Und nun wollen sie alle nach links

Kühe

Verzweifelt Ihr manchmal auch, wenn Ihr das politische Geschehen beobachtet? Nehmen wir das Thema Digitalisierung. Ohne einen Blick über die linke Schulter, ohne einen Blick in den Rückspiegel, ohne Blinker zu setzen, wollen jetzt plötzlich alle auf die linke Spur der „Datenautobahn“ wechseln. Und das am besten vorgestern.

„Ist die Digitalisierung nun ein Fluch oder ein Segen?“ Und ich antworte tapfer, dass diese Frage das Problem sei.

— Prof. Dr. Gunter Dueck, Wollen oder Müssen? Die Digitalisierung in Unternehmen am Beispiel von Oma & Enkel

Es war im Frühjahr 2007. Ich stand mit einigen Honorationen zusammen1, und einer von ihnen lästerte über seine EDV-Leute. Ein lästiges Volk sei das. Sie sollen ihren Job machen und uns, also alles was über dem Keller arbeitet und wirklich was schafft, in Ruhe lassen2. Alle lachten zustimmend. Einer der Honorationen zeigte dann auf mich. »Das ist doch auch so einer!« »Ja, noch so ein Spielkind!« Wieder lachten alle. Ich sagte so etwas wie: »Sie werden das nicht aufhalten können, dieses Computerzeugs.« Und gedacht habe ich mir: Ich werde euch noch an diesen Tag erinnern.

Einige von den Honorationen sind zwischenzeitlich keine mehr. Möglicherweise werde ich den ein oder anderen irgendwann in dem Pflegeheim treffen, wohin mich zurzeit einmal am Tag mein Weg führt3.

Doch einige von ihnen sind noch in Amt und Würden. Und plötzlich ist auch ihr „Geschäft“ davon betroffen, von dieser „Digitalisierung“: Das müssen wir sofort machen! Warum ist da bislang so wenig passiert?! – Tja, wer ist da die ganze Zeit auf der Standspur gecruist?

Es ist schon interessant, wer jetzt alles so wach wird. Volker Kauder ist nur ein aktuelles Beispiel: Hätte, hätte, Kupferkabel. Und nun wollen sie alle nach links …4

Ein weiteres Beispiel ist die Digitalisierung der Schulen:

“Wir haben uns heute auf ein großes Paket zur Bildung geeinigt”, sagt SPD-Vize Manuela Schwesig, die von einem “Leuchtturmprojekt” einer großen Koalition sprach.

— www.tagesspiegel.de: Groko-Verhandler einigen sich auf “Leuchtturmprojekt Bildung”

Das Leuchtturmprojekt Bildung?! Ernsthaft?!5

Ohne Frage, wir müssen uns der Digitalisierung annehmen. Aber auch hier ist es, wie auf der Autobahn. Das Lenkrad ohne zu gucken nach links zu reißen, kann zu einem fatalen Unfall führen.

In der zurückliegenden Woche habe ich einen tollen BlogBeitrag von einer 14jährigen Schülerin gelesen:

Die Situation verbessern – aber wie?
Mein Vorschlag wäre: Bei null anfangen, und vor allem: langsam anfangen. Erstmal über Digitalisierung an Schulen reden und vor allem diskutieren. Warum sind das Thema und insbesondere eine kritische Diskussion darüber so wichtig?

— Noomi Blumenberg, Digitalisierung an meiner Schule – Ein Erfahrungsbericht, politik-digital.de


  1. Mir war das „Glück“ in der Runde stehen zu dürfen zuteil geworden, weil ich die Veranstaltung mit organisiert habe. [return]
  2. Das waren selbstverständlich nicht eins zu eins seine Worte, aber ich kann mich schon erinnern, dass er äußerst abfällig über seine EDV-Leute und über die EDV schlechthin gesprochen hat. [return]
  3. Ich schreibe das, weil ich zurzeit jedesmal daran denken muss, wenn Menschen so unglaublich balsiert daherreden. Ob du daran denkst, dass auch dir möglicherweise ein zweites Mal in deinem Leben jemand das Essen einreichen muss, weil du es selbst nicht kannst? Wie wirst du dann die Dinge sehen? [return]
  4. Leider nur auf der „Datenautobahn“. Politisch wollen viele lieber nach rechts, auf die Standspur – und dort am liebsten noch den Rückwärtsgang einlegen. Leider. [return]
  5. Für mich hat der Begriff „Leuchtturmprojekt Bildung“ einen sehr üblen Beigeschmachk. Denn was Leuchturmprojekte kennzeichnet, habe ich hier schon mal beschrieben: Was sind Cargo-Kulte?. [return]