Tafelisierung

Sich präzise auszuquetschen kann helfen Ärger zu vermeiden. Besonders Vorbilder sollten daran denken. Und dann habe ich es auch noch, und mal wieder, mit der Nachhaltigkeit …
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Butter auf einer Tastatur Tastatur mit Butter – (Bitte Kunstwerk nicht berühren!)

Bestimmt kennt Ihr das auch. Ihr unterhaltet Euch mich jemandem und plötzlich ist die Stimmung mies: »Habe ich doch gesagt!« »Nein, das hast Du nicht!« »Ey, Alter! Vorhin habe ich doch geschildert … damit meinte ich …«

Damit meine ich. Die Stimmung kann schnell mal kippen, wenn sich Gesprächspartner anfangs nicht auf Definintionen von „unbestimmten Begriffen“1 geeinigt haben.

Beispiel Digitalisierung & Co. KG:

Der Begriff Digitalisierung ist eine Substantivierung. Das Original heißt Digitalisieren. Aber wir Deutschen, besonders die Fans von Behördensprech, lieben nun mal „ungs“.

Vereinfacht ausgedrückt ist die Digitalisierung die Überleitung von analog zu digital. Demzufolge gehören das Internet und der Beitbandausbau nicht zur Digitalisierung. Mein Internetanschluss und das Internet sind ja schon digital.

Ein Beispiel aus dem Bereich Schulen: Wenn dort von Digitalisierung gesprochen wird, ist das strenggenommen nicht der Austausch von Desktop-Computer gegen Tablets. Digitalisierung wäre, die Schulhefte gegen zum Beispiel Tablets auszutauschen. Dann heißt es nicht mehr: »Hefte raus, wir schreiben eine Mathearbeit!«, sondern: »iPads raus, wir wischen eine Mathearbeit!«

Das „Internet“ ist auch so ein Begriff der oft unpräzise verwendet wird …

Das Internet […], umgangssprachlich auch Netz, ist ein weltweiter Verbund von Rechnernetzwerken, den autonomen Systemen. Es ermöglicht die Nutzung von Internetdiensten wie WWW, E-Mail, Telnet, SSH, XMPP, MQTT und FTP.

— de.wikipedia.org: Internet

Zum Internet gehören auch E-Mails. Wenn wir also sagen: »Das kannst du doch im Internet nachlesen!«, könnte es also auch sein, dass das Besagte in einer E-Mail zu lesen ist. Was wir aber meistens meinen, wenn wir vom Internet reden, ist das Web2, das WWW:

Das World Wide Web ist ein über das Internet abrufbares System von elektronischen Hypertext-Dokumenten, sogenannten Webseiten. Sie sind durch Hyperlinks untereinander verknüpft und werden im Internet über die Protokolle HTTP oder HTTPS übertragen. Die Webseiten enthalten meist Texte, oft mit Bildern und grafischen Elementen illustriert. Häufig sind auch Videos, Tondokumente und Musikstücke eingebettet.

— de.wikipedia.org: WWW

Aber ich komme noch mal auf die Digitalisierung in Schulen zurück. Wenn jetzt die klassischen Kreide-Schultafeln, die Generationen von Schüler-/innen überlebt haben, gegen digitale Schultafeln ausgewechselt werden, fällt das latürnich ebenfalls unter dem Begriff Digitalisierung. Mann, also ich jetzt, spricht dann auch von: Tafelisierung.

Nebenbei: Wie lange hält so eine digitale Tafel? Fünf, sechs Jahre? Oder muss sie schon viel früher ausgetauscht werden weil es dafür keine Updates mehr gibt, oder weil sie dann einfach nicht mehr up to date ist? Wo und wie werden dann solche Tafeln entsorgt? Denkt dabei mal an alle Schulen die Ihr so in Eurer Region kennt. Und dann denkt mal an all die Tablets für die Schüler-/innen. – Mit Nachhaltigkeit, mit einer „Wirkung über einen kurzen Zeitraum hinaus“3, hat der ganze Elektroschrott4 nicht viel zu tun.

Dieser Artikel ist auch eine kleine Fortsetzung des Textes: Warum das mit der Digitalisierung so schlecht läuft. Darin zitiere ich Herrn Christian Wulff: „Hinzu kommt die Digitalisierung …“ und im selben Kontext spricht er über (üble) Dinge die im Netz erzählt werden. Mann könnte jetzt fragen, was das eine mit dem anderen zu tun hat.

Weder das Recht der Meinungsfreiheit, noch die Digitalisierung, und auch nicht das Internet sind daran schuld, wenn Menschen sich fehlleiten lassen und/oder die Contenance verlieren. Schuld tragen aber Menschen die Vorbilder sein sollten, zum Beispiel Politiker oder Führungskräfte, wenn sie in solche „Chöre“ mit einstimmen. Und besonders sie sollten sich bemühen, sich präzise auszudrücken – um Missverständnisse zu vermeiden.


  1. Im deutschen Recht gibt es die Bezeichnung „unbestimmter Rechtsberiff“: „Vor der Rechtsanwendung bedarf der unbestimmte Rechtsbegriff der Auslegung, um seinen rechtlich maßgeblichen Inhalt zu ermitteln.“ Quelle: de.wikipedia.org: Unbestimmter Rechtsbegriff. [return]
  2. Ein weiteres Beispiel: Oft bekomme ich E-Mails mit der Bitte: »Kannst du den nachfolgenden Text mal ist Internet stellen?« Ich habe so zwar noch nie geantwortet, aber möglich wäre es: »Er war doch schon drin.« Und je nach Einstellung ist er es vielleicht noch. [return]
  3. Siehe: de.wiktionary.org: Nachhaltigkeit. [return]
  4. Ja, ja, Schrott ist das erst, wenn es „ausgemustert“ wird. Aber das werden riesige Berge von Schrott werden, wenn nicht schnell Recycling-Lösungen gefunden werden. Wohin dann mit dem ganzen Kram? [return]