Digitalisierung ist keine Bushaltestelle

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Alle reden seit einigen Monaten von Digitalisierung, und jeder hat eine Vorstellung davon. Ich gestehe, dass ich nicht sagen kann, was die „Experten“ die den Begriff wiederbelebt und frisch herausgeputzt haben, damit wirklich meinen.

Was ich jedoch beobachte ist, dass jetzt viele um den heißen Brei herum tanzen. Einige verfallen in Aktionismus um aufkommende Panik zu verdrängen, andere sehen die Gunst der Stunde sich auch mit dem Thema den Anstrich eines innovativen Charakters zu geben. So nach dem Motto: »Ich weiß Bescheid! Ich bin dafür!« Einige dieser Leute würde ich gern mal fragen: Wofür genau bist du denn? Nenne mir doch mal ein paar handfeste Beispiele. Wenn sie mir dann beispielsweise erklären würden, dass die Schulen mit Hightech ausgestattet werden müssen, würde ich ebenfalls sagen: »Ich weiß Bescheid.« Und: »Keine weiteren Fragen.«

Andere wiederum rufen: »Ja, ich bin (jetzt1) dafür! Ich finde das (jetzt) wichtig!« Einerseits ist es gut, wenn diesen Mitmenschen jetzt klar ist: „Die Welt wird nie wieder analaog“2. Andererseits sind das dann oft die Leute, die sich nach ihrer neu gewonnenen Erkenntnis in ihre Ohrensessel zurückfallen lassen und ihre „Lakaien“ mittels Fingerschnippen herbeizitieren: »Trage er mich hinein, in dieses Zeitalter. Erkläre er mir: Wie mache ich Digitalisierung!« Leute, die Digitalisierung ist keine Bushaltestelle!

Für mich persönlich hat die Digitalisierung spätestens begonnen, als ich mir meinen ersten, gebrauchten Rechner gekauft habe. Das war vor fast 30 Jahren. Für mich ist die Digitalisierung daher auch kein Projekt, wie das einige glauben. Digitalisierung ist ein fortwährender Prozess.

Vielleicht lässt sich das erklären, wenn wir bei der Digitalisierung an einen Baum denken. Aus dem kleinen Pflänzchen „Digitalisierung“ ist mittlerweile, 2018, ein großer, umfangreicher Baum geworden. Er hat bereits eine ausgeprägte, sehr weit verästelte Krone. Die Bedingungen waren gut, sodass er in jüngster Zeit noch mal einen ordentlich Wachstumsschub erlebt hat. Aber schon vor einigen Jahren ist unmöglich geworden ist, jeden einzelnen Zweig verfolgen zu können. Doch das interessiert den Baum „Digitalisierung“ herzlich wenig, er wächst weiter.

Was ist das Ziel der Digitalisierung? Gibt es überhaupt ein Ziel? Die Antwort auf die erste Frage lautet: wachsen. Die Antwort auf die zweite Frage: wachsen. Klar, solche Aussagen helfen im Alltag nicht. Da lassen sich Antworten aber bereits mit ganz einfachen Fragen finden.

Brauche ich, wenn ich jede Woche zehn Eier vom vier Kilometer entfernten Discounter einkaufen möchte, dafür einen Unimog? Werde ich, wenn ich jede Woche mindestens drölf Badewannen voll Sand an meine Kunden liefern soll, das mit meinem neuen E-Mountain-Bike erledigen können?

Die Frage ist also: Welches Gerät, welche Technik, welche Software hilft mir meine Anforderung zu erledigen? Dafür sollte ich aber präzise beantworten können, was meine Anforderungen sind. Tja, was ist überhaupt das Problem? Wofür brauchst du eine Lösung, oder eine bessere Lösung? Was genau würde dir helfen, was willst du verändern, verbessern, umkrempeln? – Wie lautet deine Anforderung?

Bei diesen Fragestellungen denke ich immer auch an den Kauf eines neuen Autos, wenn es um die Frage nach den Extras geht: Einmal bitte alles! Wenn wir uns das leisten könnten, würden wir vermutlich immer alles ordern. Ob wir das brauchen oder nicht.

Aber keine Sorge, die großen Unternehmen wissen schon was wir „brauchen“. Nehmen wir zum Beispiel die Smartphones. Damit bekommt jeder sein Rundum-Sorglos-Paket: sind alle Extras gleich drin. Aber damit der Spaß bleibt, kannst du dir selbstverständlich noch mehr Apps runterladen, für noch mehr Lösungen von Wünschen die du vorher nicht hattest.

Solche eierlegende Wollmilchsäue gibt es mittlerweile viele. Sie gehen weg wie warme Semmel. Aber nicht allen bekommt der Rausch derart erfüllter Spieltriebe. Ich habe den Eindruck, viele verlernen dadurch zwischen „haben wollen“ und „wirklich brauchen“ zu unterscheiden. Was zur Folge hat, dass es ihnen nicht mehr möglich ist ein adäquates Anforderungsprofil zu formulieren. Sie sind süchtig.

Ich schrub ja schon mehrmals, dass beim Stichwort Digitalisierung von Schulen reflexartig gefordert wird: jedem Schüler sein iPad. Ich habe keine Ahnung, ob es dafür ein adäquates Anforderungsprofil gibt. Ich bin kein Lehrer. Aber ich habe mir selbst mal die Frage gestellt: Tablet oder Notebook? Ich bin zu dem Ergebnis gekommen: ich brauche kein Tablet. Andreas, twitterte zu meinem Artikel:

Kann ich genau so unterschreiben: mit einem Tablet kann man nicht arbeiten! Das ist auch der Grund, warum ich von der Verwaltung kein Ipad für die Ratsunterlagen möchte. Soll sich jeder vom Ratsentgelt kaufen, was er nutzen will!

— Andreas Edler, twitter.com/filmfacts

Digitalisierung ist keine Bushaltestelle. Digitalisierung ist auch kein Bus. Digitalisierung heißt …


  1. Eine Anektdote dazu habe ich hier erzählt: Und nun wollen sie alle nach links [return]
  2. Der Satz ist von einem Freund, den er vor gefühlt 50 Jahren schon versucht hat, den Leuten zu verdeutlichen. [return]