Die Digitalisierung unserer Schulen (Update: 12.12.2018)

Die Digitalisierung ist nicht neu. Sie hat schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Sie hat nur Fahrt aufgenommen, weil jetzt einige aufgewacht sind und feststellen: Huch, da habe ich wohl was verpennt. Auch in den Schulen ist die Digitalisierung in vielen Fällen bislang offensichtlich nur stiefmütterlich berücksichtigt worden. Auf dieser Seite möchte ich für mich einige Gedanken festhalten, die ich bei dem Thema Digitalisierung unserer Schulen für wichtig erachte.
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Zunächst zum Stichwort #Digitalpakt:

Bei den Bundesgeldern handelt es sich aber um eine grundlegende Investitionshilfe, und ich hielte es aus Nachhaltigkeitsgründen für einen gravierenden Fehler, wenn die Länder mit dem Paktgeld Endgeräte kaufen. Dringendste Aufgabe muss sein, die digitale Infrastruktur endlich auf ein Niveau zu heben, mit dem die Schulen überhaupt mal vernünftig arbeiten können – ein Niveau, das für jeden Mittelständler und fast jeden Privathaushalt mittlerweile selbstverständlich ist. Vor allem damit sind viele Kommunen überfordert.

— Informatiker Andreas Breiter vom Bremer ifib 1

Zwei Aspekte sind mir bei dieser Aussage wichtig: #Nachhaltigkeit und digitale #Infrastruktur. Ich komme später darauf zurück.

Zwar enthält der jüngste Pakt-Entwurf offenbar die Bedingung, dass zunächst die entsprechende Infrastruktur geschaffen worden sein muss, bevor Geld in Endgeräte fließen darf. Aber die Definition dessen, was eine angemessene Infrastruktur darstellt, ist dehnbar – erst recht, wenn gleichzeitig die Anschaffung von Laptops & Co. lockt. […] Die Logik der Politik ist ohnehin mitunter eine andere und eine ganz einfache: Die digitale Infrastruktur sieht man nicht. Die Tablets und Laptops in den Händen der Schüler schon, sie machen sich gut in der Presse.

— Bildungsjournalist Jan-Martin Wiarda 2

Hier ist mir diese Aussage wichtig: „Die digitale Infrastruktur sieht man nicht. Die Tablets und Laptops in den Händen der Schüler schon, sie machen sich gut in der Presse.“ – Und der Strom kommt aus der Steckdose.

Das Stichwort wird also zwangsläufig lauten: „Bring your own device“ (BYOD). Und die Digitalpakt-Endgeräte werden vor allem von jenen Schülern genutzt werden, deren Eltern keines finanzieren können.

— Bildungsjournalist Jan-Martin Wiarda 2

Ich gestehe, an die #soziale-Komponente habe ich bislang noch gar nicht gedacht. Dabei ist das ein ziemlicher Hammer.

Bei diesem ganzen #Digitalpakt Gedöns: Denkt jemand mal konkret? Wie kommen die Schulträger und Schulen mit einem Beschaffungsetat zurecht, der plötzlich das 2-3 fache des normalen Etats hat? Werden Stellen geschaffen? […] Das Ganze ist am Ende mit einer viel zu heißen Nadel gestrickt.

— Felix Schaumburg Blum, Medienberater für Schulen und Schulträger 3

„Werden Stellen geschaffen?“ Öhm, keine Ahnung. Ich gebe die Frage mal weiter. Liebe Leserinnen und Leser, habt Ihr davon etwas gehört?

„Das Ganze ist am Ende mit einer viel zu heißen Nadel gestrickt.“ Ja, das glaube ich auch. Es ist gut, dass jetzt endlich Bewegung in die Sache kommt. Aber: In der Euphorie oder Torschlusspanik entsteht jetzt ein unglaublicher Aktionismus4 und eine große Erwartungshaltung.

Der Aktionismus birgt die Gefahr, dass viel Geld beispielsweise für die falsche Ausrichtung verbraten wird. Weil zum Beispiel die Medienkonzepte nicht wirklich durchdacht waren. Erwartungshaltungen erhöhen den Druck und tragen dazu bei, den Aktionismus noch zusätzlich anzufeuern.

Fatal dabei ist, dass die Erwartungshaltungen weit überwiegend von denen erzeugt werden, die die Digitalisierung bislang belächelt und wenig bis gar nicht im Thema sind. Bezeichnend dafür ist die oben zitierte Aussage: „Die Logik der Politik ist ohnehin mitunter eine andere und eine ganz einfache: Die digitale Infrastruktur sieht man nicht.“ Wobei das nicht ausschließlich auf Politiker-/innen zutrifft.

