Die Digitalisierung unserer Schulen (Update: 24.2.2019)

Die Digitalisierung ist nicht neu. Sie hat schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Sie hat nur Fahrt aufgenommen, weil jetzt einige aufgewacht sind und feststellen: Huch, da habe ich wohl was verpennt. Auch in den Schulen ist die Digitalisierung in vielen Fällen bislang offensichtlich nur stiefmütterlich berücksichtigt worden. Auf dieser Seite möchte ich für mich einige Gedanken festhalten, die ich bei dem Thema Digitalisierung unserer Schulen für wichtig erachte.
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Zunächst zum Stichwort #Digitalpakt:

Bei den Bundesgeldern handelt es sich aber um eine grundlegende Investitionshilfe, und ich hielte es aus Nachhaltigkeitsgründen für einen gravierenden Fehler, wenn die Länder mit dem Paktgeld Endgeräte kaufen. Dringendste Aufgabe muss sein, die digitale Infrastruktur endlich auf ein Niveau zu heben, mit dem die Schulen überhaupt mal vernünftig arbeiten können – ein Niveau, das für jeden Mittelständler und fast jeden Privathaushalt mittlerweile selbstverständlich ist. Vor allem damit sind viele Kommunen überfordert.

— Informatiker Andreas Breiter vom Bremer ifib 1

Zwei Aspekte sind mir bei dieser Aussage wichtig: #Nachhaltigkeit und digitale #Infrastruktur. Ich komme später darauf zurück.

Zwar enthält der jüngste Pakt-Entwurf offenbar die Bedingung, dass zunächst die entsprechende Infrastruktur geschaffen worden sein muss, bevor Geld in Endgeräte fließen darf. Aber die Definition dessen, was eine angemessene Infrastruktur darstellt, ist dehnbar – erst recht, wenn gleichzeitig die Anschaffung von Laptops & Co. lockt. […] Die Logik der Politik ist ohnehin mitunter eine andere und eine ganz einfache: Die digitale Infrastruktur sieht man nicht. Die Tablets und Laptops in den Händen der Schüler schon, sie machen sich gut in der Presse.

— Bildungsjournalist Jan-Martin Wiarda 2

Hier ist mir diese Aussage wichtig: „Die digitale Infrastruktur sieht man nicht. Die Tablets und Laptops in den Händen der Schüler schon, sie machen sich gut in der Presse.“ – Und der Strom kommt aus der Steckdose.

Das Stichwort wird also zwangsläufig lauten: „Bring your own device“ (BYOD). Und die Digitalpakt-Endgeräte werden vor allem von jenen Schülern genutzt werden, deren Eltern keines finanzieren können.

— Bildungsjournalist Jan-Martin Wiarda 2

Ich gestehe, an die #soziale-Komponente habe ich bislang noch gar nicht gedacht. Dabei ist das ein ziemlicher Hammer.

Bei diesem ganzen #Digitalpakt Gedöns: Denkt jemand mal konkret? Wie kommen die Schulträger und Schulen mit einem Beschaffungsetat zurecht, der plötzlich das 2-3 fache des normalen Etats hat? Werden Stellen geschaffen? […] Das Ganze ist am Ende mit einer viel zu heißen Nadel gestrickt.

— Felix Schaumburg Blum, Medienberater für Schulen und Schulträger 3

„Werden Stellen geschaffen?“ Öhm, keine Ahnung. Ich gebe die Frage mal weiter. Liebe Leserinnen und Leser, habt Ihr davon etwas gehört?

„Das Ganze ist am Ende mit einer viel zu heißen Nadel gestrickt.“ Ja, das glaube ich auch. Es ist gut, dass jetzt endlich Bewegung in die Sache kommt. Aber: In der Euphorie oder Torschlusspanik entsteht jetzt ein unglaublicher Aktionismus4 und eine große Erwartungshaltung.

Der Aktionismus birgt die Gefahr, dass viel Geld beispielsweise für die falsche Ausrichtung verbraten wird. Weil zum Beispiel die Medienkonzepte nicht wirklich durchdacht waren. Erwartungshaltungen erhöhen den Druck und tragen dazu bei, den Aktionismus noch zusätzlich anzufeuern.

