Und wenn sie dauernd um Hilfe rufen?

Schiedersee

Zum Artikel „Für Demenzkranke kein Einzelzimmer?“ hat mir eine Pflegekraft eine E-Mail geschickt und folgende Situation geschildert:

In einem Wohnbereich war jemand eingezogen, der ständig »Hilfe!« rief. Was will man da machen? Das kann man nicht abstellen. Das hatte aber zur Folge, dass andere Erkrankte auffällig wurden. Sie wähnten sich ja in Gefahr. Krieg, Feuer, Verletzte, jeder assoziierte etwas anderes. Das ging soweit, dass ein Bewohner seinen Rollator die Treppe heruntertragen wollte um zu fliehen.

Im Kollegenkreis haben wir darüber diskutiert, was wichtiger ist. Dass sich der um Hilfe rufende Bewohner in seinem Zimmer noch hilfloser fühlt, wenn er alleine ist, oder ob man die anderen vor dieser Beunruhigung die er verursachte, schützen muß. Da gingen die Meinungen auseinander. Ich gehöre zu denen, die das Wohl eines Einzelnen nicht über das Wohl von zehn anderen stellen wollen. Und genau das, oder so ähnlich, würde sich doch ständig abspielen, wenn sich zwei Bewohner ein Zimmer teilen müßten. Wo bleibt hier die Würde?

Das ist ein guter Einwand. Ich habe schon häufiger mitbekommen, dass Demenzkranke laut nach Hilfe, oder beängstigt ständig den Namen eines Angehörigen rufen. Auch mich, einem normalen Besucher, beunruhigt das – nur aus anderen Gründen: Ich würde gern helfen, was kann ich machen? Selbstverständlich haben die Pflegekräfte dann versucht, die Erkrankte mit tröstenden Worten zu beruhigen. Und wenn sie zwei Minuten weg waren, begann wieder alles von vorn.

Hinzu kommt: Die Rufe waren noch in dem Zimmer meiner Mutter zu hören. In diesem Fall ist es von Vorteil, dass meine Mutter schwerhörig ist. Denn wie ich sie kenne, würde sie das Rufen nervös machen, und auf die Dauer sicher auch zusätzlich verwirren. Kurz gesagt: Das wäre das Gegenteil von Hilfe oder Pflege.

Und nun muss man sich nur noch vorstellen wie das ist, wenn in einem Mehrbett-Zimmer jemand wohnt, der so unruhig und laut ist. Damit ist a) keinem der Kranken gedient. B) die Pflegekräfte hätten letztendlich zusätzliche Arbeit, weil die anderen Bewohner*innen davon „angesteckt“ noch mehr Zuwendung benötigen. Und c) ich als Angehöriger würde nicht wollen, dass meine Mutter in einem solchen Chaos „leben“ muss – und die Konsequenzen daraus ziehen.

Es mag sein, dass es günstiger ist wenige Mehrbettzimmer statt viele Einzelzimmer anzubieten – allerdings nur bautechnisch. Denn wenn ich die mir bislang vorliegenden Argumente anschaue, deutet die Frage des Arztes: „Müssen Demenzkranke unbedingt in Einzelzimmern untergebracht sein?“ klar daraufhin, dass er zu kurz gedacht hat. Das finde ich vor dem Hintergrund, dass er Mediziner ist und die Situation in solchen Pflegeheimen kennen müsste, besonders erschreckend.

Update 5.2.2018:

Ein Bewohner ist von dem geschlossenen dementenbereich auf den Wohnbereich gezogen.Sucht seine Frau, läuft in andere Zimmer. Die Leute können nicht schlafen. Der Wohnbereich ist nicht besetzt. Keine Ahnung, was in den drei Stunden passiert, in denen keiner auf der station ist.

twitter.com/asiwyfab

Die ganze Geschichte dazu HIER (via).