Für Demenzkranke kein Einzelzimmer?

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Fachwerk

Auch stellte er die Frage, ob an Demenz erkrankte alte Menschen unbedingt in einem Einzelzimmer untergebracht sein müssen.

Den Satz habe ich in einem Zeitungsartikel gelesen. Danach ist die Frage von einem Allgemeinmediziner gestellt worden, und zwar während einer Veranstaltung, bei der auch das Thema Pflege auf der Agenda stand. Ich habe den Arzt hin und wieder in dem Heim in dem meine Mutter wohnt gesehen. Meine Mutter ist an Demenz erkrankt.

Die Frage des Mediziners bleibt in dem Zeitungsartikel unbeantwortet. Leider. Als Angehöriger eines an Demenz erkrankten Menschen beschäftigt mich die Frage sehr. Auch, weil die meisten Demenzkranken nicht in der Lage sind, dazu etwas zu sagen. Meine Mom könnte es nicht.

Müssen an Demenz erkrankte alte Menschen unbedingt in einem Einzelzimmer „untergebracht“ sein?

Ich gehe jetzt mal mutig davon aus, dass der Mediziner die WohnSituation in Seniorenheimen meint. Aus dem Beitrag geht dazu nichts weiter hervor. Ferner unterstelle ich mal, dass besagter Arzt die Frage tatsächlich so gestellt hat.

Die Frage enthält Differenzierungen, zum Beispiel: „an Demenz erkrankte“ und „alte“ Menschen. Was bei mir sofort die Gegenfragen aufpoppen ließ: Warum nur an Demenz erkrankte? Und warum nur wenn sie auch alt sind?1

Einschub: Ich bin nur Laie. Allerdings habe ich während ich meine Mom zu Hause gepflegt habe, viel beobachtet – bei ihr, bei ihren Besucher*innen, bei den ambulanten Pflegekräften, und bei mir. Und nun besuche ich meine Mutter wenn es eben geht jeden Tag in dem Seniorenheim – und beobachte weiter …

Schockiert hat mich aber schon die unausgesprochene Unterscheidung von „an Demenz erkrankt“ und „nicht an Demenz erkrankt“. »Ah, keine Demenz, sie dürfen ein Einzelzimmer beziehen. Der nächste Bitte! Oh, Demenz! Der darf kein Einzelzimmer beziehen! Den bringen sie mal in einem Mehrbettzimmer unter!« Ist das wirklich so gemeint? Bei mir weckt das Erinnerungen an den Geschichtsunterricht.

Keine Sorge, ich unterstelle dem Arzt keine üblen Gedanken2. Er ist ein sehr engagierter Mediziner, der mit diesem Beispiel vermutlich auf unser enorm kostenintensives Gesundheitssystem aufmerksam machen wollte. Was ich auch gut nachvollziehen kann. Er hat schon viele interessante Vorschläge in den öffentlichen Raum geworfen. Und oft bin ich mit ihm auch einer Meinung3. Aber bei dem hier thematisierten „Vorschlag“ habe ich meine Bedenken.

Meine Mutter wohnt zurzeit wieder in einem Einzelzimmer. Ich habe das Mitzählen vergessen, aber innerhalb der Zeit in der meine Mutter in dem Seniorenheim lebt, ist sie bislang vier- oder fünfmal umgezogen. Der Grund dafür ist: In dem Heim gab es mehrere Wasserschäden, woraufhin die Bewohner*innen ganzer Flure umziehen mussten.

Einmal hat sie für sieben oder acht Monate in einem Doppelzimmer gewohnt. Auch hier habe aufgehört mitzuzählen, mit wie vielen Seniorinnen sie in der Zeit das Zimmer geteilt hat, ich glaube es waren acht. Die meisten von ihnen waren vermutlich Seniorinnen, die nach einem Krankenhausaufenthalt für die weitere Genesung unter Beobachtung sein sollten, oder Seniorinnen die während der Urlaubszeit der pflegenden Angehörigen dort „urlaubten“. Das war eine gruselige Zeit.

Warum gruselig? Für meine Mum war das gruselig, weil ich beobachten konnte, dass sie das noch mehr verwirrte. Zudem war das in einer Phase, in der sie noch häufiger und auch längere Zeit-Fenster in „unserer“ Gegenwart lebte4. Meine Mutter in einer Umgebung zu sehen, die nicht die ihre, und zudem noch so „abwechslungsreich“ war, war auch für mich sehr gruselig.

Ein so abwechslungsreiches Umfeld ist nach meinen Beobachtungen für Demenzkranke nicht ideal. Meine Mom braucht Rituale, und sie liebt Ruhe. Gleichwohl mag sie es von Menschen umgeben zu sein – wenn sie denn entspannt und verständnisvoll sind.

Für mich war es schon blöd, wenn ich Wasser für die Gießkanne holen wollte um damit ihre Blumen zu gießen. Ich spraddere nicht einfach in ein „fremdes“ Badezimmer. Da meine Mutter sehr schwerhörig ist, muss man halt lauter mit ihr sprechen. Die Kombination aus Demenz und Schwerhörigkeit führt mitunter zu sehr lustigen aber auch lautstarken Dialogen. Ich möchte nicht, dass ich wenn sich sie besuche den Eindruck habe, auf einem Bahnhof zu stehen. Ich mag es nicht, Gespräche fremder Menschen anhören zu müssen, und ich ich mag es nicht, andere Menschen dazu zu nötigen, unserem Gespräch lauschen zu müssen. Und wenn meine Mutter, oder ich, oder wir beide weinen, möchte ich nicht, dass uns dabei einer zusieht. Für sie und für mich ist Privatsphäre wichtig.