Fatal dabei ist, dass die Erwartungshaltungen weit überwiegend von denen erzeugt werden, die die Digitalisierung bislang belächelt und wenig bis gar nicht im Thema sind. Bezeichnend dafür ist die oben zitierte Aussage: „Die Logik der Politik ist ohnehin mitunter eine andere und eine ganz einfache: Die digitale Infrastruktur sieht man nicht.“ Wobei das nicht ausschließlich auf Politiker-/innen zutrifft.

Apropos digitale #Infrastruktur: Ohne gute Straßen macht das Autofahren auch mit Optik-SUV’s keinen Spaß. Was nutzen die vielen, klobigen Möchtegern-Geländewagen, wenn die Straßen zu schmal und die Parkplätze zu klein sind?5 Also was nutzen die ganzen Gadget für Schüler-/innen, wenn sie damit nicht vernünftig arbeiten können weil das Netz dauernd zusammenbricht. Daher sollte man sich die Zeit nehmen, und den Fokus zunächst primär auf die Infrastruktur legen.

Noch zur #Nachhaltigkeit: Auch daran sollten wir denken. Nicht nachher, sondern schon jetzt. „Wie lange hält so eine digitale Tafel? Fünf, sechs Jahre? Oder muss sie schon viel früher ausgetauscht werden weil es dafür keine Updates mehr gibt, oder weil sie dann einfach nicht mehr up to date ist? Wo und wie werden dann solche Tafeln entsorgt? Denkt dabei mal an alle Schulen die Ihr so in Eurer Region kennt. Und dann denkt mal an all die Tablets für die Schüler-/innen“, schrieb ich unlängst hier: Tafelisierung.

Zur Nachhaltigkeit zähle ich auch den Lösungsansatz: „Bring your own device“. Das habe ich auch schon mal in einem anderen Zusammenhang angesprochen: Warum ich gegen den Kauf von Tablets für die Ratsarbeit bin.

Update 12.12.2018:

In den Diskussionen um das Thema schwingen oft vorwurfsvolle Töne mit. Manchmal werden die #Vorwürfe auch konkret formuliert: Warum ist da noch nichts passiert? Warum dauert das so lange? Wir können nicht vernünftig arbeiten, weil wir haben ja kein WLAN, keine Tablets und so weiter.6

Dazu zwei Gegenfragen: Warum hast du denn bislang nichts gemacht? Warum hast du das nicht in die Hand genommen?

Stellt Euch mal eine innovative Schule vor, die vor fünf Jahren gesagt hätte: »Hey, wir wollen Zukunft! Wir wollen den Unterricht digitalisieren. Dafür brauchen wir XYZ. Unsere Ideen, unserer Methoden, die Gründe und so weiter haben wir hier in diesem Medienkonzept mal ausführlich und nachvollziehbar dargelegt. So möchten wir das angehen, so möchten wir das weiterentwickeln.« – Was meint Ihr, hätte denen irgendeiner Steine in den Weg gelegt?

Ich behaupte mal, das wäre abgesegnet worden. Man stelle sich nur mal eine begeisterte Schülervertretung, überzeugte Eltern und euphorische Lehrer-/innen vor, die hinter dem Prozess stehen. Selbst ein Schulträger mit einer dünnen Haushaltsdecke hätten sich nicht dagegen gestemmt. Er hätte vielleicht einen Kompromiss angeboten, um das finanziell irgendwie hinzubekommen.

Aber nicht nur Lehrer-/innen hätten so etwas initiieren können, auch Schulträger oder Eltern die im Thema sind, hätten das gekonnt. Und in Schulen ab der Sekundarstufe I hätte der Impuls sogar von Schüler-/innen ausgehen können. Letztendlich hätte das jeder anstoßen können, der die Notwendigkeit der Digitalisierung in Schulen gesehen hat.

