It rains! Hold my umbrella!

Eine Ingwerknolle

“Dich wütend oder ängstlich zu machen - das ist gut für das Geschäft von Facebook, aber nicht für Nutzer oder die Menschen in den USA”, sagt Roger McNamee. Er war einer der ersten Facebook-Investoren und beriet dessen Gründer Mark Zuckerberg.

— www.tagesschau.de: Insider warnen “Facebook ist ein Tatort”, 7.2.2018

Immer wieder gibt es solche Meldungen über Facebook – kleckerweise aber regelmäßig. Doch die wenigsten Facebook-Nutzer scheint das zu interessieren. Oft haben sie von solche Meldungen nicht mal gehört oder gelesen.

In der vergangenen Woche kamen solche Nachrichten jedoch geballt. Eigentlich war es nur eine Nachricht: Cambridge Analytica soll dutzende Millionen Facebook-Nutzerdaten abgegriffen haben. Netzpolitik hat die wichtigsten Fragen dazu zusammengefasst: Cambridge Analytica: Was wir über „das größte Datenleck in der Geschichte von Facebook“ wissen.

Nun könnte man meinen: Diese Geschichte wird das Gros der Facebook-Fans aufrütteln! Ich bezweifle das. Da kann auch Edward Snowden warnen: „Facebook ist eine Überwachungsfirma getarnt als soziales Netzwerk“ – ich bleibe dabei: Die allermeisten Facebook-Nutzer interessiert das nicht.

Selbstverständlich fordern jetzt auch Bundestagsabgeordnete „rückhaltlose Aufklärung“ und wollen Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg einladen. Und natürlich werden jetzt auch wieder die Stimmen laut: Wir brauchen härtere Gesetze und mehr Kontrollen! Das schlägt auch Johnny Haeusler vor und hält für sich fest: Von Facebook weglaufen? Bringt nichts! Und außerdem ist Oma auch da, gibt Daniel Berger zu bedenken.

Doch trotz aller Aufschreie: Bei Facebook & Co. KG wird sich nichts gravierendes im Sinne der Nutzer ändern. Denn …

[…] das ist kein Datenmissbrauch und keine böse Datenextraktion, das ist Facebooks Geschäftsmodell. Nicht Kern-Geschäftsmodell. Geschäftsmodell. Andere Dinge tun die gar nicht.
Wo kommt jetzt also diese Verwunderung her?

— Felix von Leitner, blog.fefe.de, 20.3.2018

»Ich wusste gar nicht, dass man dafür Geld bezahlen muss!«, gestand mir vor kurzem ein Schulleiter. Er meinte die Kosten für Webhosting, Webspace und so weiter. Woraufhin ich ihm von dieser „Indianerweisheit“ erzählte:

Es gilt eine kapitalistische Faustregel: Wenn ein Dienst für seine Kunden kostenfrei ist, dann ist der Kunde selbst das Produkt.

— Samuel Jackisch, Von wegen Panne - das ist das Geschäftsmodell, www.tagesschau.de, 21.3.2018

Also: Warum sollten Facebook & Co. KG sich selbst ins Knie schießen? Für die Nutzer? Natürlich brauchen sie ihre Nutzer – und zwar reichlich davon. Aber wovon sollten sie leben, wenn nicht von deren Daten? Selbst die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff bezweifelt, dass der Datenschutz bei Facebook künftig verlässlich eingehalten wird.

Facebook & Co. KG haben ohne Zweifel ihre Vorteile – und die überwiegen offensichtlich so stark, dass ihre Nutzer kaum Probleme damit haben, diese mit ihrer Privatsphäre zu bezahlen. Gestern verzählte mir jemand:

»Ich nutze Facebook seit einiger Zeit nicht mehr so oft. Ich bin jetzt mehr bei Instagram.« »Instagram gehört auch zu Facebook«, vermerkte ich, woraufhin sie sagte: »Ja, WhatsApp auch. Und WhatsApp nutze ich den ganzen Tag.« Nach einer kurzen Pause ergänzte sie: »Du hast ja recht, aber jetzt ist es eh egal. Die haben ja schon meine ganzen Daten.«

Das ist eine absolut typische Reaktion wie ich sie immer wieder mitbekomme. Die Leute stellen sich ohnmächtig. Und das ist ein weiterer Grund dafür weshalb ich glaube, dass sich Facebook jetzt nur kurz die Tropfen aus dem Fell schütteln wird und alle so weitermachen wie bisher.

Ein anderer Grund ist, krass ausgedrückt: Geiz oder/und Gier. Ich frage mich oft: Wie viele Nutzer von Facebook & Co. KG wären wohl bereit statt mit ihren Daten zu zahlen einen angemessenen Geldbetrag an die Konzerne zu entrichten?

