Ich möchte keinem zur Last fallen

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Bambusblätter

Zwischen gesund und Tod gibt es viele Zustände. Den Satz habe ich vor fast genau zwanzig Jahren mal gesagt. Damit wollte ich einleitend erklären, dass es nicht nur einfach „die Pflege“ gibt.

Je nach Krankheitszustand eines Menschen ist er mehr oder weniger auf Hilfe, auf Pflege angewiesen. Und welche Form der Hilfe notwendig ist, ist damit auch nicht ausgedrückt.

Vor zwanzig Jahren basierte der Satz nur auf zwei Beobachtungen. Ich habe beobachtet, wie meine Mutter sieben Jahre meinen Opa gepflegt hat. Und vorher hat sie meine Oma gepfegt. Wenn auch nur ein paar Monate. – Habe ich damals schon gehofft, dass ich selbst nie zu einem Pflegefall werde? Ich meine nicht.

Meine Mutter hat sich sehr liebevoll um ihre Mutter und später um ihren Vater gekümmert. An eine Hilfe durch ambulante Pflege haben wir früher nicht gedacht. Mein Vater und wir Kinder haben meine Mom nach Kräften unterstützt. Vielleicht habe ich auch aus dem Grund nicht weiter darüber gegrübelt, was mal mit mir wird wenn ich nicht mehr kann. – Die Familie gibt halt. – Ich habe das damals und auch lange Jahre danach nie so in Worten ausgedrückt. Es war vermutlich „nur“ eine Sicherheit, die mir meine Eltern vorgelebt haben. Wirklich bewusst geworden ist mir das nie. – Die Familie gibt halt.

Heute, zwanzig Jahr später ist dieser Wunsch jedoch ständig präsent: Ich möchte nie zu einem Pflegefall werden. Ich möchte keinem zur Last fallen.

Woran liegt das? Dafür gibt es eine Reihe von naheliegenden Gründen, klar. Zum Beispiel: Je älter ich werde, desto mehr denke ich darüber nach. Ich sehe mich wie ich jetzt bin, und ich mag mich nicht sehen wie ich bin, wenn ich mich nicht mehr selbst waschen kann. So will ich nicht sein! – Was schwingt da mit? Der Wille nach Selbstständigkeit? Stolz?

Auch wenn ich mich schon häufiger mit solchen Gedanken beschäftigt habe, ich stelle oft fest, richtig tief eingestiegen bin ich in die Thematik nicht. Das wurde mir wieder bewusst, als ich kürzlich diesen Artikel gelesen habe:

Wenn unser Leben nur noch innerhalb der Koordinaten von Selbstverwirklichung und Individualismus eine Berechtigung hat, beschneiden wir uns und unsere Mitmenschen dann nicht um andere Möglichkeiten gelingenden Lebens?

„Ich will keinem zur Last fallen“ – ist das nicht auch egoistisch? Vergisst nicht, wer so denkt, dass wirkliches Leben immer nur in Beziehung stattfindet, auch und gerade vielleicht dann, wenn Leben besonders zerbrechlich und gefährdet scheint? Wenn ich keinem zur Last fallen möchte, heißt das in letzter Konsequenz, dass ich nicht mehr in Beziehungen leben möchte und mir und anderen die Möglichkeit nehme, an Leben und an Tiefe zu gewinnen.

— Dr. Christine Hober, „Einer trage des anderen Last“

Auch wenn ich nach wie vor hoffe niemals jemanden zur Last zu fallen, ich finde diese Gedanken bemerkenswert.