Einblicke in eine Arbeitsbiografie aus der Sicht eines Enkels

Ich muss jedesmal schmunzeln, wenn mir die Dose mit den kleinen Holznägeln1 in die Hände fällt. Denn im selben Augenblick sehe ich mich als kleiner Steppke auf der Werkbank sitzend, meinen Opa dabei zuschauend, wie er die reparaturbedürftigen Schuhe der Verwandtschaft bearbeitet.

Damals war mein Opa schon Rentner. Gern erzählte er mir dabei auch von seiner Zeit als Schmied, und dass er lange Zeit Pferde beschlagen hat. Er hat vermutlich nie auf einem Pferd gesessen, dennoch schwärmte er immer von ihnen. Dabei hat er nicht nur Pferde beschlagen. Er war, so würde man heute sicher sagen, Kunstschmied. Ich bin glücklich, dass ich ein paar seiner Arbeiten retten konnte.

Von zwei Jobs hat er jedoch nie viel erzählt. Um den Lebensunterhalt seiner Familie während des Krieges sicherzustellen, hat er lange Zeit in einer Zeche in Dortmund gearbeitet. Ich vermute, das war keine Arbeit, die meinem Opa gefallen hat. Nachdem sie mehrmals „ausgebombt“2 wurden, ist meine Oma mit ihren drei Kindern zurück nach Lügde geflüchtet. Mein Opa hat weiter in der Zeche gearbeitet um seine Familie ernähren zu können.

Als auch er zurück nach Lügde kam, ist er regelmäßig zur Kirche gegangen. Das ist dem Pastor aufgefallen, und er bot ihm den Job des Küsters an. Mein Opa hat das Angebot dankbar angenommen. Doch nach wenigen Jahren war damit Schluss. Ich weiß nicht, was genau der Grund dafür war. Ich kenne nur ein paar kurze Geschichten mit immer dem gleichen Ende. Aber die Geschichten haben sicherlich auch dazu beigetragen, dass mein Opa diesen Job an den Nagel gehängt hat.

Als Küster begleitete mein Opa den Pastor zu vielen Anlässen. Da ein Pastor zu den Zeiten noch eine sehr hoch angesehene Persönlichkeit einer Stadt war, wurde ihm bei einem Besuch meistens auch ein entsprechender Rahmen geboten. Dazu wurde der Pastor in aller Regel auch mit Geschenken bedacht. Hauptsächlich waren das Naturalien, Eier, oft Wurst und manchmal auch ein bisschen Schinken. Das war auf dem Land so üblich. Und ein Landwirt konnte halt mehr geben als ein Arbeiter – oder ein Küster …

Der Pastor hatte sich und seine Haushälterin zu ernähren, mein Opa eine fünfköpfige Familie. Doch nie sei es dem Pastor in den Sinn gekommen, meinem Opa von den Eiern oder der Wurst etwas abzugeben. Dabei sei der Pastor sehr oft so gut bedacht worden, dass er mehrere Familien über mehrere Tage hinweg damit hätte glücklich machen können. Mein Opa hat mir gegenüber diese Geschichten nie erwähnt. Erst Jahre später habe ich sie von meiner Mom gehört.

»Ach dein Opa, das war ein toller Mann, groß, schlank, gut aussehend.« Das habe ich oft gehört. Klar, es waren immer ältere Damen die das sagten. »Und so höflich, so ruhig und bedächtig«, ergänzten einige schwärmend. Ich glaube, dass er ein sehr sensibler Mensch war. Dass er ein „regelmäßiger“ Kirchgänger war hat meines Erachtens weniger etwas mit orthodoxer Religiosität zu tun, sondern mit der Suche nach Kontemplation. Er suchte einen Ausgleich für die Sorgen um seine Familie und für die Verarbeitung der Dinge die er während des Krieges erlebt hat.

Ein Freund meines Opas war Schuhmacher. Er kannte seine Sorgen und hat ihn, obwohl mein Opa vom Schuhereparieren so viel verstand wie ich vom Autoreparieren, für einige Zeit eingestellt. Doch schnell begann mein Opa den Job zu lieben – so sehr, dass er als Rentner uns noch lange die Schuhe repariert hat. Die letzten Jahre seines Berufslebens hat er jedoch wieder in einer Fabrik gearbeitet, in der er auch seiner ursprünglichen Berufung nachgehen konnte – dem schmieden.

