Ihre beste Freundin

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Birkenzweige, im Hintergrund Hügel

Im Zimmer meiner Mutter hängt ein Abreiß-Kalender – für jeden Tag ein Blatt. Die Zahlen und der Wochentag sind groß und gut erkennbar. Meine Mom benutzte einen solchen Kalender schon lange bevor sie an Demenz erkrankte. Denn sie bekommt ihn jedes Jahr von ihrer besten Freundin geschenkt.

Die beiden sind seit ihrer Kindheit befreundet. Sie und ihre Ehemänner waren im selben Freundeskreis. Unsere Familien haben wunderschöne, gemeinsame Urlaube gemacht. Wir haben oft und mit unglaublichen Spaß zusammen gefeiert und gesungen. Und die beiden haben sich Halt gegeben, als ihr Ehemann und zwei Jahre später dann mein Vater starb.

Als meine Mom erkrankte, unterstützte sie uns wo es nur ging. Irgendwann musste auch ich mir eingestehen, dass wir, ihre Freundin, meine Geschwister, der ambulante Pflegedienst und ich die Pflege und Rundum-Beobachtung meiner Mom nicht mehr gewährleisten konnten. Mir das einzugestehen und zuzustimmen, meine Mom in ein Seniorenheim zu bringen, war die bislang schwerste Entscheidung meines Lebens.

Es war ein Sonntag, als wir uns ein letztes Mal zum Kaffee mit Kuchen bei uns getroffen haben. Meine Mom, ihre Freundin und ich genossen im Wintergarten das Licht des Frühlings. Der Grund für dieses Treffen war aber ein sehr trauriger. Wir haben die Koffer für meine Mutter gepackt.

Meine Mom hat, soweit ich das beurteilen kann, nur ansatzweise und das nur für kurze Zeitfenster verstanden, worum es eigentlich ging. Sie war zufrieden, dass wir um sie herum waren. Ihre Freundin und ich versuchten alles um ihr nicht zu zeigen wie traurig wir waren, während wir herumwuselten.

Am nächsten Tag haben wir meine Mom ins Seniorenheim gebracht. Meine Mutter hat das recht gut hingenommen. Doch ohne die Unterstützung ihrer Freundin hätten bei mir vermutlich die Beine versagt. Aber auch für ihre Freundin waren diese beiden Tage sehr schmerzhaft.

Nach wie vor bekommt meine Mom regelmäßig Besuch von ihrer Freundin. Sie fährt mit meiner Mom durch die Stadt, bringt ihr frisches Obst mit, was sie ihr dann mundgerecht serviert, reicht ihr zu den Mahlzeiten das Essen an, und erzählt ihr die neuesten Neulichkeiten aus Stadt und Land.

Aber sie vermisst meine Mutter auch. Denn sie würde gern mit ihr noch Urlaube machen, Veranstaltungen besuchen – einfach das Leben genießen. Trotzdem nimmt sie sich unglaublich viel Zeit für meine Mutter. Wann immer ich mich bei ihr dafür bedanke sagt sie nur: »Sie ist doch meine beste Freundin.«

Es ist eine Art von Ritual was sich einfach so ergeben hat, dass ich das Kalenderblatt vom Vortag abreiße. »So wissen wir immer, ob du schon da warst«, sagte mir ihre Freundin mal. Zum Jahreswechsel war sie erkrankt und mochte meine Mom nicht besuchen, aus Sorge, sie anzustecken. »Sobald ich wieder fit bin, bringe ich den Kalender!«, sagte sie mir am Telefon.

Als ich vorgestern den Kalender 2018 im Zimmer meiner Mom sah, freute ich mich: Sie ist wieder gesund. Schön! Sie hatte es mir überlassen, die Kalenderblätter der bereits vergangenen Tage abzureißen. Wie immer stopfte ich sie danach in die Gesäßtasche meiner Hose, um mir später die Kalendersprüche auf der Rückseite der Blätter anzuschauen. Das habe ich vorhin aber erst gemacht. Ein Kalenderspruch lautet:

Ein Gramm Beispiel gilt mehr als ein Zentner guter Worte.

— Franz von Sales