Deutschland gewinnt mit 30 : 1

Ein T-Shirt mit der Aufschrift: Wie viele Kilometer legt eine Jeans zurück?

Stellt Euch mal vor, unsere Fußball-Nationalmannschaft würde gegen die Nationalmannschaft von Bangladesh spielen. Das Spiel endet mit eins zu eins. Aber trotzdem haben wir gewonnen. Warum? Weil unsere Tore das 30fache zählen. So sind sie halt, die „Fußball-Regeln“ in dieser Welt.

Klar, das ist ein Vergleich. Es geht darum, das Verhältnis der Arbeitslöhne zu verdeutlichen. In Ländern wie Bangladesh bekommen viele Arbeiter-/innen pro Monat nur so viel wie die Arbeiter-/innen hier pro Tag. Wobei die Menschen dort weit mehr, mitunter sogar das doppelte an Stunden pro Tag arbeiten müssen.

Gut, dass wir hier leben. Gut, dass uns die Gnade der geografischen Geburt zuteilgeworden ist.

Den Vergleich mit einem Fußballspiel und den Ausdruck „Gnade der geografischen Geburt“ habe ich von Rainer Kluckhuhn aufgeschnappt. Rainer Kluckhuhn ist Sprecher der Fairtrade-Steuerungsgruppe Lemgo. Der Vergleich wie auch die Aussage waren Teil seiner Begrüßungsrede beim Fairen Frühstück am 7.9.2018.

Bangladesh ist in dem Fall freilich nicht aus der Luft gegriffen. Wenn das Gespräch auf faire Kleidung kommt, denken viele zu recht auch an Bangladesh. Spätestens seit dem Gebäudeeinsturz in Sabhar am 24. April 2013, bei dem 1135 Menschen getötet und 2438 verletzt wurden.

Am Vortag, dem 23. April, waren in dem Gebäude Risse festgestellt worden. Deshalb verbot die Polizei den Zutritt.[…] Dennoch waren mehr als 3.000 Menschen im Gebäude, größtenteils Textilarbeiterinnen, als das Gebäude um 9 Uhr kollabierte. Die Angestellten waren von den Fabrikbetreibern gezwungen worden, ihre Arbeit aufzunehmen.[…]

— de.wikipedia.org: Gebäudeeinsturz in Sabhar

In Ländern wie Bangladesh wird ein Großteil unserer Kleidung hergestellt.

Ein Plakat und eine Jeans

Wenn wir uns ein Kleidungsstück kaufen, denken wir dann an solche Dinge? Denken wir daran, dass „über 20.000 verschiedene Chemikalien in der Textil- und Modeindustrie eingesetzt werden, etwa 30% des Chemikalien- einsatzes weltweit“?1

Denken wir daran, dass „7.000 Liter Wasser für die Produktion einer einzigen Jeans verbraucht werden? Mit dieser Menge Wasser könnten wir über ein halbes Jahr lang tagtäglich die Klospülung benutzen!“1 – Denken wir an sowas?

Mehr als 700.000 Mikrofasern werden bei jeder Wäsche herausgewaschen, die meisten davon können nicht ausgefiltert werden und landen im Abwasser und somit in unseren Flüssen und Meeren.

— FEMNET e.V.: Fair Fashion Guide

Und wenn wir uns dann vor Augen führen, dass „80Mrd. neue Bekleidungsteile weltweit pro Jahr gekauft werden“, und dass „davon Menschen in Deutschland durchschnittlich 60 neue Bekleidungsstücke pro Person kaufen“1 – was geht dann in uns vor?

Und wenn wir anschließend noch gesagt bekommen, dass die „Teile durchschnittlich vier Mal getragen werden, bevor wir sie als Altkleidung aussortieren“, und dass wir sogar „20% unserer Kleidung überhaupt nicht tragen“1 – lässt uns das dann kalt?

Deutschland gewinnt 30 : 1.

Der Weg einer Jeans

Hinweis: Die Fotos habe ich beim fairen Frühstück im AWO-Kastanienhaus in Lemgo aufgenommen. Auf den Fair Fashion Guide von FEMNET e.V. hat uns Ute Koczy in ihrem Vortrag zum Thema faire Kleidung aufmerksam gemacht.


  1. Quelle: FEMNET e.V., aus dem Fair Fashion Guide vom 22.4.2017, Seite 3. [return]