Geständnisse eines Fahrradfahrers

Fahrradklingel

„… mit den bevorstehenden Osterfeiertagen beginnt für viele Biker die Saison. Damit Sie bekleidungstechnisch verlässlich ausgestattet sind, halten wir ein passendes Oster-Angebot für Sie bereit …“, schreibt mir ein Fahrradhersteller in einer E-Mail. Ich antworte mal mit einem Tweet von Volker Plass:

Einer der sinnlosesten Begriffe ist »Fahrrad-Saison«. Ich werde nie verstehen, warum Menschen, die es vollkommen selbstverständlich finden, bei -5°C einen ganzen Tag lang schizufahren, das Radfahren bei Temperaturen unterhalb von +10°C für unzumutbar halten.

twitter.com/VolkerPlass

Vielleicht haben sich einige Leserinnen und Leser bereits gefragt, weshalb ich länger nichts aus dem Leben eines begeisterten Fahrradfahrers berichtet habe. Das liegt daran, dass mir die ganzen Diskussionen dazu immer mehr auf den Keks gegangen sind, je häufiger ich mich damit beschäftigt habe. Fahrradfahrer beschimpfen Autofahrer, Autofahrer belächeln Fahrradfahrer und dann beharken sich Fahrradfahrer auch noch gegenseitig.

Was mich besonders nervte war, dass ich kein Deut besser war. Ich habe da mitgemacht. Jedesmal wenn ich radelte und mir mal wieder ein Autofahrer die Vorfahrt nahm, steigerte ich mich hinein. »Typisch Autofahrer! Alles dreht sich nur um Euch!« War ich mit dem Auto unterwegs, regte ich mich auch über einige Fahrradfahrer auf.

Irgendwann als ich von den Diskussionen um den Straßenverkehr mal wieder richtig schlechte Laune hatte, dämmerte mir: So, in dem Ton, in dieser Art und Weise, wird sich nichts ändern.

Überall wo sich Menschen in „Fan-Kurven“ zusammentun, gibt es moderate, pragmatische aber leider auch dogmatische Leute. Das ist meines Erachtens ein „ungeschriebenes Gesetz“. Konkret: Sowohl unter den Fahrradfahrern als auch unter den Autofahrern gibt es Krampen.

Dogmatische Leute die zudem laut sind, davon haben wir zurzeit wirklich genug – in allen „Fan-Kurven“, auf allen Ebenen. Aber mein Eindruck ist, dass diese Menschen mehr Porzellan zerdeppern als dass sie die Dinge wirklich zum Guten lenken.

Ich stellte also mal wieder fest: Die Chance dass man Menschen für sich gewinnt wenn man auf sie einprügelt ist denkbar gering.

Was tun?, fragte ich mich, um mir dann zu antworten: Weiter radeln und fröhlich dabei sein. Ja, wirklich, fröhlich bleiben. Ich habe mir das fest vorgenommen. Denn fröhlich sein ist mindestens genauso gesund wie das Fahrradfahren. – Außerdem: In Ruhe Argumente anhören, sammeln und verbreiten.

Alle 500 Meter Autofahrt geht ein Kilo Gletschereis verloren.

— Prof. Dr. Ben Marzeion, Quelle: www.welt.de

Ich mache mir aber nichts vor, trotz guter Argumente wird es auch bei dem Thema Auto- und Fahrradpolitik schwer sein die Dinge in eine andere Richtung zu lenken. Das zeigt zum Beispiel dieser Tweet, obwohl er ein ganz anderes, dennoch wichtiges Thema fokussiert.

Versuchen sie mal, in Deutschland ein generelles Tempolimit auf Autobahnen einzuführen. Vielleicht verstehen Sie dann, warum es in den USA nahezu unmöglich ist, schärfere Waffengesetze durchzusetzen.

twitter.com/Paxter_Redwyne

Kann es wirklich sein, dass vielen Menschen ihre Mitmenschen und die Zukunft egal ist? So nach dem Motto: Was kümmern mich meine kranken Mitmenschen? Was kümmert mich die Welt von morgen? Diese Fragen stelle ich mir oft. Und nicht nur beim Thema Auto.

wenn man die diesel-diskussion so verfolgt, könnte man meinen, in deutschland gäbe es mehr menschen mit auto als mit atemwegen.

twitter.com/katjaberlin

Jau, das waren schon wieder mehrere negativ klingende Argumente. Diese Studie aber finde ich besonders interessant, weil sie den Vergleich zwischen Auto- und Fahrradfahren in Zahlen ausdrückt:

Eine Studie der Lund-Universität Kopenhagen hat jetzt erstmals genau gerechnet und festgestellt, dass eine Autofahrt die Gesellschaft sechs mal mehr kostet als eine Radfahrt. Während Autos Geld kosten, bringen Radfahrer/innen sogar Geld ein.

— Christine Lehmann: Autos kosten, Radfahrer bringen Geld ein1, 23.6.2015

Sehr anschaulich sind auch Einspar-Rechner mit denen ich mir ermitteln lassen kann wieviel CO2 ich erspare, wenn ich mit dem Fahrrad statt mit dem Auto fahre.

Doch trotz alldem, ich kann Autofahrer oder Motorradfahrer verstehen wenn sie mir sagen: »Ich fahre gern Auto!«, oder: »Ich liebe Motorradfahren!« Und wenn sie mir dann noch sagen: »Fahrradfahren ist überhaupt nicht mein Ding!«, kann ich das ebenfalls nachvollziehen2. Denn ich war begeisterter Motorradfahrer und ich fahre nach wie vor noch Auto. Als makelloses Vorbild eigne ich mich also überhaupt nicht.

Ich bin zwar nicht Jesus, aber ich arbeite dran. Diesen Satz hatte ich mal in einem Begrüßungstext meines Anrufbeantworters verbaut. Frei nach dem Motto von Konrad Adenauer: „… es kann mich doch niemand daran hindern, jeden Tag klüger zu werden.“

Falls wir uns vorher nicht mehr sehen: Schöne „Biker“-Saison!


  1. Hier noch zwei Links aus dem Artikel: 5 Gründe, warum Sie mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren sollten, WirtschaftsWoche, 27.5.2015 – und die Studie von Stefan Gössling, Mai 2015 [return]
  2. Denn ich mag nicht in Flieger oder Kreuzfahrtschiffe steigen. Ihr wisst schon aus welchen Gründen[return]