Drei Brüder und ihr Vater

Eine Geschichte über Konkurrenzdenken und Ressouceneinteilung, aus einer Zeit in der Handwerk noch Handwerk war. Die Geschichte ist alt, aber die Schlüsse die sich daraus ziehen lassen, sind nach wie vor aktuell.
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Eine Wiese mit Bäumen Ein Wiese kurz vor der Mahd

Wie mein anderer Opa1, hatte auch der Vater meines Dads mehrere Berufe. Wohl auch, weil er eine achtköpfige Familie ernähren musste. Er führte eine Tischlerei, sein Spezialgebiet waren Drechselarbeiten, er betrieb eine Landwirtschaft, und er war der Dorffrisör für die Herren – alles in „Personalunion“, denn er hatte keine Mitarbeiter-/innen.

Natürlich half die ganze Familie mit. Mein Dad berichtete mir zum Beispiel mal, dass der „Frisörladen“ am Samstagabend geöffnet hatte. Der Firsörladen war die Tischlerei, die zuvor von seinem Vater aufgeräumt und von den drei Jungs ausgefegt werden musste. »Eine Zeitlang war ich für das Glatzeschneiden2 zuständig. Vermutlich, weil ich dabei nicht so viel falsch machen konnte«, lachte mein Dad.

In dieser Zeit gab es kaum Maschinen. Damals war Handwerk wirklich noch Handwerk. Offensichtlich gab es auch noch keine Mähmaschinen, um das Gras für das Vieh zu mähen3. Das schließe ich aus einer Geschichte, die mir mein Vater mal erzählte. Obschon eine wahre Begebenheit, ist sie für mich wie ein Gleichnis. Und ich vermute, mein Dad wollte sie auch so verstanden wissen.

»Wieder einmal musste das Gras geschnitten werden«, erzählte mein Dad, »An dem Tag hatten wir, dein Opa und wir drei Jungs uns unsere größte Wiese vorgenommen.« Jeder mit einer Sense in der Hand hatten sie sich in einem Wieseneck nebeneinander aufgestellt, und begannen die Sensen zu schwingen. Die drei Brüder, jung, stürmisch und voller Elan wetteiferten, wer denn wohl der schnellere war. Ihr Vater, mein Opa, hat sie machen lassen. Er schwang gelassen und doch konzentriert seine Sense. Nach einer Weile waren ihm die Jungs eine Runde voraus; dann noch eine, und wieder eine. Mein Opa habe sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen. Er machte weiter, zielstrebig, aber besonnen. Der Mittag kam, und die vier setzen sich zusammen und aßen, was ihnen meine Oma eingepackt hatte.

Als sie ihre Mäharbeiten wieder aufnahmen spürten die drei Jungs schnell, dass ihnen der vormittagliche Wettkampf an den Kräften gezerrt hatte. Sie machten weiter, noch immer den anderen im Augenwinkel, aber sie wurden langsamer. Es dauerte nicht sehr lange, da holte mein Opa die erste Runde auf, dann noch eine, und wieder eine. »Geht ruhig nach Hause und ruht euch aus. Wir haben morgen noch die kleine Wiese dort am Hang vor uns«, habe mein Opa zu seinen Jungs gesagt, die von der Arbeit erschöpft waren. »Ich mache den Rest hier noch fertig.« Mit seinen Brüdern sei er dann nach Hause gegangen, erzählte mir Dad. Verstohlen haben sie noch ein paar mal nach ihren Vater geschaut. Es war später Nachmittag. Aber mein Opa habe weiter unermüdlich die Sense geschwungen, mit dem selben Gleichmut wie am Morgen.

Ich muss oft an diese Geschichte denken. Mein Dad und seine beiden Brüder waren keine Kinder mehr. Sie strotzen vor jugendlicher Kraft. Natürlich ist man als junger Mensch schnell mal dem Aktionismus erlegen. Vielleicht fehlt da die Erfahrung. Bei mir war es jedenfalls so. Es hat lange gebraucht bis ich kapiert habe, dass es sehr viel sinnvoller ist, seine Kraft einzuteilen. Aber um Kräfte einteilen zu können, muss man sie einschätzen können. Ressourcen sind nicht „eh da“. Sie sind endlich.

Diese Geschichte lässt sich durchaus auch auf unsere Gesellschaft übertragen. Wir haben verlernt, unsere Kräfte einzuteilen, wir haben verlernt mit Ressourcen zu haushalten. – Und ich frage mich, ob wir das überhaupt jemals konnten.

Ein anderer Aspekt ist der Wettkampf der drei Brüder. Ich glaube, dass der Wettkampf sie davon abgelenkt hat, ihre Kräfte einzuteilen. Wenn ich mich an anderen messe, messe ich mich nicht an mich selbst. Klingt total logisch. Aber trotzdem machen wir es meistens anders. Ein einfaches Beispiel aus dem Fitnessstudio: »Der hat die Langhantel mit 60 Kilogram zehn Mal gestemmt. Das kann ich auch!« Mag sein dass du es schaffst, aber mit wem hast du dich gemessen?

Es ist der Wettkampf der uns oft vergessen lässt, uns selbst zu reflektieren. Haben wir so viel Ressourcen das durchzuziehen? Und genauso wichtig: Macht es überhaupt Sinn, sich diesem Wetteifer hinzugeben? – Auch das lässt sich meines auf die Gesellschaft übertragen.

Konkurrenz belebt das Geschäft, heißt es. Das ist nicht falsch. Konkurrenz kann viel entfachen. Auch Ideen, ja, Lösungen erblühen lassen. Aber es sind „nur“ mentale Energien die durch Konkurrenzdenken freigesetzt werden. Der Wettkampf selbst erfordert meistens zudem auch physische Energien, Ressoucen. Und auf die muss ich zurückgreifen können – solange wie es erforderlich ist …

Wenn die drei Brüder sich ihre Kräfte eingeteilt hätten, jeder die seine, hätten sie, da bin ich mir sicher, wesentlich mehr geschafft. Das Konkurrenzdenken hat dem Team viel Energie und damit Effektivität gekostet.


  1. Von meinem Opa mütterlicherseits hatte ich hier auch schon mal erzählt: Einblicke in eine Arbeitsbiografie aus der Sicht eines Enkels. [return]
  2. Mein Dad hat mir dazu erklärt, dass sich damals viele Männer eine Glatze haben schneiden lassen – aus rein praktischen Erwägungen heraus. Haare stören nur und Glatzen waren einfacher zu pflegen, so die Argumentation. [return]
  3. Oder mein Opa hatte schlicht kein Geld, um sich eine Mähmaschine, also ein Trecker mit Mähwerk zu leisten. Was auch sehr naheliegend ist. [return]