Nazi!

Sonnenuntergang

Der Urlaub liegt schon einige Jahre zurück. Mit sieben Leutchens kauften wir einen VW-Bulli und fuhren damit kreuz und quer durch Griechenland. Damals war ich noch durchgehend blond, nahezu leuchend blond. Während wir auf eine Fähre warteten saß ich etwas abseits vom Trubel auf einer Kaimauer und schaute mir das muntere Treiben an. Aus einer Gruppe von Männern in Arbeitskleidung löste sich ein älterer Herr, grauhaarig, braun gebrannt, mit einen Viertagebart und kam auf mich zu. Er sah abgekämpft aus. Etwa sechs Meter vor mir erhöhte er seine Schrittgeschwindigkeit. In seinem Gesichtsausdruck las ich Zorn.

Dann änderte er die Richtung. Für einen Augenblick dachte ich, dass er mich nie gemeint hat. Doch als er im Abstand von knapp zwei Meter an mir vorüberging blickte er mir noch mal direkt ins Gesicht: »Nazi!«, zischte er, und noch mal: »Nazi!«, woraufhin er verächtlich auf die Erde spuckte.

Erschrocken, verängstigt und irritiert schaute ich ihm kurz hinterher. Dann senkte ich den Kopf und mein Blick verlor sich auf dem steinigen Boden. Ich fühlte Scham und Reue. Mir wurde übel. Nach einigen Minuten stand ich auf, ging auf die Fähre, suchte mir eine Stelle an der Rehling an der niemand stand und hielt mich daran fest. So fest, als könne sie mir den Halt geben den ich jetzt suchte. Lange Zeit starrte ich auf das Wasser unter mir und dachte nach.

Ich bin rund zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Ich weiß nicht, was der ältere Herr während des Krieges erlebt hat. Ich vermute, dass ihm in seinem Schmerz allein meine Augen-, Haut- und Haarfarbe ausreichte mich in eine Schublade zu pressen in die ich nicht gehöre. Er meinte eine andere Schublade – aber eine Schublade im selben Schrank.