Du kannst nichts mitnehmen

Oldtimer

»Was kann man dagegen machen?«, habe er seinen Architekten gefragt. Mein Freund hatte ein altes Fachwerkhaus gekauft und es wunderschön saniert. Aber nun störte es ihn doch, dass einige Balken auf auf dem Dachboden seines Hauses Holzwürmer beheimaten. Der Architekt habe ihn gefragt: »Wie alt ist dieses Haus?« »Über 150 Jahre.« »Wie alt sind sie?«, habe der Architekt nachgesetzt, die Antwort aber nicht abgewartet: »Was glauben sie, wann werden ihre Untermieter die Balken so weit verspeißt haben, dass sie zusammenbrechen?«

Monate später unterhielten wir uns über unsere Hobbys. Er liebte Oldtimer und hatte auch drei davon – wunderschöne, alte Teile. Eines davon war ein riesiger, uralter Übertragungswagen, den er zu einem Wohnwagen umgebaut hatte. »Hier drin hat Ernst Huberty den Einstieg in seine Karriere als Sportkommentator inszeniert!«, witzelte er immer.

»Wenn ich die Pflanzen im Garten betüddele wünsche ich mir oft, dass sie Teil eines neuen Lebens sind …« Er schaute mich fragend an, ließ mich aber weiter erzählen: »Wenn zum Beispiel das Atomkraftwerk in Grohnde explodiert, oder sich die Menschheit aus anderen Gründen selbst ausrottet, dann können die Pflanzen völlig frei wachsen, sich vermehren und ausbreiten. Ich mag diesen Gedanken«, fügte aber ernüchternd hinzu: »Vorausgesetzt, die Pflanzen überleben den Unfug von uns Menschen.« »Wenn Grohnde hochgeht, dann packe ich all meine Lieben in die Autos und brause davon«, kommentierte er grinsend.

Er war einer meiner besten Freunde. Vor sechs Jahren ist er gestorben. In seinem Fachwerkhaus wohnen nun andere Menschen. Ich bin mir sicher, die Balken im Dachstuhl wurden nicht ausgewechselt. Und seine Autos werden andere Liebhaber gefunden haben.

Aber in meinen Gedanken ist er nahezu täglich präsent. Sein beißender Humor, seine enorm ausgeprägte Empathie, seine Suche nach den Wurzeln von Gedanken, Worten und Handeln. Er hatte so vieles …

… Doch wenn ich an die aktuellen Diskussionen und das Geschachere um Macht, Posten und Anerkennung denke – all das war im gänzlich fremd. Und genau das ist es, was ich in dieser Zeit so vermisse. Menschen, denen das fremd ist, Menschen mit Mitgefühl.

Die Häuser werden neue Mieter bekommen, die Bäume grün und gelb im Herbst und alles ohne die eigene Anwesenheit. Die Wege, die nur durch den eigenen Schritt zu etwas Besonderem geworden sind, werden von anderen Trotteln beschritten.
Das ist sie, die Frustration durch die eigene Überbewertung. Menschen, die sich nicht vorstellen können, dass die Welt ohne sie weiter existiert, glauben auch, dass ihnen eine besondere Aufmerksamkeit zustünde.

— Sibylle Berg in www.spiegel.de: Erkennen, wie unwichtig man ist

Tja, so ist das. Du kannst nichts mitnehmen.