Der Klimawandel erfordert eine andere Stadtentwicklung

Der Klimawandel erfordert eine andere Stadtentwicklung? Warum? Anhand von zwei Beispielen versuche ich das zu erklären.
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Die Motorhaube eines Autos Auto vor Baum

Der Sommer 2018 hat vielen vor Augen geführt, dass sich mit unserem Klima etwas verändert. Klima-Experten raten zu sofortigen und massiven Maßnahmen, um der Entwicklung entgegenzuwirken. Autos müssen weit weniger umweltbelastend sein, in die Städte muss mehr Grün, es müssen mehr schattenspendende Bäume her und so weiter.

Jeder müsse sein Handeln überdenken und ändern. Und wir brauchen neue Konzepte. Wir brauchen eine nachhaltige Stadtentwicklung, drängen die Klima-Experten nahezu unisono.

Wie geht nachhaltige Stadtentwicklung? Ich habe mal den Inhalt von zwei Zeitungsartikeln herausgepickt, die meines Erachtens die aktuelle Stadtentwicklung kennzeichnen. Es geht mir nicht darum jemanden zu diskreditieren. Deswegen schreibe ich auch nicht, in welcher Stadt sich das so zugetragen hat. Das spielt keine Rolle. Denn ich glaube, das könnte in den meisten Städten so gelaufen sein.

Die erste Geschichte:

Viele Jahre prägte dieses pittoreske Ensembel das Bild des Stadtteils. Drei haushohe, knorrige Bäume in unmittelbarer Nähe einer schönen, denkmalgeschützten Kirche. Doch nun ist die Kirche nackig. Die um die 100 Jahre alten Bäume wurden gefällt. Die Wurzeln der Bäume hätten zu gravierenden Schäden am Rohrnetz der Kanalisation geführt, und sie hätten das Pflaster des nahen Parkplatzes angehoben. Außerdem hätten die Baumkronen einen Teil des Kirchdaches beschattet, was zur Moosbildung auf dem Dach der Kirche geführt und letztendlich Hausschwamm im Gebäudeinneren verursacht habe.

Der Plan zur Neugestaltung des Kirchplatzes sehe keinen neuen Baum mit großem Wuchs-Potential vor. »Das Gebäude geht vor«, wird der Denkmalpfleger zitiert. Aber Grün sei auch vorgesehen. »Wir wollen da auch keine Steinwüste haben«, wird die Pastorin zitiert. Durch den Wegfall eines der Bäume würde der Parkraum um ein paar Stellplätze erweitert.

Die zweite Geschichte:

Ein idyllischer Teich am Ortsrand. Es gibt wohl Planungen auf dem in unmittelbarer Nähe gelegenen Parkplatz ein fünfstöckiges Parkhaus zu erstellen. Das, weil durch den Neubau eines Feuerwehrgebäudes, ebenfalls auf diesen Platz, rund 400 Parkplätze wegfallen würden. Und das sehe der Einzelhandel kritisch.

Gegen das Parkhaus opponiert eine Wählergemeinschaft. Für das Stadtbild sei so ein Parkhaus eine Katastrophe. „Das ein Parkhaus den Individualverkehr fördere, passe ohnehin nicht zur aktuellen Entwicklung.“ Mit Außnahme von einigen Großveranstaltungen würde das Parkhaus auch nicht ausgelastet sein, vermutet die Wählergemeinschaft. Sie schlägt einige Alternativen zu Schaffung von Parkplätzen vor, in der Nähe von Sport- und weiteren Einrichtungen. Außerdem könne einen Shuttlebetrieb geprüft werden.

Zum ersten Beispiel:

Dass die Bäume gefällt werden mussten, kann ich nachvollziehen. Und irgendwann haben auch Bäume „ihr Alter erreicht“. Was mich stört ist die Aussage, das kein neuer Baum mit großem Wuchspotential vorgesehen ist. Nach meiner Beobachtung folgt das einem Trend, den ich seit Jahren beobachte. Viele Gärten hatten früher große Bäume. Auch in öffentlichen Bereichen standen mehr großen Bäume. Heute sind sie weg. Die Begründungen sind immer die gleichen: Sie „machen“ zu viel Laub Arbeit, und die Wurzeln können bei Kanalisation und Pflasterungen Schäden verursachen. Mag sein, dass Bäume gut für das Klima sind und auch gut aussehen, aber die „Nachteile“ überwiegen. – Das Gebäude geht vor. Und Parkplätze.

Zum zweiten Beispiel:

Die Gründe der Wählergemeinschaft die gegen das fünfstöckige Parkhaus opponiert kann ich ebenfalls gut nachvollziehen. Ich finde es auch klasse, dass sie Alternativen vorschlägt. Und dass sie einen Shuttlebetrieb vorschlägt, zeigt meines Erachtens schon in die richtige Richtung. So ein Denken ist aber nach meiner Beobachtung noch eher die Ausnahme.

Was beide Geschichten gemeinsam haben ist, dass sie um das Auto kreisen; aber nicht um das fahrende, sondern um das parkende. – Die Erdoberfläche ist begrenzt. Sie lässt sich nicht beliebig vermehren. Darum ist das Grundstücksrecht auch ein besonderes. Dazu später mehr.

Bemerkenswert finde ich, die hohe Priorität die den Parkplätzen eingeräumt wird. Und ich glaube, da sitzt der Haken. Wir können oder wollen nicht über eine Welt ohne Auto nachdenken. Auf die Stadtentwicklung bezogen: Wir können oder wollen nicht ohne den Individualverkehr denken. Wobei beim Individualverkehr weit, weit überwiegen an den Autoverkehr gedacht wird1.