Die Digitalisierung ist nicht neu. Der erste, funktionierende Digitalrechner wurde 1941 gebaut, die “Computerrevolution” begann in den 1970er Jahren, die erste Digitale Schulbank entstand 2001, und iPads, die ja immer als Sinnbild für die Digitalisierung herhalten müssen, gibt es bereits seit 2010.

Es ist also müßig mit Vorwürfen zu agieren. Denn auch hier lassen sich Vorwürfe schnell als Ablenkungsmanöver enttarnen.

Update 14.12.2018:

Für eine Schule, die sich schon vor Jahren bedacht und gezielt auf den Weg der Digitalisierung gemacht hätte, wäre das eine hervorragende Möglichkeit gewesen, damit für sich #Werbung zu machen. Wer lässt sich so was entgehen?

Das alles klingt gut, aber hätte das vor Jahren wirklich so klappen können? Hätte ein Schule mit dem Wunsch nach Digitalisierung wirklich Fahrt aufnehmen können?7 Oder wäre sie doch von Skeptikern ausgebremst worden? Klar, je durchdachter das (Medien-)Konzept, desto größer die Chancen. Aber nach meinen Erfahrungen wäre das schwer gewesen.

Möglicherweise hätte es auch ein Gerangel um die #Zuständigkeit gegeben.

Heute müssen die Schulen sich auf den Weg machen. Der Druck aus den verschiedensten Richtungen ist zu groß, um sich als Skeptiker zu outen. Für einige der ehedem Bremser mag der aktuelle Digitalisierungs-Hype tatsächlich wie ein Damaskuserlebnis gewirkt haben, die meisten werden aber nur vom Bremspedal gegangen sein, weil sie Angst haben sonst „überrollt“ zu werden.

Interessant zu beobachten ist, dass jetzt unter denen die schon lange Digitalisierungs-Fans sind, viele auf die Bremse zeigen: Gemach, gemach, nichts überstürzen! Und etliche von denen, die die Digitalsierungs-Fans bis gestern noch herablassend belächelt haben, gebärden sich nun, als wären sie schon immer offen für Neues und selbstverständlich auch für das digitale Zeugs gewesen.

Stellt sich die Frage, warum mahnen einige Digitalisierungs-Fans davor die Digitalisierung überstürzt anzugehen? Wer über ein aktuelles Smartphone verfügen kann, verfügt deswegen nicht auch über Medienkompetenz. #Medienkompetenz kann man nicht mal eben aus dem Regal ziehen, kaufen und inne haben.

Update 12.1.2019:

Hier ein schöner Artikel: Das digitale Klassenzimmer, www.greenpeace-magazin.de, 4.12.2018.

Er hat seine Schule in jahrelangem Engagement und gegen reichlich Widerstände, wie er erzählt, mit digitalisiert.

… berichtet darin der Rektor einer Schule. Er hat offensichtlich nicht erst auf einen Digitalpakt gewartet. Und er rät dazu:

«Fangt einfach an, denn die Digitalisierung ist morgen nicht zu Ende.»

Damit scheint er einen Trugschluss anzusprechen, der immer mal wieder rauszuhören ist. Digitalisierung ist kein Projekt, welches in absehbarer Zeit erledigt ist – Digitalisierung ist ein Prozess, der sich weiterentwickelt.

Ein Streitpunkt beim Aufbau des digitalen Lernsystems: die Tablets - und wer diese bezahlt. Geregelt ist das am Carolinum so, dass die Schüler diese selbst mitbringen. Schülern aus sozialschwächeren Elternhäusern wird das Tablet vom Schulträger, dem Landkreis, finanziert, teil mit Unterstützung des Schulvereins.

Bring your own device. Dafür sprechen meines Erachtens zwei Gründe: Nachhaltigkeit (siehe oben) und Wertschätzung (siehe: Die Sache mit den Gegenleistungen).

Als ich heute Morgen diesen Artikel geschrieben habe, fragte ich mich wieder: Warum finde ich auf den Websites von Schulen so wenig Artikel von Schüler-/innen? Warum bloggen sie nicht? Warum wirken sie bei den Internetangeboten der Schulen nicht mit? Die Schüler-/innen könnten zum Beispiel darüber berichten, wie ihre Schule digitalisiert wird, wie sie beim Erstellen des Medienkonzeptes mitgewirkt haben und so weiter.8 Auch das Schreiben von Netz-Beiträgen halte ich für eine gute Übung zur Förderung der Medienkompetenz? Und „ganz nebenbei“ kann das eine gute Werbung für die Schule sein.

