Grau darf nicht das neue Grün werden!

Schwalenberg

Wenn wir an Nebenwirkungen denken, denken wir zuerst an negative Dinge. Ich jedenfalls. Aber Nebenwirkungen können auch sehr positiv sein. Von solchen Nebenwirkung habe ich hier verschiedentlich schon verzählt, zum Beispiel in dem Text: „Von Nebenwirkungen“.

Naturgrün im Hintergrund ist so eine positive Nebenwirkung. Wir sehen das oft wenn Gebäude und Räume bei Hochzeiten und anderen Feierlichkeiten mit Pflanzen, Kränzen, Blumensträußen und dergleichen geschmückt werden.

Bei Schützenfesten ist das auch häufig zu beobachten. An den Straßenrändern werden junge Birken, Tannen und ähnliches aufgestellt. Aus welchem Grund das geschieht, weiß ich nicht. Ich vermute: weil es schön aussehen soll – freundlich, feierlich und trotzdem lebendig.

Der Haken an dieser Nebenwirkung: Lebendig sind die Bäume dann nicht mehr. Und die positive Nebenwirkung ist nur temporär positiv. Denn wenn wir es genau nehmen, ist sie eher negativ.

Parallel dazu gibt es seit einigen Jahren einen anderen Trend zu beobachten, den ich hier auch schon mehrmals zum Thema gemacht1 habe: der Trend zum Besteinen von Gärten, Gräbern, Pflanzbeeten und und und. Grau ist das neue Grün.

Wie passt das zusammen? Wenn es feierlich wird begrünen wir alles und im Alltag wollen wir davon nichts wissen. Es gibt vermutlich viele Gründe für diesen Trend.

»Das ist praktischer! Nun habe ich einen Parkplatz mehr.« Praktisch, weil ich in meinem Vorgarten keine Bäume oder Büsche mehr schneiden muss, praktisch, weil ich nicht mehr so oft zum Friedhof rennen und gucken muss, ob das Grab in Ordnung ist. Praktisch, weil ich weniger Arbeit habe. Tja, Steine sind praktischer als Pflanzen …

Das ist jedoch nur praktischer für den Besteiner. Für die Gemeinschaft, für uns alle ist das kein Vorteil, sondern ein Nachteil. Und ich werde nicht müde die Gründe dafür anzuführen: Jede Grünfläche die verloren geht, beraubt uns um ein Stück Atemluft. Pflanzen sind Luftfilter, sind Heimat von vielen Tieren die wichtig für uns sind, sind Lärmschutz, Schattenspender, fungieren als natürlicher Windfang, halten den Wasserkreislauf offen … aber alles nur, wenn sie lebendig sind.

Vergangenes Wochenende feierte das Städtchen Schwalenberg Schützenfest. Wir waren in den naheliegenden Wäldern wandern und kamen auf dem Rückweg durch den Ort. Dicht an dicht standen die abgesägten Tannen und Birken an den Straßenrändern. Ich schätze, es war für sie schon der dritte Tag. Sie sahen, seht es mir nach wenn ich sie so beschreibe, traurig und sehr erschöpft aus. Vitalität, womit ich Pflanzengrün auch assoziiere, ging von ihnen nicht mehr aus. Die gewünschte, positive Nebenwirkung kippte bereits sichtbar ins Gegenteil.

Wenn alle Vorgärten voller Pflanzen stünden, wäre es nicht nötig tote Zäune zu scheinbar lebenden zu machen, dachte ich. Was wäre, wenn ein Schützenverein stattdessen die Mitbewohner-/innen bitten würde: „Liebe Leute, pflanzt für uns einen Strauch oder ein Bäumchen in eure Vorgärten.“? Oder pflanzt lebende Zäune. Oder: Wir, der Schützenverein, werden unsere Grundstücke nicht besteinen. Oder: Wir übernehmen die Patenschaft für eine Streuwiese mit heimischen Gehölz.

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  1. Bleistiftsweise in dem Artikel: Besteint, Teil 2. [return]