Krumm-wie-ein-Flitzebogen

Was kommt dabei weg, wenn ich mich selbst hinterfrage? Hilft mir das weiter? Die Fragen finde ich so spannend, dass ich mal versucht habe, darauf Antworten zu finden.
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»Hinterfragen die eigentlich mal sich selbst? Hinterfragen die mal, was sie da so tun?« Fragen wie diese stelle ich nicht selten. Und nicht selten stelle ich für mich frustriert fest: Nein. Und offensichtlich finden die sich und ihr Tun klasse.

Nun ja. Was soll ich sagen? Das ist zu kurz gehopst. Wenn ich einen Unterarmstand mache, sehe ich nicht viel von mir. Selbst wenn alle Wände des Raumes mit Spiegeln tapeziert wären, ist es schwer für mich zu beantworten: Ist die Haltung korrekt? Ist das Becken gerade? Ist der Rücken gerade?

In den Räumen in denen ich Yoga übe, gibt es keine Spiegel. Ich habe, selbst wenn ich mit all meine Kenntnisse über die Haltung einer Yoga-Übung ins Bewusstsein rufe, immer nur einen Teileindruck, ein Gefühl dafür, ob ich das jeweilige Asana korrekt ausübe. Und dass ich dabei oft sehr daneben liege, erfahre ich dann im Yoga-Unterricht. Ich war mir sicher: So ist der Unterarmstand perfekt! Aber im Unterricht stelle ich dann fest: Die Übung von der ich das glaubte, muss ein ganz neues Asana sein: „Krumm-wie-ein-Flitzebogen“ oder so.

Nun könnte man leichthin sagen: Meine Yoga-Lehrerin ersetzt die Spiegel. Spiegel reflektieren nur was ich sehe, sie sagen mir aber nicht, was richtig ist – ob ich das Asana korrekt ausübe.

Kurzum: Wenn ich mich im Alltag häufiger mal hinterfrage ob das was ich tue richtig ist, ist das sicherlich ein guter Anfang. Das Ergebnis ist jedoch ausschließlich subjektiv. Um eine etwas objektivere Antwort zu erhalten müsste ich jemanden fragen, was sie oder er von meinem Tun hält.

Und dabei macht es höchstwahrscheinlich einen Unterschied, ob ich jemanden aus der selben, oder jemanden aus einer anderen Filterblase frage. Spätestens dann wird meine Kritikfähigkeit gefragt sein. Wenn mich meine Gesprächspartnerin höflich aber bestimmt darauf hinweist: »Du kommst krumm wie ein Flitzebogen rüber«, und mir anschließend noch erklärt aus welchen Gründen – dann erst bekomme ich einen Eindruck davon was es heißt, „sich“ ehrlich zu hinterfragen.

Allerdings sind die Antworten nur die Vorsuppe. Jetzt kommt das Haupt-Gericht. Wie gehe ich mit den Antworten um? Wie gehe ich mit der Kritik um?

Ich denke, das alles ist nicht neu für Euch. Zu diesem Text initiiert hat mich ein Gespräch, welches ich kürzlich mit einer guten Freundin geführt habe. Dabei haben wir uns gefragt: »Hinterfragen die sich mal, was sie da so tun?« Als ich später über das Gespräch nachgedacht habe wurde mir deutlich, es reicht nicht sich selbst in Zweifel zu ziehen. Dann werde ich vielleicht unsicherer, und dadurch möglicherweise weniger dogmatisch – aber mir fehlen Orientierungspunkte.

Die entscheidenden Orientierungspunkte können mir meines Erachtens nur die Antworten meiner Mitmenschen geben – auch die derjenigen, die sich nicht mit mir eine Filterblase teilen. Und um diese Antworten zu bekommen, muss ich auf meine Mitmenschen zugehen, mit ihnen reden, sie fragen …

Eine Yoga-Erkenntnis lautet: Ein Asana ist nie perfekt. Du kannst viele Jahre Yoga üben, du wirst immer feststellen – es geht noch besser. Das klingt frustrierend. Sie spiegelt aber eine ganz normale Lebenserkenntnis wieder. Das ist wie die Erkenntnis: Je mehr Fragen ich beantworten kann, desto mehr Fragen tun sich mir auf. Das verunsichert mich nicht. Sie verdeutlicht letzten Endes „nur“: Wir sind nicht perfekt. Und das hält mich nicht davon ab, weiter nach Antworten zu suchen und mit ihnen vernünftig umzugehen.

Und was ist vernünftig?