Traum und Wirklichkeit

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Ein See bei Sonnenuntergang Schiedersee – Wirklichkeit

Fragt Ihr Euch, wenn Ihr aus dem Schlaf erwacht, auch manchmal: »Was hast du dir denn da für einen Kram zusammengeträumt?« Mal sind es Verwandte oder Freunde die vor Jahren verstorben sind, die aber im Traum wie selbstverständlich mitwirkten, dann sind es Abläufe die völlig irreal waren, die so im „realen“ Leben gar nicht funktionieren können, und so weiter.

Im Traum aber ist das Erleben meisten völlig real. Normalerweise. Doch ganz vereinzelt habe ich auch gänzlich konfuse Träume. Und das einzige was mir davon länger in Erinnerung bleibt, ist die Orientierungslosigkeit. Was ist wahr? Wo genau bin ich jetzt? Bin ich wach oder träume ich? Dann scheint es so, als hätte ich in mindestens zwei „Filmen“ gleichzeitig mitgespielt.

Jedenfalls: Träume sind für mich wie Bücher mit sieben Siegeln. Aber ich mir bislang auch nie die Mühe gemacht, mehr Licht ins Dunkle zu bringen. Über Träume nachzudenken fand ich müßig. – Bis vor etwa einem Jahr.

Meine Mom ist dement. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, besuche ich sie jeden Tag. Manchmal, zum Beispiel in meinen Mittagspausen, schläft sie schon. Dann setze ich mich zu ihr und beobachte sie. Meistens schläft sie ganz ruhig. Selbst der Tremor macht dann oft Pause. Aber es gibt eben auch Tage, da bewegen sich die Augen unter ihren Lidern, sie atmet unruhiger, manchmal bewegen sich die Hände, ganz selten spricht sie auch drei, vier Wörter. So weit, so normal. Wie aber sehen ihre Träume aus?1 – Sind sie so ähnlich wie meine? Oder sind sie anders?

Auch an Demenz erkrankte Menschen scheinen wie Bücher mit sieben Siegeln. Trotz vieler Parallelen zeigt die Demenz bei jedem Erkrankten andere Facetten. Wie einige Träume, lassen uns diese Menschen schnell mal orientierungslos werden. »Sie leben in einer anderen Welt«, wird oft gesagt. Das klingt mitunter, als wollten wir die eigene Orientierungslos wegwischen wie nach einem schlechtem Traum: »Ach, ich habe einfach nur blöd geträumt.« Aber darin schwingt dann mit, dass wir uns des Menschen und seiner Erkrankung entziehen wollen.

»Sie leben in einer anderen Welt.« Und wir, wo leben wir? In der Matrix?2 Ob man sich mit den eigenen Träumen auseinandersetzen muss, weiß ich nicht. Aber den an Demenz erkrankten Menschen sollte man sich schon annehmen. Sie sind kein Traum, sie sind Wirklichkeit.

Komme ich mit dieser Realität klar? Kann ich mit der Demenz meiner Mom umgehen? Sicher, viel ist Routine geworden. Und ich habe mich daran gewöhnt. Aber wenn ich einen Tipp geben sollte würde ich sagen: Priorität hat nicht, sie zu verstehen. Priorität hat Präsenz.

Dennoch habe ich auch gelernt. Ich habe gelernt Ruhe zu bewahren, und mir meine Unzulänglichkeiten im Umgang mit ihrer Erkrankung zu verzeihen. So komisch das vielleicht klingen mag, ich habe dabei auch mich besser kennengelernt – und die Liebe.

PS: Okay, ich gebe es zu. Die Überschrift habe ich geklaut. Es ist der Titel eines Musikstückes von Grobschnitt. Hier die englische Version: Dream and Reality.


  1. Siehe auch: Sie leben in unserer Gegenwart, letzter Absatz. [return]
  2. Siehe: Die Matrix, Definition im Zitat. [return]