Auch Politiker werden ihrem verbalen Getöse zum Trotz nicht großartig intervenieren. Und wenn, dann nur um sich als Hardliner in Szene zu setzen. Viele von ihnen haben selbst einen Account bei Facebook, auf den sie aus gleichen Gründen wie die meisten User nur ungern verzichten würden. Außerdem kann man mit Facebook viele tolle Sachen machen …

Wohnort, Alter, sexuelle Orientierung: Mit einer Facebook-App sammeln die Statistiker von Barack Obama zahlreiche Informationen, um den Wahlkampf genau steuern zu können.

— www.zeit.de: Obamas App liest Facebook-Daten von Unterstützern aus, 26.12.2011 (via)

Gibt es keine Alternativen zu Facebook? Joa, zum Beispiel Diaspora. Aber ich glaube nicht an den Weihnachtsmann. Wo immer sich viele unterschiedliche Daten ansammeln wird immer irgendwann jemand versuchen, diese zu Geld zu machen. Und so altruistisch ein soziales Netzwerk anfänglich auch daherkommt, entweder ist der Mensch bestechlich oder er verhungert.

Vor einigen Jahren hatte ein Freund von mir eine InternetPlattform programmiert, die Blogs, ein Wiki und eine Art von Twitter vereinte. Seine Idee war, im Netz eine Plattform für die Region anzubieten an der alle mitwirken konnten die Region darzustellen. Besonders das Wiki zeigte sich zum Schluss großer Beliebtheit. Doch auf Dauer fanden sich nicht ausreichend Kunden die bereit waren, für zum Beispiel ihren Blog zu zahlen.

Das war in der Zeit, als Facebook auch hier in der Region „angekommen“ war. Aber auch ich bin abtrünnig geworden, denn ich habe mich statt seiner Version von Twitter dem Original zugewandt. Ein weiterer Grund weshalb die Leute zu Facebook und Twitter wechselten war schlicht: »Da ist mehr los!« Man könnte aber auch sagen: »Da kann ich lauter schreien und es hören mir trotzdem mehr zu.« Auch deshalb ist Facebook so beliebt.

Zugegeben, bei Twitter bin ich immer noch, aber weniger um zu korrespondieren. Ich benutze Twitter mehr als Informationsquelle.

»Ich schicke dir ne WhatsApp!« »Nicht zielführend, WhatsApp habe ich nicht.« Einen solchen Dialog führe ich wenigstens alle zwei Tage. Nach wie vor scheint für viele meiner Mitmenschen meine Antwort wie eine aus einem anderen Universum zu sein. »Nein, ich bin auch nicht bei Facebook oder Instagram«, komme ich meistens einer Nachfrage zuvor. Warum ich dort nicht zu erreichen bin, will aber niemand wissen. Vermutlich halten sie das schlicht für einen Spleen von mir oder sie befürchten: too much information, ich bin raus!

Kürzlich fiel mir ein vierseitiges Schriftstück aus dem Bereich Medienkompetenz in die Hände. Die Info richtete sich an Lehrer und Eltern. In dem Text wurden Empfehlungen ausgesprochen, wie WhatsApp genutzt werden sollte. Das merkwürdige an dem Werk ist, dass Alternativen zu WhatsApp wie Threema oder Signal darin nicht thematisiert werden. Woraufhin ich mich bei der Quelle des Beitrages umgeschaut habe: Es gibt zu den WhatsApp-Empfehlungen keine Pendants über andere Messenger. Merkwürdig: Die Quelle des Artikels hat es sich zur Aufgabe gemacht die Medienkompetenz rund um Schulen zu trainieren …

»Threema? Was ist das? Das nutzt doch keiner!«, auch das höre ich oft. You must have WhatsApp, sonst nimmst du nicht am Leben teil! Eine WhatsApp-Gruppe für die Fußballrunde, eine WhatsApp-Gruppe für die Rommé-Damen – WhatsApp-Gruppen sind was früher Flyer waren. »Spätestens wenn du dein Kind im Kindergarten anmeldest, musst du bei WhatsApp sein«, ist ein Freund von mir überzeugt.

Wahnsinn, was sind das für Datenmengen! Egal ob via Facebook, WhatsApp oder Instagram – all diese interessanten Informationen wandern in einem gigantischen Strom auf einen Schreibtisch: auf den von Mark Zuckerberg. So ähnlich funktioniert das wohl mit den Schwarzen Löchern.

Tja, der Schutz ihrer Daten geht den meisten Menschen am Popo vorbei – wenn sie selbst dafür tätig werden können. Alle anderen müssen den Datenschutz selbstverständlich einhalten! – It rains! Hold my umbrella!

Kurzum: Der aktuelle „Skandal“ um Facebook wird bei Facebook & Co.KG aber auch bei seinen Nutzern kaum etwas ändern. Oder seht Ihr das anders?

PS: Wenn jemand Interesse hat: