal kurz zitieren:

Hinzu kommt die Digitalisierung. Jeder kann seine Meinung verbreiten, so absurd sie auch sein mag. Die Logik des Netzes führt zu Echokammern und dazu, dass Menschen glauben, ihre Verschwörungstheorien würden von vielen geteilt. Das erschwert Austausch und Wettbewerb unterschiedlicher Meinungen – die wir aber in einer Demokratie dringend brauchen.

— Christian Wulff 1

Schon den ersten Satz finde ich interessant. Denn ein paar Monate vor der jüngsten Bundestagswahl hätte er vermutlich nicht die Digitalisierung, sondern das Internet für verantwortlich erklärt. Jetzt aber ist es die Digitalisierung …

Doch nun zum entscheidenden Satz: „Jeder kann seine Meinung verbreiten, so absurd sie auch sein mag.“ Ja, das ist so. Das war auch schon vor dem Internet so. Denn „verantwortlich“ dafür ist möglicherweise dieser Satz hier:

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.

Artikel 5, Absatz 1, Satz 1 Grundgesetz

Ich bin mir sicher, dass der ehemalige Bundespräsident nicht gegen das Grundgesetz ist; und auch nicht gegen die Meinungsfreiheit. Aber wenn ich solche Äußerungen höre oder lese bin ich immer geneigt noch mal nachzufragen: Hast Du etwas gegen unsere Verfassung? Oder vielleicht sogar gegen die Menschenrechte?

Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte

Womit Herr Wulff und etliche andere Menschen offensichtlich noch immer hadern, ist das Internet. Die Zeit, in der nur „wichtige“ Leute ins Horn tuten durften, ist passé. Neben Fernsehen, Radio und Zeitungen gibt es, und das nicht erst seit der jüngsten Bundestagswahl, das Internet. Denn seit dem Internet kann jeder ungefragt das „Megaphon“ in die Hand nehmen.

So sehr das einige Mitmenschen auch stören mag, im Vergleich zu den „alten“ Medien wie Fernsehen, Radio und Zeitung ist das Internet wesentlich demokratischer. Haben Mitmenschen die so reden und schreiben wie Herr Wulff etwas gegen mehr Demokratie?

Und dann sagt er diesen Satz: „Das erschwert Austausch und Wettbewerb unterschiedlicher Meinungen – die wir aber in einer Demokratie dringend brauchen.“ Ist das nicht paradox? Okay, ich habe den Satz aus dem Kontext des vorhergehenden gerissen. Darin macht Christian Wulff die Echokammern des Netzes für häufig verbreitete Verschörungstheorien verantwortlich. Und diese würden den Austausch unterschiedlicher Meinungen erschweren.

Nebenbei: Eine Meinungen zu haben ist das eine, dafür auch haltbare Argumente zu haben, das andere. Ich bilde mir meine Meinung nicht aus anderen Meinungen, sondern aus Argumenten.

Zurück zum Thema: Klar, Echokammern können Probleme bereiten und sind dann ziemlich lästig. Ich bestreite nicht, dass viele Menschen die Möglichkeiten des Internets nutzen um damit üble Dinge anzustellen. Und ja, viele Menschen können mit der „neu“ gewonnenen Macht (noch) nicht besonnen umgehen: Das ist ja auch so schön laut, so ein Megaphon.

Aber damit müssen wir leben. Diese „Problematik“ lässt sich gut mit dem Straßenverkehr vergleichen. Dort gibt es, wie im Internet auch, Regeln, dort gibt es viele Gefahrenquellen, und auch dort sind Erfahrungen vorteilhaft. Aber ich kann keine Erfahrungen sammeln, wenn ich nicht aus dem Haus gehe. Und genau das haben viele Leute, auch viele Politiker2 und Entscheidungsträger viel zu lange gemacht. Sie haben ihre Komfortzone nicht verlassen.

Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.

— Mahatma Gandhi

Und jetzt fehlt ihnen die Erfahrung. Einige Politiker probieren es, indem sie genauso laut und schräg wie die „Echokammern“ ins Horn tuten. Die Krux ist, die da draußen im Netz sind mehr. Die übertönen die einfach. Komisch wird es dann, wenn dieselben Politiker dann von einem vergifteten Klima sprechen. Öl ins Feuer gießen ist möglicherweise doch keine geeignete Lösung.

Ich komme noch mal auf die Aussage von Christian Wulff zurück, die mir inhaltlich sehr ähnlich leider noch viel zu oft unterkommt: „Hinzu kommt die Digitalisierung. Jeder kann seine Meinung verbreiten, so absurd sie auch sein mag.“ – Bei den großen Online-Versandhändler würde da jetzt stehen: Kunden Politiker die das gekauft gesagt haben, haben auch „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum!“ gekauft gesagt.

Was offenbaren Politiker und Entscheidungsträger, wenn sie das sagen? Ich mag nicht, wenn ich Macht teilen muss? Ich mag nicht, wenn ich mein Handeln rechtfertigen muss, wenn ich argumentieren muss? Ich mag nicht wenn mir so viele Menschen widersprechen?

Was offenbaren Medien, die solche Aussagen in Interviews nicht hinterfragen? Warten auch sie darauf, dass sich die Zeit zurück dreht, dass das Internet wieder weg geht?

Noch mal: Gern möchte ich glauben, dass Christian Wulff es gut meint. Ich habe mich über diesen Teil des Interviews auch nur gestürzt, weil er exemplarisch auch dafür steht, warum das mit der Digitalisierung so schlecht läuft. Politiker und Entscheidungsträger zeigen mit Aussagen wie diesen, dass ihnen die Erfahrung fehlt im lärmenden Internetverkehr zu agieren, dass ihnen die Erfahrungen und das Wissen fehlt, auf Fehlentwicklungen die dort entstanden sind adäquat zur reagieren.

Doch wer keine Erfahrung im Netz gesammelt hat, wer sogar Angst davor hat sich darin zu behaupten, der ist wohl kaum geeignet die Digitalisierung voranzutreiben.

Update 1.11.2018: Hier eine kleine Ergänzung zum Text: Tafelisierung


  1. Druckausgabe der Pyrmonter Nachrichten vom 15.9.2018, Seite 5, 1. Überschrift: „Ich streite für ein offenes Deutschland“, 2. Überschrift: Der frühere Bundespräsident Christian Wulff fordert Engagement gegen Demokratiefeinde. [return]
  2. Auch unsere Bundeskanzlerin zählte bis 2013 dazu als sie postulierte: Das Internet ist für uns alle Neuland. [return]