Unsere Jugend und wir (Update: 6.1.2019)

Jetzt rede ich schon wie Aristoteles und Sokrates. Die angeführten Aspekte sind sicher Anlass zur Sorge. Aber die Geschichte sagt: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.
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Ein Pilz Wie ein Pilz in der Brandung

Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die [Erwachsenen] von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.

Aussagen wie diese höre ich häufiger. Natürlich immer von Leuten, die wie ich, nicht mehr zur Jugend zählen. Und fast jedes Mal wenn ich mit solchen Kommentaren konfrontiert werde, verweise ich auf Aristoteles und Sokrates. Von Aristoteles stammen zum Beispiel die oben zitierten Sätze.1

Schon gestandene Männer wie Aristoteles und Sokrates haben es also gewusst: Wenn morgen diese Welt mit Vollgas gegen die Wand fährt, dann ist ja klar warum – weil die Jugend einfach unfähig ist die Kugel zu lenken. Nun, über 2.000 Jahre stellt sich heraus: Die Erde dreht sich noch. Und das „Vertrauen“ der Alten in die Jugend ist unverändert.

Und jetzt komme ich daher, und reihe mich da ein …

Neulich unterhielt ich mich mit einem wissenschaftlich arbeitenden Pädagogen. Er erzählte mir von einem Phänomen das ihm und anderen Kolleginnen und Kollegen schon seit einiger Zeit beschäftigt. Viele eigentlich unauffällige Kinder, also Kinder ohne besonderen Förderbedarf, hätten Schwierigkeiten, Informationen vom Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis zu transportieren. Ich fragte ihn nach den Gründen. Darüber könne man zurzeit nur spekulieren, sagte er. Immer häufiger würden seine Kolleginnen und Kollegen ihre Arbeit eher wie die eines Reperaturbetriebes empfinden.

Nur kurze Zeit nach dem Gespräch, führte ich zufällig eines mit einer erfahrenen Kindergartenleiterin, die auf viele Jahre Praxis zurückblicken kann. Ich fragte sie, ob sie im Laufe der Jahre eine Veränderung bei den Kindern beobachtet hat. Sie habe den Eindruck, dass die Kreativität der Kinder abgenommen habe. Sie habe auch das Gefühl, dass die Menschen egoistischer geworden sind.

Ein Künstlerehepaar mit dem ich mich unterhielt, berichtete ähnliches. Interessant war, dass der Künstler bei einem Erklärungsversuch haargenau das Beispiel anführte, welches auch ich gerne verwende: Früher hatten wir eine Kiste von Legosteinen, aus denen wir je nach Tageslaune ein Haus, ein Auto oder auch ein Raumschiff bauten. Heute gibt es für das alles passgenaue, superschöne Bausätze. Sein und mein Fazit: Für alles gibt es offensichtlich schon eine Lösung, Phantasie scheint nicht mehr erforderlich zu sein.

»In meiner Abteilung habe ich eine Reihe von Leuten die ein abgeschlossenes Studium haben, die einen Meisterabschluss haben, und so weiter. Fast jeder von ihnen würde mich in seinem Fachgebiet in den Sack stecken. Aber manchmal frage ich mich: Wie sind die bis jetzt klar gekommen? Hat die niemand auf das Leben vorbereitet?«, berichtete mir unlängst jemand. Ich fragte ihn, was genau das Problem ist. »Sie können keine Zusammenhänge außerhalb ihres Expertenwissens erkennen, sehen keine Prioritäten und es fehlt an Flexibiliät.«

Ich bin weder Pädagoge, noch Erzieher, noch Künstler, noch Abteilungsleiter – von daher stelle ich diese Dinge einfach mal so in den Raum …

Update 6.1.2019:

Andreas hat mir gestern zu dem Artikel einen Kommentar geschickt:

“Aber manchmal frage ich mich: Wie sind die bis jetzt klar gekommen? Hat die niemand auf das Leben vorbereitet?”