»Opa, kannst du mir das mal basteln?«, oder: »Kannst du mir das mal reparieren?«. Solche Fragen bekam er oft zu hören. Er war glücklich wenn er für seine Familie im Keller werklen konnte. Und ich war glücklich ihn dabei zuzusehen. Besonders im Winter, wenn draußen Schnee lag, und er ein kleinwenig Ansteckholz zurecht hackte, das Feuer im Ofen entzündete, auf den Ofen einen Tannenzweig legte, und dann zu arbeiten begann. Ihn dabei zuzusehen wie er seine Kreativität, seine Detailverliebtheit, seine Präzision auslebte, war für mich das größte.

Ich sehe noch genau, wie er aus großen Lederstücken die Sohle heraus schnitt3, wie er die grob vorgeschnittetene Ledersohle mit dem Hammer in Form trieb, mit der Lederahle4 Löcher für die Holznägel vorbohrte, die Holznägel vorsichtig einschlug, anschließend das noch etwas überstehende Leder mit dem Messer entfernte und hernach mit verschiedenen Raspeln nach und nach in den Feinschliff überging.5

Mein Opa ist vor schon vor vielen Jahre gestorben, aber der Geruch des Klebers, mit dem er die Ledersohle an die Schuhe klebte, der Geruch von Tannenzweigen wenn sie erhitzt werden wird mich immer zuerst an ihn erinnern.

Wenn ich heute abgelatschte Schuhe entsorge denke ich oft an meinen Opa.6 Als ihm die ersten Schuhe mit Hohlräumen an den Schuhhacken und später an den Sohlen unterkamen, schüttelte er leicht den Kopf und gab sie zurück: »Tut mir leid, dafür fehlt mir das Werkzeug.« Ich glaube, die heutige Wegwerfgesellschaft hätte ihn unglaublich traurig gemacht. Denn für ihn gab es fast nichts was er nicht reparieren konnte.


  1. Das Intro-Foto oben zeigt die zirka einen Zentimeter langen Holznägel. [return]
  2. Ausgebombt: Das ist ein Begriff, den ich von meinen Großeltern, meiner Mom und ihren Geschwistern immer wieder gehört habe. Womit sie meinten, dass ihre Wohnungen im Bombenhagel des Krieges in Schutt und Asche gelegt wurden. [return]
  3. Auf dem wenig aussagekräftigen, zweiten Foto (verzeiht meinem Spieltrieb beim Fotozuschnitt) ist auf der unteren Hälfte ein Stück Lederfläche zu sehen. Aus solchen, zirka sieben Millimeter starken Stücken wurden die Sohlen herausgeschnitten. Natürlich waren die Lederstücke so groß, dass sich daraus auch mindestens zwei Sohlen herausschneiden ließen. [return]
  4. Das dritte Foto zeigt eine Lederahle. [return]
  5. Damit nicht jeder sofort sehen konnte dass die Schuhe neu besohlt waren, denn das neu aufgezogene Leder ist ja hellbraun, hat mein Opa die komplette Schuhsohle leicht angeschliffen und anschließend mit einem feinen Pinsel den Rand der Sohle mit entsprechender, meistens schwarzer Farbe bestrichen. [return]
  6. Auf dem vierten Foto ist ein Schuhabsatz zu sehen. Solche Absätze gab es für fast alle Schuhgrößen in einschlägigen Ledergeschäften zu kaufen. Mehrmals durfte ich meinen Opa begleiten, wenn er dorthin „shoppen“ gegangen ist um seinen Materialvorrat aufzufüllen.
    Er hat übrigens nicht immer ganze Absätze erneuert. Je nach Größe der abgelatschten Fläche hat er auch nur Absatzteile ausgewechselt. Dann wurde nur das hintere Drittel eines Absatzes erneuert. Wer käme heute auf die Idee das zu tun? [return]