Update 13.1.2019:

Merkwürdig, ich dachte ich hätte die beiden Punkten auch hier längst angesprochen. Offensichtlich noch nicht. Es geht um den #Datenschutz und die #Datensicherheit.

Kelber forderte zudem, Datenschutz zum Unterrichtsstoff in den Schulen zu machen. Das Thema müsse “sinnvoll in die Lehrpläne eingebunden und selbstverständlicher Bestandteil des Schulunterrichts werden”.

Ulrich Kelber, www.heise.de: Datenschutzbeauftragter warnt vor automatischer Gesichtserkennung, 12.1.2019

Wann immer ich mit Mitmenschen über die beiden Themen spreche, die Zahl derjenigen die dann abwinken und meinen: »Das wird doch alles total übertrieben!«, ist ungleich größer als die derjenigen, die daran interessiert sind und sich dafür stark machen. Auch aus diesem Grund halte ich es für wichtig, unsere Jugend für den Datenschutz und für die Datensicherheit zu sensibilisieren. Das Wissen um die Notwendigkeit, das Verständnis und das Anwenden von Datenschutz und Datensicherheit, gehören zur Medienkompetenz; und meines Erachtens sogar zu den unerlässlichen, wesentlichen Bausteinen.

Update 27.1.2019:

Dass die Digitalisierung der Schulen nicht einfach ist, verdeutlicht ein Problem, welches eigentlich schon lange “vor” der Digitalisierung eines gewesen – also schon gelöst sein müsste: Ärger um dienstliche Mailadressen von Lehrern, spiegel.de, 20.1.2019

Update 24.2.2019:

In der vergangenen Woche war es dann so weit: Der Bundestag stimmt für Digitalpakt. Für viele war das ein Grund zum Jubeln. Aber es gibt auch einige Menschen, die das mit Sorge sehen, beispielsweise Professor Dr. Gertraud Teuchert-Noodt, Neurobiologin und Hirnforscherin. Hier im Interview mit den NachDenkSeiten: Der Digitalpakt wird unseren Kindern sehr schaden. Eigentlich unverantwortlich.

Ich suche noch eine Antwort auf die Fragen: Was passiert dann so in vier, fünf Jahren, wenn die meisten der Geräte überholt sind? Schnürt der Bund dann ein neues Digitalpaket?


  1. Siehe www.jmwiarda.de: “Offenbar wollen einige Länder den Digitalpakt umdeuten”, 7.2.2018 [return]
  2. Siehe netzpolitik.org: Bildung: Was die Einigung beim Digitalpakt bedeutet, 27.11.2018 [return]
  3. Siehe: twitter.com/schb, 1.12.2018 [return]
  4. Hier in der umgangssprachlichen Definition zu verstehen: „Der Begriff Aktionismus unterstellt betriebsames, unreflektiertes oder zielloses Handeln ohne Konzept, um den Anschein von Untätigkeit oder Unterforderung zu vermeiden oder zu vertuschen. Aktionismus kann auch bedeuten, dass viele Projekte diskutiert oder begonnen, aber nicht zu Ende geführt werden.“ Quelle: de.wikipedia.org: Aktionismus [return]
  5. Siehe: Verkehrspolitik 5.0 in Madrid und München, also München … [return]
  6. Beispiel: Gewerkschaft hält IT-Ausstattung der Schulen für beschämend, heise.de, 9.12.2018 [return]
  7. Gemeint sind auch andere Initiatoren, die das hätten anstoßen wollen. Wie weit wären sie wirklich gekommen? [return]
  8. Ja, ich habe mir nur wenige Websites von Schulen angesehen. Und das waren zufällig die, an denen die Schüler wenig bis gar nicht mitgewirkt haben. Das will ich nicht ausschließen. [return]