Eine Sprache als Geschenk

Weihnachten 2018. Es gibt Geschenke, die kann man zu Weihnachten schenken. Aber noch schöner ist, sie immer zu schenken. Denn jeder von uns kennt ihren Wert. Weil jeder von uns sie mal braucht. Aber leider sind wir oft nicht bereit sie zu schenken.
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Zwei Mundharmonikas My Drums

»Was ist dein Lieblingsweihnachtslied?«, wurde ich vor ein paar Tagen gefragt. Die Frage erwischte mich auf dem falschen Fuß. Denn es gibt so viele weihnachtliche Lieder, die ich mag. Eines davon ist das Stück: „Little Drummer Boy“. Und davon gibt es wiederum so viele schöne Interpretationen – zum Beispiel die mit Bing Crosby und David Bowie.

»Sind sie Heiligabend auch wieder hier?«, fragte mich vor ein paar Tagen eine Pflegerin im Seniorenheim, in dem meine Mom wohnt. »Klar!« »Super! Und bringen sie Mundharmonika mit!« Tja, es hat schon etwas von Tradition, dass ich Heiligabend mit den Seniorinnen und Senioren in der Demenzstation, einigen Pfleger-/innen und anderen Angehörigen feiere.

Gestern war ich fast einen halben Tag dort. Ja, das geht unter die Haut. Sehr sogar. Aber auch das gehört zum Leben. Und davor will ich nicht weglaufen. Ohne solche Erfahrungen wäre es nicht vollständig.

»Demenz ist für Angehörige wie ein langsames Abschiednehmen«, hat mir vor langer Zeit mal jemand gesagt. Da ist was dran. Obwohl; vielleicht zeigt es auch nur eine Sichtweise für etwas auf. Die, die gesagt haben: „Das Glas ist halbvoll“, kauften auch: „Das Leben ist ein langsames Abschiednehmen.“ »Aber ein Demenzkranker wird nie wieder so sein wie früher!« Stimmt. Und keiner von uns wird je wieder so jung sein wie vor diesem Satz. Weine ich lieber dem bereits getrunkenen Saft hinterher, oder genieße ich lieber die nächste Hälfte des Saftes?

Meine Mom hat früher immer alles gegeben um für uns Kinder und für die halbe Verwandtschaft ein tolles Weihnachtsfest auszurichten. Und darum würde es mir die Seele aus dem Leib reißen, wenn ich ihr nicht auch an den Weihnachtstagen ein Stück davon zurückgeben würde. Es mag merkwürdig klingen: Ich kann das sogar genießen.

Freu dich nicht so sehr, dass du geliebt wirst, als dass du lieben kannst.

— Johann Caspar Lavater

Wie kann man das genießen? Wie Weihnachten üblicherweise gefeiert wird, brauche ich nicht erklären – schönes Essen, viele Geschenke und so weiter. Meine Mom hat schon einige Jahre kein Weihnachtsgeschenk von mir bekommen, also so eines zum Auspacken. In acht von zehn Situationen wüsste sie nicht, dass man es auspacken muss. Sie würde sich auch über die Verpackung freuen, wenn ich sie dabei anstrahle.

Ich schenke ihr einfach das, womit jeder ein Leben lang etwas anfangen kann – ein Geschenk, was du auch in der letzten Stunde deines Lebens noch zu schätzen weißt – Zeit und Liebe.

Sie, Zeit und Liebe, bilden die verständlichste Sprache mit der wir in Dialog mit Demenzkranken treten können. Wörter, Sätze sind für viele von ihnen wie eine Fremdsprache. Dialoge wie wir sie im Alltag für normal halten, sind mit ihnen eher die Ausnahme. Und wenn sie stattfinden, hat sich für kurze Zeit ein Fenster geöffnet.

Als ich mich gestern von meiner Mom verabschiedete und ihr: »Ich habe dich lieb« ins Ohr flüsterte, kullerten ihr Tränen über die Wangen. Mit heiserer, gebrochener Stimme antwortete sie: »Ich dich auch.« Dann drehte ich mich zu ihrer Sitznachbarin herüber, lächelte ihr zu und sagte: »Tschüss, bis morgen.« Sie begann über das ganze Gesicht zu strahlen. Dann sagte sie: »Bleib doch bei uns.«

I played my drum for Him,
I played my best for Him,
Then He smiled at me,
Me and my drum.

Aus dem Lied: Little Drummer Boy

Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Euch und Euren Lieben eine wunderschöne Weihnachtszeit, einen tollen Jahreswechsel und für 2019 vor allem Zufriedenheit.