Genau das frage ich mich ebenfalls oft. Allerdings kann ich es nicht so schön formulieren wie Du. Ich sage dann in entsprechenden Diskussionen meist “Wie kriegen die morgens ihre Schuhe zu?”. Und auch ich habe den Eindruck, dass diese Unselbständigkeit zunimmt. Woran das liegt? Keine Ahnung. Vielleicht auch ein bisschen an mir selbst?

Auf der Seite zur Krankheit meines Vaters habe ich geschrieben

“Trotzdem habe ich von meinem Papa sehr viel gelernt. Genauigkeit und etwas Ordnung, dass man durchaus Dinge auch selbst reparieren kann und auch ein bisschen grundsätzliches technisches Verständnis. Das finde ich richtig gut und bin ihm dafür sehr dankbar. Viele Dinge kann ich selbst machen, wo andere schulterzuckend zum Telefon greifen. Ich glaube, das war fast wichtiger als die Schule.”

Und das ging natürlich nicht immer ohne Schimpfen ab. Ich habe als Teenager Fahrräder auseinander- und zusammen gebaut und gebastelt. Dem Nachwuchs gebe ich das aber nicht mit dem Nachdruck weiter, wie mein Papa das bei mir tat. Ich mache das dann einfach selbst, weil ich keine Lust auf die habe.Wahrscheinlich ist das nicht nur bei mir so. Und dann darf ich mich und andere sich aber auch nicht wundern, wenn diese Fertigkeiten fehlen.

Natürlich sind mir beim Lesen des Kommentars mehrere Dinge eingefallen. Auch ich habe als Kind und Jugendlicher viel und gern an meinen Fahrrädern rumgeschraubt. Und wie Andreas habe ich viel von meinem Dad gelernt. Trotzdem bedauere ich heute, dass ich ihm nicht viel häufiger auf die Finger geschaut habe.

Vor zwei, drei Jahren unterhielt ich mich mit einem 17jährigen Jungen, der mir ans Herz gewachsen war. Leider habe ich ihn aus den Augen verloren. Wie auch immer. Er stand kurz vor einem guten Schulabschluss. Ich fragte ihn nach seinen Plänen. »Abi machen und dann studieren«, lautete die Kurzfassung seiner Antwort. »Wie sieht es aus mit einem handwerklichen Beruf?«, wollte ich von ihm wissen. Seine Reaktion hat mich verblüfft: »Pah, Gas- und Wasserinstallateur oder sowas? Nie!« So hat er sich zwar nicht ausgedrückt, dennoch sprach er geradezu abschätzig vom Handwerksberuf. »Eine verstopfte Toilette bekommst du aber nicht mit dem Notebook wieder frei.« So in etwa versuchte ich ihm zu erklären, dass es nicht nur bestimmter sondern vieler Zahnräder bedarf, und das kein Zahnrad ohne dem anderen kann, damit unsere Welt funktioniert.

Wenn diese Beobachtung keine Ausnahme war, dann müssen wir noch mehr als gedacht erklären. Dann müssen wir erklären, dass der Bänker mit dem tollen Anzug und der Krawatte kein Deut besser ist als der Mann mit dem verschmutzen Blaumann, der gerade bei der Omi in der gegenüberliegenden Wohnung die Verstopfung hinter den Abflüssen beseitigt hat.

Dennoch glaube ich: Wenn die mächtigen dieser Welt uns nicht in Schutt und Asche bomben; wenn wir kapieren, dass wir, das alle jetzt und sofort daran arbeiten müssen den Klimawandel zu bremsen; wenn wir kapieren, wie Digitalisierung geht ohne dass das zu chinesischen Verhältnissen führt – dann hat auch die Jugend eine Chance. Sie wird ihren Weg gehen. Einen anderen als wir. Aber der muss deswegen kein schlechterer sein. Also müssen wir alles tun, dass die Jugend eine Chance hat. Und bis dahin, müssen wir Geduld mit ihnen haben.

Übrigens: Andreas ist wirklich ein begabter Bastler. Auf seiner Website sind viele Anleitungen zu finden. Auch aus dem Grund: schaut Euch da mal um.


  1. Mit einer „Aktualisierung“ von mir: Im Original ist dort die Rede von „die Männer von morgen“ und nicht „die Erwachsenen von morgen“. [return]