Verkehrspolitik und der Sand in den Augen II

Vor einiger Zeit schrieb ich einen Text mit dem Titel: Verkehrspolitik und der Sand in den Augen. Dazu hier ein Kommentar von Andreas und ein Rant von mir.
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Andreas schrieb mir:

Zum Artikel https://soheit.de/2018/verkehrspolitik-und-der-sand-in-den-augen/ kann ich Dir aber nur uneingeschränkt zustimmen.1 Die ganze Argumentation mit dem Gewissen, Klima, Gesundheit ist wenig zielführend. Die Menschen wollen kein schlechtes Gewissen eingeredet bekommen.

Gestern war ich auf einem Diskussionsworkshop der VHS Löhne mit Daniel Wegerich, dem Geschäftsführer des ADFC in NRW und der hatte einen schönen Satz - ich glaube aus Dänemark - warum Menschen mit dem Fahrrad fahren: Weil es bequem und sicher ist!

Genau dahin muss die Politik und die Verwaltungen arbeiten. Nicht an das Gewissen apellieren, sondern Infrastruktur schaffen oder andere Verkehrsarten soweit sensibilisieren (von mir aus auch mit Druck, freiwillige Selbstverpflichtungen bringen nie etwas - siehe Rauchverbot), dass Menschen sehen “Fahrradfahren ist bequem und sicher”. Ich fahre wirklich aus Bequemlichkeit mit dem Rad. Es ist schneller, ich kümmere mich nicht um Parkplätze, ich kann die Fahrtzeit besser planen und auch wenn die bessere Hälfte vor einigen Wochen von einem Deppen der nicht geguckt hat auf den Asphalt geschickt wurde - ja, Fahrradfahren ist auch sicher.

Die anderen Verkehrsarten sind der Gefahrenfaktor. Diese Drehung im Denken ist der ganz große Schritt, den wir hinbekommen müssen!

Andreas berichtet regelmäßig von seinen Erlebnissen als Fahrradfahrer im Straßenverkehr. Und was er erzählt, lässt mich oft den Kopf schütteln. Viele seiner Schilderungen habe ich so oder ähnlich auch schon erfahren. Wie kommen wir zu einer Lösung?, fragte ich ihn und ergänzte: So lange die Autolobby so stark ist, befürchte ich, das wird nichts.

Genau das ist das Problem! Nachdem ich gestern auf einem Workshop des ADFC vom Geschäftsführer des ADFC in NRW erklärt bekam (die anderen im Raum natürlich auch), dass die Linie des ADFC nun nicht mehr das Vehicular Cycling, sondern das Kümmern um die besorgten Radfahrenden bzw. nicht Radfahrenden ist, die sich auf separierten Geh- und Radwegen sicherer “fühlen”, bin ich etwas konsterniert.

Es wird immer Holland als Paradebeispiel genannt, aber die haben an den Knotenpunkten tatsächlich die gleichen Probleme wie wir. Und holländische Autofahrer im Ausland können mit Fahrradverkehr gar nicht umgehen! Katastrophal. Der Vorteil in Holland ist, dass die vor Jahrzehnten angefangen sind, konsequent Flächen für den Radverkehr einzuplanen. Das haben wir hier verpennt und jeden Quadratmeter für den MIV reserviert. Mit den fatalen Folgen die wir nun haben. Da muss angesetzt werden.

Andreas hat dazu auch einen Artikel geschrieben: Wie steigert man den Radverkehrsanteil.

Mit meinen Gedanken war ich eigentlich an ganz anderen Schauplätzen. Aber nach dem Lesen seiner Ausführungen muss ich einfach mal wieder wettern:

„Ich fahre wirklich aus Bequemlichkeit mit dem Rad. Es ist schneller, ich kümmere mich nicht um Parkplätze“, schreibt Andreas. Tatsächlich ist das auch ein Argument von mir. Ich hasse es, mich mit dem Auto durch den verstopften Stadtverkehr zu popeln. Dabei leben wir hier auf dem Land. Aber auch hier nimmt dieses nervige stop and go immer mehr zu. Und auch die Suche nach Parkplätzen finde ich zeitraubend, ätzend.