»Sagt sie denn noch häufiger, dass sie nach Hause will«, werden ich manchmal noch gefragt. Ja, mitunter sagt sie das noch. Aber: Wir unterstellten mit dem „zu Hause“ etwas räumliches. Aber darum geht es meiner Mutter nicht.

Vor zirka eineinhalb Jahren, als sich ihr Fenster in „unsere“ Gegenwart mal weit öffnete, frage ich sie: »Wohin möchtest du denn?« Und dann nannte ich ihr Orte und Straßen, in denen sie mal gewohnt hat. Damit habe ich sie irritiert. Ich hörte geradezu, wie der Prozessor in ihrem Kopf begann zu verglühen5. Und ich bin davon überzeugt, selbst wenn ich ihr hochauflösende Bilder von den jeweiligen Räumlichkeiten hätte zeigen können, sie hätte nicht sagen können, wohin sie will.

Was sie wirklich will wenn sie sagt dass sie „nach Hause“ möchte – ist Ruhe – ist Zufriedenheit. Anders und salopp ausgedrückt: Wenn sie das sagt, passt ihr etwas nicht. Sie möchte sich zurückziehen. Meist möchte sie dann auch schlafen.

Dieses Beispiel zeigt auch, dass wir uns viel Mühe geben müssen, wenn wir Demenzkranke verstehen wollen. Dabei müssen wir unsere „Logik“ ausschalten, Worte mitunter anders gewichten und auslegen, „mehrsprachig“ werden. Mit mehrsprachig meine ich, dass wir viel mehr auf Gestik und Mimik achten müssen.

Nicht nur für die kranken Menschen ist ihr Wohn-Umfeld wichtig, auch für die Angehörigen, für die Besucher*innen. Ich erinnere mich noch genau an das erste Seniorenheim dass ich besuchte, als ich für meine Mom Ausschau nach einem Pflegeheim hielt. Als ich die dortige Demenzstation betrat, liefen mir Tränen aus den Augenwinkeln. Denn es mag sein, dass Demenzkranke unsere Sprache nicht mehr verstehen, aber sie hören noch unser Herz. Meine Mutter nimmt sehr genau wahr, ob ich gut oder schlecht drauf bin. Soll heißen: Wenn sich die Angehörigen und Besucher*innen in dem Umfeld des Erkrankten unwohl fühlen, überträgt sich das.

Wenn ich als Angehörige*r oder Besucher*in einen Demenzkranken in einem Mehrbettzimmer besuche und dabei ein volles Zimmer vorfinde, weil auch der oder die anderen Mitbewohner*innen gerade Besuch haben, wird mich das zusätzlich belasten. Besonders Menschen, die den Kontakt mit Demenzkranken nicht gewohnt sind und bereits dadurch etwas gehemmt sind, werden damit Probleme haben.

Aber wir wollen ja das Gegenteil, dass sich Menschen nicht von Mitmenschen abwenden, die sie nicht gewohnt sind – und darum müssen wir in Seniorenheimen für alle ein angenehmes Umfeld schaffen.

Wir dürfen die Geschichte nicht mit einem Krankenhausaufenthalt vergleichen. Der Krankenhausaufenthalt ist in der Regel nur vorübergehend. Für Bewohner*innen eines Seniorenheims ist ihre „Wohnung“ dort in der Regel die letzte in ihrem Leben.

Gestern unterhielt ich mich mit einer Pflegerin. Ich erzählte ihr die Geschichte von dem mal sehr angesehenen und einflussreichen Mann, der aber, gegen Ende seines Lebens in einem Seniorenheim angekommen, dort einer von vielen war. Seine ganze Macht die er mal hatte war weg. Und dann sagten wir unisono: »Irgendwann kommt jeder mal an diesen Punkt.«

Und dann bist Du froh dass es Menschen gibt, die sich – obwohl du keinen Beitrag mehr für die Gesellschaft leisten kannst – für Dich einsetzen. Das gilt besonders dann, wenn Du an Demenz erkrankst und nicht mehr in der Lage bist Deine Bedürfnisse zu formulieren.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Artikel 1, Absatz 1 Grundgesetz


Ich verstehe diesen Text nicht als abgeschlossen. Nicht alle Punkte die mir zu der Frage des Arztes eingefallen sind, habe ich notiert. Vielleicht füge ich sie später noch hinzu. Aber ich höre mir auch gern weitere und andere Argumente an. Wenn Ihr möchtet, schreibt mir6.

Update & Fortsetzung vom 4.2.2018: Und wenn sie dauernd um Hilfe rufen?


  1. Wie gesagt, ich bin Laie. Bislang habe ich nur ältere Menschen kennengelernt die an Demenz erkrankt sind. Daher lasse ich die Differenzierung „alte“ Menschen erst mal unbeachtet. [return]
  2. Möglicherweise geht es ihm wie mir. Er hat seine Idee bislang nur aus einem Blickwinkel betrachtet – aus seinem. [return]
  3. Und wer hier immer fleißig mitliest, der kennt einige der Punkte … [return]
  4. Diese „Übergangsphase“ ist ein sehr umfangreiches Thema. Und ich würde gern schon an dieser Stelle darauf eingehen. Das würde jedoch den Rahmen sprengen. Also später … [return]
  5. Ja, wenn ich daran denke habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich habe sie auch sofort auf ein anderes Thema gelenkt. [return]
  6. … Schreib mir bitte auch, ob ich Deine Gedanken zum Thema hier veröffentlichen darf. [return]