Unsere Sprache ist wie unsere Kleidung

Blüte

Wenn Ihr mal in den uralten Artikeln von soheit.de blättert, wird Euch vielleicht auffallen dass ich mich eine Zeit lang auch mit dem Thema Sprache auseinandergesetzt habe. Zum Beispiel fand ich Denglisch ganz, ganz böse. Tja, damals, als die Spatzen noch Gamaschen und Ärmelschoner trugen …

Sprache ist immer im Fluss, wir “panschen” mit ihr also jedes Mal, wenn wir sie verwenden.

Anatol Stefanowitsch, Quelle: www.heise.de

Das soll aber nicht heißen, dass mir die Sprache piep-egal ist. Denn Sprache ist nicht nur ein Vehikel um uns zu verständigen, sie ist wie unsere Kleidung – wir präsentieren uns darüber.

Und dann gibt es ja noch das:

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Artikel 3, Absatz 3 Grundgesetz

Magst Du Zigeunerschnitzel, Negerküsse oder Judensülze1? Letzteres mag ich zum Beispiel sehr gern. Aber darum geht es nicht. Lichtjahre habe ich nie über diese Bezeichnungen nachgedacht. Nie habe ich mit den Begriffen etwas schlechtes verbunden.

»Ich meine das doch nicht so! Du kennst mich doch!« Ihr kennt solche Reaktionen. Auch ich habe mir das oft so zurechtgelegt. Ich bin doch kein Antisemit, nur weil ich diese Zwiebel-Sülze mag, versuchte ich mich zu beruhigen. Doch schon bald fragte ich mich: Wie wird das eine Jüdin sehen, die mich nicht kennt?

Stelle andere sprachlich nicht so dar, wie du nicht wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle darstelle.

— Anatol Stefanowitsch, Quelle: www.maz-online.de

Es beginnt damit, dass ich bis heute nicht erklären kann warum das Schnitzel, der „Kuss“ und die Sülze so bezeichnet werden. Was ist die Geschichte dazu? Was haben sich die Namensgeber dabei gedacht? Wie waren die drauf? Wie sieht der gesellschaftliche Kontext dazu aus? Ich habe keinen Schimmer.

Es kommt weit weniger darauf an welche Bedeutung ich solchen Begriffen beimesse. Heute mache ich mir eher Gedanken darüber, wie solche Begriffe bei meinem Gegenüber ankommen. Und wenn du nicht weißt wie das bei den Betroffenen ankommt – lass es weg.

Ich bin Christ. Irgendwie. Was denke ich, wenn mir jemand »Christstollen!« zuruft? Nix. Ich störe mich nicht an der Bezeichnung. Aber ich mag ihn nicht, esstechnisch gesehen. Auch beim Christstollen weiß ich nicht, warum der so heißt. Gleichwohl ist das alles für mich keine Rechtfertigung dafür, munter weiter den SchokoKuss N[…]Kuss zu nennen. Wenn mir das trotzdem rausrutscht, habe ich ein schlechtes Gewissen.

Ein anderes Beispiel: Kürzlich erzählte mir jemand, dass sie für einen Ausbilderschein eine Art Hausarbeit schreiben sollte. Offiziell nennt sich das wohl: „Ausbildung der Ausbilder (AdA)“. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat die Dozentin im Unterricht diesen Einleitungstext vorgegeben: „Damit die nachfolgende Unterweisungsprobe leichter gelesen werden kann, wird hier von ‚dem Auszubildenden‘ geschrieben. Frauen und Männer sind jedoch gleichermaßen angesprochen.“

Bin ich ein Moralapostel wenn ich frage: Warum heißt das Ausbilderschein? Eine Ausbilderin mit einem Ausbilder-Schein? Interessant finde ich auch, dass die Dozentin auf das Thema nicht weiter eingeht. Und das, wo sie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ausbildet.

Ja, dieses „Multiplikatorinnen und Multiplikatoren“ stört den Lesefluss. Zurzeit benutze ich an solchen Stellen das Sternchen: „Multiplikator*innen“. Eine zeitlang habe ich auch einen Unterstrich oder die Binnen-I-Variante statt des Sternchens benutzt. Unsicher bin ich mir nach wie vor.

Der künftigen Ausbilderin habe ich empfohlen, ein bisschen vom Gelernten abzuweichen und in der Hausarbeit zu schreiben: „Damit die nachfolgende Unterweisungsprobe leichter gelesen werden kann, wird hier von ‚der Auszubildenden‘ geschrieben. Männer und Frauen sind jedoch gleichermaßen angesprochen.“

Gestern unterhielt ich mich zufällig mit ein paar Leuten über solche Dinge. »Ah Volker, ich finde du übertreibst das!« Ja, mag sein, mitunter. Mir geht es darum, sensibel zu bleiben, dass wir uns solche Dinge häufiger bewusst machen. Denn mit unserer Wortwahl offenbaren wir wie empathisch wir wirklich sind, wie viel Mitgefühl wir wirklich für unsere Mitmenschen haben.


  1. Auch hier in der Region heißt es zur Kartoffelerntezeit oft: Wollen wir Kartoffelbraten? Damit ist das Braten der Kartoffeln in der Glut von heruntergebranntem Buchenholz gemeint. So einfach wie das klingt, ist das eine kleine Wissenschaft. Wie auch immer: Zu den gebratenen Kartoffeln werden hier üblicherweise Leberwurst, Butter und Judensülze gereicht.
    Das Rezept von der Sülze, die für mich eher einem Salat ähnelt, ist mir nicht bekannt. Es variiert wie viele Rezept auch. Hauptbestandteil sind jedenfalls kleingeschnittene Zwiebeln. Einige mischen auch noch kleingeschnittene, saure Gurken in die Sülze. Wie gesagt ich bin ein Fan von dieser Zwiebel-Sülze. [return]