Viehzählung 1.0

Zur Abwechslung eine Geschichte aus der anlalogen Zeit: Wie ich als angehender Bürohengst mal kurz zum Amtmann wurde.
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Viele stehen in einem Halbkreis Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs …

Vor ein paar Tagen hat sich eine Kollegin von mir in den verdienten Ruhestand verabschiedet. Klar haben wir alte Geschichten ausgekramt: »Weißt du noch damals? …« Und wenn ich alte Geschichten schreibe, dann sind das wirklich alte. Geschichten vor der Digitalisierung. Oder sagen wir mal so, Geschichten aus einer Zeit, in der Frieda-Normalverbraucherin damit noch keine Berühungspunkte hatte.

»Hier ist die Liste der Landwirte, bei denen du das Vieh zählen musst! Und hier sind die Vordrucke, die du dann ausfüllst«, sprach der Standesbeamte1, und drückte mir einen Stapel von Totholz in die Hände.

Ich war noch jung, knackig und Stift. Von nix eine Ahnung aber davon viel. Als ich mir die Fragebögen anschaute, wurde mir mulmig. Rinder, Schweine, Pferde, Hühner und Gänse konnte ich auch schon damals auseinanderhalten. Aber das wäre ja zu einfach. Wie sich das gehört, waren die Vordrucke wesentlich diffiziler gestaltet und die Fragen gingen sehr ins Detail. »Heiße ich James Herriot?!2 Soll ich mich etwa unter die Viecher legen und nachgucken?«, fragte ich mich mit Schweißperlen auf der Stirn. Vor meinen Augen sah ich wie James Herriot sich einen Hemdsärmel hochkrämpelt, um hernach seinen Arm bis zu den Achseln in den Hintern einer Kuh zu schieben. Toller Job!, ging es mir durch den Kopf. Doch ich tat wie mir geheißen.

Hätte ich doch schon damals gern geschrieben! Jeder Hof wäre eine Geschichte wert. Schon, um ein solches Zeitfenster aus der analogen Zeit mal zu dokumentieren.3 Hofhunde die mich „freudig“ begrüßten, Landwirte die ich erst mal suchen musste, weil sie ja eben nicht den ganzen Tag an einer Stelle kleben wie ein Bürohengst4, der ich ja mal werden wollte, und so weiter.

Ich sehe mich noch an der Stirnseite eines langen Küchentisch sitzen. Links neben mir bullerte der Ofen. Das riesige gusseiserne Gerät war ein Küchenherd, auf dem bereits Töpfe standen. Rechts stand ein langes Sofa auf dem der Bauer ein Nickerchen hielt. Es störte ihn offensichtlich überhaupt nicht, dass ich, nervös mit dem Papierkram raschelnd, in unmittelbarer Nähe seines Kopfes saß. Mir gegenüber, auf der anderen Stirnseite des Tisches saß die Bäuerin. Sie war genauso lieb wie wuchtig. Zwischen uns, mitten auf dem Tisch stand ein großer Topf mit Wasser, in dem schon einige KartoffelViertel schwammen. Während ich ihr die Fragen stellte, pellte sie munter weiter Kartoffeln, viertelte sie und warf sie in den Topf. Was hin und wieder dazu führte, dass die Vordrucke auf meiner Seite des Tischendes eine kleine Dusche abbekamen. Sie schmunzelte die ganze Zeit. Und wenn sie sich bei den Antworten nicht sicher war, fragte sie: »Oder Eduard? Von denen haben wir doch fünf?« Eduard aber brummte meistens nur.

Wenn ich mich heute im Freilichtmuseum in Detmold in den alten Bauernhöfen umschaue, denke ich oft an Szenen wie die gerade beschriebene. Tatsächlich habe ich sowas noch in Betrieb gesehen. Unglaublich.

»Wenn du zu uns kommst, sagst du mir aber Bescheid!«, hatte mir meine Kollegin auf den Weg gegeben. Auch bei ihren Eltern musste ich viehzählen. Nachdem ich mit meinen Fragen durch war, ging es an die Kür: »Jetzt trinken wir erstmal einen Schnaps!« Es blieb nicht bei einem. Und ich weiß nicht mehr, wie ich von da oben nach Hause gekommen bin.

Vermutlich hat mich ihr Vater in einer Mistkarre nach Hause geschoben. »Schaut ihn euch an! Kein ausgewachsener Bürohengst, aber schon besoffen wie’n Amtmann!« Das war natürlich nicht so. Aber ins Bild gepasst hätte es schon.

Es kam nicht selten vor, dass ich mit den Landwirten nach der Pflicht ein, zwei oder auch schon mal drei Schnäpschen getrunken habe. Das war damals so usus. Was heutzutage der Kaffee ist, war früher der Alkohol. Heute unvorstellbar. Alkohol im Dienst?! Weia! Mitunter wurden mir auch „Deputate“ wie Äpfel oder Birnen in die Hände gedrückt. »Hier! Nimm mit! Und liebe Grüße an deine Eltern!«

Und ja, natürlich bin ich immer der legendären Bauernschläue erlegen gewesen. »Ach, Viehzählung? Ist es schon wieder so weit?« Und im Stall angekommen mit einer einladenden Geste: »Na, dann zähl mal durch!« Doch all meine Sorgen und Befürchtungen erfüllten sich nicht. Es waren immer Viehzählungen ohne zu zählen. Ich war nur der Protokollant.


  1. Falls Ihr Euch fragt: Der Standesbeamte?! Jepp. Das war so. Ist heute, trotz Digitalisierung, noch nicht viel anders. Wir sind halt vielseitig einsetzbar. [return]
  2. Kennt Ihr noch die Serie Der Doktor und das liebe Vieh? Nicht? Dann wisst Ihr jetzt, wie alt die Geschichte ist. Die Fernsehserie basiert auf den Erzählungen des Tierarztes James Herriot. [return]
  3. Siehe: Warum es sich lohnt, im Netz zeitnah zu dokumentieren. [return]
  4. Wieso eigentlich BüroHengst? Kann mir das mal jemand erklären? Warum nicht BüroRind oder BüroSchwein? [return]