Indem wir sie verwenden

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Ich bin ein Mann, über 1,80 Meter hoch, schlank, hellhäutig und Deutscher. Ich war auch mal blond und meine Augenfarbe ist blau. So gesehen bin ich ein Langweiler. Denn mit diesen Attributen biete ich kein Thema. Hier in Deutschland.

In einem anderen Land kann das schon anders aussehen. So wie damals in Griechenland, als mich allein wegen dieser Eigenschaften ein Mann »Nazi!« schalt.

Wäre ich 1,65 Meter hoch, umfangreicher oder schwul, würde ich auch hier wieder „Themen“ bieten.

Damit komme ich noch mal zurück auf das Thema Sprache. Unsere Sprache ist wie unsere Kleidung, schrub ich vor einiger Zeit. In dem Beitrag erwähnte ich den Artikel 3, Absatz 3 unserer Verfassung, und ich erzählte von Schokoküssen, Paprikaschnitzeln und Zwiebelsülze, die alle mal einen anderen Namen trugen.

Nur sehr wenige Menschen mit denen ich darüber sprach, hatten Verständnis dafür. »Das ist albern, Volker! Das ist wieder typisch Deutschland! Ständig müssen wir es übertreiben! Für mich sind das nach wie vor N[…]Küsse, Z[…]Schnitzel! Und ich sage auch weiter J[…]Sülze dazu!«

Stelle andere sprachlich nicht so dar, wie du nicht wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle darstelle.

—- Anatol Stefanowitsch1

Ich war fassungslos als der Mann mich Nazi nannte. Gleichwohl war mir bedrückend bewusst, warum er mich so titulierte.

Doch auch wenn ich „Erbe“ einer Geschichte bin und meine Haut-, Haar- und Augenfarbe in eine von irgendjemand in eine für sich zusammengedengelte Schublade passen – ich bin kein Nazi, und ich möchte auch nicht so genannt werden.

Gerechte Sprache allein schafft noch keine gerechte Welt. Aber indem wir sie verwenden, zeigen wir, dass wir eine gerechte Welt überhaupt wollen.

—- Anatol Stefanowitsch2

Ist das typisch Deutschland? Ist das übertrieben?

Update 5.8.2018: In diesem Twitter-Thread erklärt Marco Fechner, „Warum so viele weiße Männer Diskriminierung, Rassismus und Sexismus nicht wahrnehmen“. Spoiler: „Weil sie damit nicht direkt konfrontiert werden.“

Und Claus von Wagner erklärt:

Sprache hilft uns die Welt mit Bedeutung zu füllen.
Sprache beeinflusst unser Denken und wie wir die Realität konstruieren.
Sprache beeinflusst unser Handeln.
Achtsam mit Sprache umzugehen ist keine Bagatelle, sondern (politisch) entscheidend. […]

— Claus von Wagner, twitter.com


  1. Ja, das Zitat habe ich in dem Artikel schon erwähnt. Im Original ist es aus dem Buch von Anatol Stefanowitsch: Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen. [return]
  2. Ebenfalls aus dem Buch: Eine Frage der Moral [return]