Sie leben in unserer Gegenwart

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Ein Pilz

»Sie leben in ihrer Vergangenheit, nicht wahr?« Diese Vorstellung von Menschen die an Demenz erkrankt sind, bekomme ich oft zu hören. Aber: Ich würde das nicht unterschreiben. Ich kann nicht sagen, wie es in der Gedankenwelt dieser Menschen zugeht. Aber eines kann ich ganz sicher feststellen: Sie leben in unserer Gegenwart.

Alles was ich zu dem Thema Demenz erzählen kann, beruht auf Beobachtungen. Und ich glaube, die Demenz ist so unterschiedlich wie die Menschen, die daran erkrankt sind.

Es stimmt, manchmal spricht meine Mom von der Vergangenheit, als wäre sie die Gegenwart. Aber eben nur manchmal. Meistens reagiert sie auf ihren Nachnamen, manchmal aber nur auf ihren Geburtsnamen, haben mir Pflegerinnen erzählt.

Manchmal bin ich für sie ihr Zwillingsbruder, aber meistens bin ich für sie Volker. Was aber nicht heißt, dass sie, wenn sie mich mit meinem Vornamen anspricht damit auch verbindet, dass ich ihr Sohn bin. – Was ist das, Gegenwart oder Vergangenheit? Ihre Reaktionen können dann Anhaltspunkte gegeben. Aber es bleiben Mutmaßungen.

Oft bringe ich Blumen mit. »Darüber freut sie sich bestimmt«, glauben viele. Sie war wie ich ein Pflanzenfan. Deswegen liegt die Vermutung auch nahe. Aber oft wenn ich ihr die Blumen zeige, ist es so, als würde sie durch sie hindurchschauen. Möglicherweise lächelt sie dabei sogar. Aber ihr Gesichtsausdruck lässt darauf schließen, sie nimmt die Blumen nicht wahr. Können wir dann annehmen, dass sie nicht präsent ist, oder dass sie dann in der Vergangenheit lebt?

Neulich als ich ihr das Essen anreichte hatte ich zunächst den Eindruck, dass sie ganz im hier und jetzt ist. Während ich mit der einen Hand den Löffel mit dem suppenartigen Eintopf zu ihrem Mund führte, hielt ich die andere Hand darunter, um nicht unnötig zu kleckern. Auf der unteren Hand hielt ich eine Serviette. Irgendwann schob meine Mutter ihre rechte Hand dorthin und streichelte ganz sanft mit ihrem Zeigefinger meinen Daumenballen. Ich war glücklich. Dann führte sie den Zeigefinger zum Mund und strich damit über ihre Lippen, so als wollte sie sie eincremen.

Manchmal zeigt sie auf etwas und bittet mich, den Gegenstand wegzuräumen oder zu bringen. »Gibst du mir bitte mal die Decke dort.« Mein Problem: Dort liegt keine Decke. Sie „sieht“ oft Dinge, die ich nicht sehe. Die beste Lösung ist in solchen Situationen positiv zu reagieren: »Einen Augenblick, mache ich gleich.« Oder ich stehe auf und hole irgendwoher eine Decke. Das klingt einfach, aber nicht immer ist das erfolgreich.1

Ich schreibe das, weil das für mich Beispiele sind die zeigen, wie schwer es ist, Erklärungen zu finden. Wir suchen nach Schubladen, um Demenz einzuordnen, um mit den Kranken umgehen zu können.

Ein anderes Beispiel wirft bei mir die meisten Fragen auf. Wir, die Angehörigen und Pflegekräfte, glauben eigentlich, dass meine Mutter die so umschriebene „Übergangsphase“ von „unserer“ Gegenwart in die Demenz schon lange hinter sich gelassen hat. Doch gar nicht selten höre ich von meiner Mom Aussagen wie: »Mit meinem Kopf stimmt was nicht.« Sie erwähnt das immer mit großer Sorge und Traurigkeit. Und die Art wie sie das sagt, lassen mich sehr darauf schließen, dass sie in dem Moment in der Gegenwart ist – dass ihr dann ihre Situation bewusst ist.

»Sie leben in ihrer Vergangenheit, nicht wahr?« - Ich glaube nicht, dass unsere Schubladen geeignet sind Demenz zu verstehen.

Gestern, als ich meine Mom besucht habe, lag sie im Bett und schlief. Ihre Gesichtsfarbe gefiel mir nicht. Sie sah ungesund aus. Doch sie atmete ganz ruhig und gleichmäßig. »Ich wünsche dir, dass du immer wunderschöne Träume hast«, flüsterte ich. Noch nie habe ich diesen Wunsch so „gegenwärtig“ geäußert.


  1. Worauf ich in einem anderen Text noch eingehen werde. [return]