Apropos digitale #Infrastruktur: Ohne gute Straßen macht das Autofahren auch mit Optik-SUV’s keinen Spaß. Was nutzen die vielen, klobigen Möchtegern-Geländewagen, wenn die Straßen zu schmal und die Parkplätze zu klein sind?5 Also was nutzen die ganzen Gadget für Schüler-/innen, wenn sie damit nicht vernünftig arbeiten können weil das Netz dauernd zusammenbricht. Daher sollte man sich die Zeit nehmen, und den Fokus zunächst primär auf die Infrastruktur legen.

Noch zur #Nachhaltigkeit: Auch daran sollten wir denken. Nicht nachher, sondern schon jetzt. „Wie lange hält so eine digitale Tafel? Fünf, sechs Jahre? Oder muss sie schon viel früher ausgetauscht werden weil es dafür keine Updates mehr gibt, oder weil sie dann einfach nicht mehr up to date ist? Wo und wie werden dann solche Tafeln entsorgt? Denkt dabei mal an alle Schulen die Ihr so in Eurer Region kennt. Und dann denkt mal an all die Tablets für die Schüler-/innen“, schrieb ich unlängst hier: Tafelisierung.

Zur Nachhaltigkeit zähle ich auch den Lösungsansatz: „Bring your own device“. Das habe ich auch schon mal in einem anderen Zusammenhang angesprochen: Warum ich gegen den Kauf von Tablets für die Ratsarbeit bin.

Update 12.12.2018:

In den Diskussionen um das Thema schwingen oft vorwurfsvolle Töne mit. Manchmal werden die #Vorwürfe auch konkret formuliert: Warum ist da noch nichts passiert? Warum dauert das so lange? Wir können nicht vernünftig arbeiten, weil wir haben ja kein WLAN, keine Tablets und so weiter.6

Dazu zwei Gegenfragen: Warum hast du denn bislang nichts gemacht? Warum hast du das nicht in die Hand genommen?

Stellt Euch mal eine innovative Schule vor, die vor fünf Jahren gesagt hätte: »Hey, wir wollen Zukunft! Wir wollen den Unterricht digitalisieren. Dafür brauchen wir XYZ. Unsere Ideen, unserer Methoden, die Gründe und so weiter haben wir hier in diesem Medienkonzept mal ausführlich und nachvollziehbar dargelegt. So möchten wir das angehen, so möchten wir das weiterentwickeln.« – Was meint Ihr, hätte denen irgendeiner Steine in den Weg gelegt?

Ich behaupte mal, das wäre abgesegnet worden. Man stelle sich nur mal eine begeisterte Schülervertretung, überzeugte Eltern und euphorische Lehrer-/innen vor, die hinter dem Prozess stehen. Selbst ein Schulträger mit einer dünnen Haushaltsdecke hätten sich nicht dagegen gestemmt. Er hätte vielleicht einen Kompromiss angeboten, um das finanziell irgendwie hinzubekommen.

Aber nicht nur Lehrer-/innen hätten so etwas initiieren können, auch Schulträger oder Eltern die im Thema sind, hätten das gekonnt. Und in Schulen ab der Sekundarstufe I hätte der Impuls sogar von Schüler-/innen ausgehen können. Letztendlich hätte das jeder anstoßen können, der die Notwendigkeit der Digitalisierung in Schulen gesehen hat.

Die Digitalisierung ist nicht neu. Der erste, funktionierende Digitalrechner wurde 1941 gebaut, die “Computerrevolution” begann in den 1970er Jahren, die erste Digitale Schulbank entstand 2001, und iPads, die ja immer als Sinnbild für die Digitalisierung herhalten müssen, gibt es bereits seit 2010.

Es ist also müßig mit Vorwürfen zu agieren. Denn auch hier lassen sich Vorwürfe schnell als Ablenkungsmanöver enttarnen.


  1. Siehe www.jmwiarda.de: “Offenbar wollen einige Länder den Digitalpakt umdeuten”, 7.2.2018 [return]
  2. Siehe netzpolitik.org: Bildung: Was die Einigung beim Digitalpakt bedeutet, 27.11.2018 [return]
  3. Siehe: twitter.com/schb, 1.12.2018 [return]
  4. Hier in der umgangssprachlichen Definition zu verstehen: „Der Begriff Aktionismus unterstellt betriebsames, unreflektiertes oder zielloses Handeln ohne Konzept, um den Anschein von Untätigkeit oder Unterforderung zu vermeiden oder zu vertuschen. Aktionismus kann auch bedeuten, dass viele Projekte diskutiert oder begonnen, aber nicht zu Ende geführt werden.“ Quelle: de.wikipedia.org: Aktionismus [return]
  5. Siehe: Verkehrspolitik 5.0 in Madrid und München, also München … [return]
  6. Beispiel: Gewerkschaft hält IT-Ausstattung der Schulen für beschämend, heise.de, 9.12.2018 [return]