Du Traumtänzer! Die Autos sind doch da! Wir müssen sie bei unseren Planungen berücksichtigen! – Das ist richtig. Aber: Wenn wir nie über echte Alternativen nachdenken wie wir den Verkehr in den Städten regeln, wird sich das nicht ändern. Und wenn ich mich nicht verzählt habe, nimmt Zahl der Autos permanent zu. Die ersten Quittungen liegen auf dem Tisch: Fahrverbote2. Okay, das betrifft zurzeit nur stinkende, „alte“ Dieselautos. Aber am Klimawandel sind die anderen Autos auch nicht unbeteiligt. E-Autos sind keine Alternative – und zweitens nehmen auch sie Parkplätze in Anspruch.

Denken wir noch mal kurz an die begrenzte Erdoberfläche: Welche „Nachteile“ große Bäume haben, das ist uns ganz klar – wie teuer uns Parkplätze zu stehen kommen, darüber denken wir selten nach. Und jetzt addieren wir noch die stetig wachsende Zahl von SUV’s dazu – auch die wollen mal parken. Aber dafür müssen größere Parkplätze her. Ich weiß nicht, ob das bei den Planungen für das Kirchenareal und für das Parkhaus berücksichtigt wurde. Vielleicht muss das Parkhaus dann sechsstöckig sein.

Wie zugepflastert und zugestellt müssen unsere Städte3 sein, bis wir umdenken? Bis wir feststellen, dass wir Flächen für zusätzliche und breitere Straßen4 nicht beliebig vermehren können? Bis wir merken, dass wir keine Flächen für Parkplätze mehr haben?

Wir müssen aufhören bei der Stadtentwicklung dem Autoverkehr Vorrang einzuräumen. Das ist nicht nachhaltig. Das ist angesichts des Klimawandels Old School. Sinnbildlich dafür stehen, das habe ich vor ein paar Tagen gelernt, Fußgänger- und Fahrradampeln:

In a better world, it would be drivers‚ not pedestrians and cyclists‚ who’d have to request permission to cross the street. […] 5

— Taras Grescoe, twitter.com/grescoe

Nun ist Stadtentwicklung nicht nur Straßenverkehr, aber er gehört, da er alles verbinden, erreichbar machen sollte, zu den entscheidenden Aspekten. Und im Gegensatz zu den oft verbannten Bäumen, leisten Autos keine keinen Beitrag zum Klimaschutz.

Okay, jetzt habe ich in epischer Breite davon geredet, dass es so mit dem Autoverkehr nicht weitergeht. Jetzt wäre es nur fair und auch klug, Lösungsansätze zu bringen. Doch ich gestehe es gleich: Ich bin nicht Jesus.

Naheliegend ist es zu sagen, dass wir den öffentlichen Personennahverkehr verbessern müssen. Das ist schon so oft gepredigt worden. Und viele haben sich daran versucht. Aus dem Bauch heraus behaupte ich mal, dass die Bemühungen nicht fruchteten, weil der Autoverkehr nach wie vor „Vorfahrt“ hat. Wenn wir das nicht ändern, wird sich auch nichts ändern.

Daher wäre meines Erachtens das der erste Schritt: Ob Straßenbahn, Bus, FahrradfahrerIn, RollstuhlfahrerIn, RollatorfahrerIn, oder FußgängerIn – sie müssen Vorfahrt haben. Diesen Verkehrsteilnehmer-/innen und diesen Verkehrsmitteln müssen bei den Überlegungen zu einer nachhaltigen, klimafreundlichen Stadtentwicklung unsere ersten Gedanken gelten, ihnen müssen wir oberste Priorität einräumen. Sicher, das erfordert viel Mut von den Städteplanern und Politikern – sehr viel Mut.

Aber ich glaube, wir werden nicht umhin kommen, diesen Weg zu gehen. Die meisten Menschen wissen das. Die kognitive Dissonanz lösen sie, indem sie auf die vermeintliche Alternativlosigkeit des Autos verweisen. Und sie klammern sich weiter an ihre Autos, weil es alle tun – und weil es geht. – Noch.

PS: Ein Stichwort welches hier ebenfalls reinspielt, was ich jedoch nicht auch noch ausrollen wollte, ist der rasant zunehmende Online-Versandhandel. Ist der unter den oben geschilderten Aspketen möglicherweise sogar ein Segen? Dazu vielleicht später mehr.


  1. Ein trauriges Beispiel habe ich hier aufgeschrieben: Warum wir Mountain-Rollatoren brauchen [return]
  2. Jüngstes Beispiel: Diesel-Fahrverbote in Köln und Bonn, www.tagesschau.de, 8.11.2018 [return]
  3. Das betrifft aber nicht nur die Städte. Auch Parkplätze in der Landschaft versiegeln die Flächen, mit den bekannten Folgen für Natur und Klima. [return]
  4. Für die rasant wachsende Zahl von SUV’s braucht es nicht nur größere Parkplätze, wir werden auch breitere Straßen brauchen, wenn wir so weitermachen. [return]
  5. Übersetzung: „In einer besseren Welt wären es die Autofahrer, nicht die Fußgänger und Radfahrer, die um Erlaubnis bitten müssten, die Straße zu überqueren zu dürfen.“ [return]