Falsche Götter

Was „beten“ wir an? Wen „beten“ wir an? Und was hat das eine mit dem anderen zu tun?
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Türme aus Stein

Das Merkmal von Menschen ohne Selbst ist das Ausweichen vor dem Tod.

Arno Gruen1

Es ist schon merkwürdig, dass ich hier noch nicht darüber geschrieben habe. Ich meine das Buch von Arno Gruen, wovon ich jüngst häufiger mal erzählt habe. Titel haben für mich keine Bedeutung, was zählt ist der Inhalt.2 Das ist der Grund, weshalb ich jedesmal aufgeschmissen war, wenn ich nach dem Titel des Buches gefragt wurde. Nun aber – der Titel des Buches lautet: Verratene Liebe - falsche Götter.

Erfolg, Besitz und Beherrschung von Natur sind Ausdruck eines vergeblichen Versuchs, sich lebendig zu fühlen. Aber zur Liebe führt all das nicht […] 3

Ich beginne mal mit einigen Zitaten, die meinen Gedanken entsprechen, an die ich gerade jetzt vor Weihnachten dauernd erinnert werde.

Auch die Jagd nach Konsumgütern ist blinde Suche und Flucht. Durch diese Güter erlebt der einzelne sein persönliches Wertgefühl.4

Man braucht schon nicht mehr zu jagen. Die „Beute“ wird uns aufgedrängt. Und das mit einer Penetranz, für die mir die Worte fehlen. Wir werden bombadiert mit Werbung. Eigentlich sollten wir, die Konsumenten, es sein, die das Angebot prägen. Aber das machen wir schon lange nicht mehr. Es ist doch viel einfacher, sich berieseln zu lassen.

Deshalb bildet die Werbung einen so wichtigen – wenn auch oft geleugneten – Faktor in der Aufrechterhaltung der kulturellen Ideologie des persönlichen Bedeutungsgefühls.5

Noch gestern habe ich mich darüber unterhalten – am Fairtrade-Stand in der Bad Pyrmonter Wandelhalle.6 Denn wann immer wir Fairtradler-/innen uns über das Thema Kaufverhalten unterhalten, dreht es sich eigentlich darum: um Achtsamkeit. Wie achtsam sind wir beim Kauf von Produkten?

Mein Eindruck ist, dass immer mehr Menschen sich die Frage nach der Nachhaltigkeit stellen. Das ist super. Der Fokus liegt dabei jedoch hauptsächlich auf der Verpackung eines Produktes. Ist das Plastik? Ist das Sondermüll? Aber es gibt noch eine Reihe von anderen Aspekten, an die wir beim Einkaufen denken sollten. Ich nenne hier nur einen, und auch nur als Beispiel: Fairtrade.

Doch eine Frage sollte immer als erstes beantwortete werden: Brauche ich das wirklich?

Wenn aber das Besitzen von Konsumgütern mit Identität gleichgestellt wird, findet man den Weg zur Gemeinschaft nicht mehr.7

Je häufiger ich mir die Frage stelle: Brauche ich das wirklich?, desto deutlicher wird mir, wie brutal die Maschinerie von Werbung und Marketing arbeitet. Wenn ich „brutal“ schreibe, meine ich damit nicht „schmerzhaft offensichtlich“. Einen Stapel Papier mit Werbung im Briefkasten erkenne ich sofort als solche, perfide ist die kaum bis gar nicht wahrnehmbare Manipulation, die Suggestion.

Der Konsum, damit meine ich auch Filme, Sport und so weiter, hat für viele Mensche schon die Funktion von Brot und Zirkusspiele oder Burying – sie lenken ab. Ablenkung ist grundsätzlich nicht falsch. Manchmal ist sie sogar gesund. Aber es ist wie bei einem starken Medikament, es hat Nebenwirkungen – und bei einer Überdosierung hat es fatale Folgen. Und deswegen haben „unsere Götter“8 auch kein Problem damit, wenn wir ordentlich konsumieren – im Gegenteil, sie fördern das sogar.

Wie ticken solche Götter? Warum sind sind sie so? Fragen wie diesen geht Arno Gruen in seinem Buch nach. Auch sie kennen die Tricks uns zu manipulieren: indem sie uns einlullen, indem sie uns verunsichern, indem sie uns einschüchtern.

Die scheinbar »unerschütterliche« Stärke, also das Fehlen jeglichen Zweifels, macht die Versprechungen von gewissen Politikern glaubhaft. Was solche Führer wirklich fühlen, hat nichts mit moralischen Werten zu tun. Es geht nie um Ideale. Diese werden mißbraucht für einen Zweck, der nicht mit dem Wohl des Menschen zu tun hat.9

Das Buch ist von 2003. Und dennoch scheint Arno Gruen die Zukunft gekannt zu haben.

Ehrliche Menschen bedrohen sie, denn durch sie würden sie mit ihrer eigentlichen Unehrlichkeit konfrontiert.10

Update 18.12.2018: Eine interessante Rezension des Buches ist auch unter www.deutschlandfunk.de nachzulesen. Und als hätte Götz Eisenberg das Buch auch soeben gelesen:

Der homo consumens, von dem bei Erich Fromm die Rede ist, ist ein unersättliches Wesen, ein ewiger Säugling, der immer mehr konsumieren möchte und dem die ganze Welt zum Konsum wird. Durch den Akt des Kaufens und Konsumierens kompensiert er seine innere Leere, versucht er, Gefühle von Sinnlosigkeit und Angst zu vertreiben. Vergeblich natürlich. Dadurch nimmt der Akt des Kaufens einen suchtartigen Charakter an. Man muss die Dosis ständig erhöhen und den Abstand zwischen den Kaufakten verkürzen.

— Götz Eisenberg, Christmas Shopping – Ein öffentlich-rechtlicher Wahnsinn in Hessen, www.nachdenkseiten.de, 16.12.2018


  1. Siehe: Arno Gruen, Verratene Liebe - falsche Götter, 2003 J.G. Cotta’sche Buchhandlung, Seite 57. [return]
  2. Diesen Satz verwende ich, mitunter leicht modifiziert, häufiger. Allerdings in einem anderen Kontext. [return]
  3. Siehe: Arno Gruen, Verratene Liebe - falsche Götter, 2003 J.G. Cotta’sche Buchhandlung, Seite 57. [return]
  4. Ebenda, Seite 68. [return]
  5. Ebenda, Seite 68. [return]
  6. Die Steuerungsgruppe der Fairtrade-Stadt Bad Pyrmont und die Fairtrade-Schule, die Max-Born-Realschule haben dort auf das Thema Fairtrade aufmerksam gemacht. [return]
  7. Siehe: Arno Gruen, Verratene Liebe - falsche Götter, 2003 J.G. Cotta’sche Buchhandlung, Seite 70. [return]
  8. Statt „Götter“ könnte ich, wie Prof. Dr. Rainer Mausfeld auch „Eliten“ schreiben. Und wer sind dann wir, die Konsumenten? Die Lämmer, würde Prof. Dr. Rainer Mausfeld vermutlich antworten. Und warum schweigen die Lämmer? [return]
  9. Siehe: Arno Gruen, Verratene Liebe - falsche Götter, 2003 J.G. Cotta’sche Buchhandlung, Seite 137. [return]
  10. Ebenda, Seite 137. [return]