Mitunter versuche ich mit Freundinnen und Freunden oder Kolleginnen und Kollegen Wetten abzuschließen. Wetten, dass ich schneller am Zielort bin als du mit dem Auto? Und ich meine damit auch Zielorte, die in der Nachbarstadt Bad Pyrmont liegen und dort sogar am gegenüberliegenden Berg. Dafür muss ich mich zurzeit noch nichtmal ins Zeug legen. Denn in Bad Pyrmont fehlt seit Monaten die wichtigste Brücke (sie wird neu gebaut). Niemand hat bislang die Wette angenommen. Vielleicht ahnen sie, dass ich das schaffen kann. Die meisten von ihnen könnten das auch selbst hinbekommen, wenn sie denn wollten.

Gestern erzählte mir jemand, dass ihm das Eiskratzen morgens auf den Keks geht. In der Zeit könnte er auch mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren sein, gestand er. Aber dazu sei er zu bequem. Ich frage mich, was daran bequem ist. Er kann noch nichtmal bis vor seine Arbeitsstelle fahren. Er muss noch vom Parkplatz dorthin wandern.

Verkehr ist die räumliche Bewegung von Objekten in einem System.

— de.wikipedia.org: Verkehr

Wenn wir den Straßenverkehr beobachten und ehrlich mit uns sind, müssen wir doch konstatieren: Das hat mit Auto-fahren nichts mehr zu tun. Das ist nur noch ein einziges Zuckeln. Zehn Meter fahren, stop. Drei Meter fahren, stop. Was soll daran toll sein?

Die ganzen Diskussionen um E-Autos und autonom fahrenden Autos sind meines Erachtens auch zu kurz gehopst. Verstopfte Straßen sind verstopft2. Egal mit welchen Autos.

Vor einigen Jahrzehnten haben wir Fußgängerzonen angelegt, damit die Leute in Ruhe einkaufen gehen können. Das werden wir für die Städte ähnlich machen müssen. Egal ob motorisiert, elektrifiziert oder autonom fahrend – der weiter wachsende Individualverkehr mit flächenfressenden Fahrzeugen wird in den Städten zum Kollaps führen. Da geht dann nichts mehr mit räumlicher Bewegung von Objekten.

Aber soweit ich das überblicken kann, sehe ich in den Städten niemanden der den Mut hat aufzustehen und zu sagen: Wir müssen den Individualverkehr mit flächenfressenden Fahrzeugen aus den Städten zurückdrängen! Ich habe das schon einige Male so kund getan. Es hat mir Ärger eingebracht. Aber Argumente die das widerlegen, oder bessere Lösungen habe ich nicht gehört.

Die Städte werden kollabieren, aber das ist uns egal. Wir haben ja SUV’s. Dazu ein Tweet von Matthias Oomen.

Oh, das ist mir beim Surfen gerade vor die Füße gefallen: 6. Nationaler Radverkehrskongress am 13. und 14. Mai 2019 in Dresden. Wenn ich das richtig sehe, ist das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Veranstalter. Verkehr und Breitband? Ein Schelm wer dabei ins Grübeln kommt.

Update 20.1.2019:

Andreas amüsiert sich auch über den Begriff „Radsaison“: Wie man im Winter mit Fahrrädern umgehen sollte. Dazu ist mir etwas eingefallen:

„Fahrradsaison“ – ja, davon lese ich auch oft. Und wenn es warm wird heißt es wieder: „Radeln fürs Klima“ oder „Stadtradeln“. Wie wäre es, wenn man solche Aktionen mal in den Wintermonaten startet? Dann, müssen die Leute nicht minutenlang bei laufenden Motor die Scheiben ihres Autos vom Eis befreien. Dann setzen sich alle einfach aufs Rad und machen „Kilometer fürs Klima“. Wer dabei dann nicht mitmacht, der ist „Fahrradsaison“. Und für den hat das Jahr vermutlich auch nur sechs Monate.


  1. Seine Einschränkung bezieht sich auf die nicht vorhandene Möglichkeit, hier bei soheit.de direkt einen Kommentar zu hinterlassen. Es gibt hier kein Kommentarformular. Aber man kann mir E-Mails schreiben. Dass das funktioniert, sieht man ja. ;-) [return]
  2. Siehe: Wir verstopfen uns. [return]