Danke Sweetheart

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Maigrün im Stadtholz

»Na mein Sweetheart!«, so hast Du mich oft begrüßt. Was aber eine Verdrehung der Tatsachen ist. Denn das süße Herz hattest Du. Die Frage habe ich mir seit gestern sehr oft gestellt: Womit habe ich Dich verdient? Du warst das Gegenteil von mir: durch und durch positiv, gutherzig, aufgeschlossen gegenüber Deinen Mitmenschen, und und und.

Weißt Du woran ich vorhin gedacht habe? An einen sonnigen, warmen Sonntagmorgen. Wir wanderten in „unserem“ Wald und haben das Blühen der Lärchen genossen. Du mochtest Lärchen. Du hast mir mal zwei aus dem kleinen Wäldchen Deines Vaters geschenkt. Ja genau, vor ein paar Monaten habe ich Dir davon Fotos geschickt.

Unglaublich, wie oft wir duch die hiesigen Wälder gewandert sind. Die Natur, die Pflanzen – Du hast sie geliebt!

Entschuldige bitte, wenn ich mit meinen Gedanken wie so oft das Thema wechsle. Aber es gibt so viele Dinge die mich an Dich erinnern.

Selbst die Anfänge dieses Blog erinnern mich an Dich. Ich weiß noch als ich mich entschlossen habe zu bloggen. Wir waren abends Essen, und ich glaube, ich habe Dich die ganze Zeit davon zugetextet. Wie ich das so oft gemacht habe, wenn mir irgendwas durch den Kopf ging. Du hast mir immer mit einer EngelsGeduld zugehört. Wobei ich spürte, dass Dich das auch wirklich interessiert hat.

Wenn ich so darüber nachdenke, gab es kaum ein Thema, das Dich nicht interessiert hat. Selbst für Fußball konntest Du Begeisterung entwickeln, was ich nie verstanden habe.

Aber dafür habe ich Dich zum Yoga „gelockt“. Vermutlich weil ich Dich auch davon vollgetextet habe dachteste Du: Mensch, das könnte ich auch mal probieren und hast Dich, ohne mit mir Rücksprache zu nehmen, einfach bei unserer Yoga-Lehrerin angemeldet. Was ich, wie so vieles an Dir bewundere ist, dass Du bis zum Schluss dabei geblieben bist. Die Krankheit hatte Dir schon sehr, sehr arg zugesetzt, und dennoch hast Du mit den krankheitsbedingten sehr begrenzten Möglichkeiten weitergemacht. Du hast bewiesen, was uns unsere Yoga-Lehrerin immer gesagt hat.1

Und dass Du das Fotografieren zu Deinem Hobby gemacht hast – auch dazu habe ich vielleicht ein kleines bisschen beigetragen. Einige Fotos von Dir gibts hier unter soheit.de ja auch zu sehen.

Die Krankheit hatte schon die ersten Spuren hinterlassen, als Du Dich für das Fotografieren entschieden hast. Und in der wenigen Zeit die Dir geblieben ist hast Du mir gezeigt, wie wirklich gute Fotos auszusehen haben. Als ich Euch zuletzt besucht habe, hast Du mir Deine aktuelle Fotogalerie präsentiert. Meisen während der Aufzucht und bei ihren ersten Flugversuchen. Und Dein Liebster hat daraus eine Geschichte gemacht, indem er die Fotos mit Sprechblasen versehen hat. Eine wunderschöne Idee.

Gestern erzählte mir Dein Liebster, dass Du an Deinem letzten Tag noch Fotos geschossen hast. In dem neuen, bequemeren Rollstuhl habe er Dich vor das Wohnzimmerfenster zum Garten geschoben, das Stativ aufgestellt, und Du hast wieder auf der Lauer gelegen und darauf gewartet, dass die vielen unterschiedlichen Vögel die Dich in Eurem Garten besuchten, Dir ein schönes Motiv bieten.

Ja, Dein Liebster, er ist wirklich ein unglaublich guter Mensch. Kennengelernt hattet Ihr Euch lange bevor wir Freundschaft schlossen. Aber Ihr hattet Euch aus den Augen verloren. Vor neun Jahren etwa hat er sich bei Dir dann mehr oder weniger unvermittelt gemeldet. Ich sehe uns noch in dem Café sitzen, als Du mir davon berichtetest. Deinen Augen konnte ich ansehen, da ist sie, Deine nur für Dich bestimmte Liebe.

Kein Jahr später hast Du weinend in meinem Garten gesessen und von der Diagnose erzählt: Parkinson, die schlimmste Variante. Im darauffolgenden Frühling habt Ihr geheiratet. Die Krankheit war Deinen Bewegungen bereits anzusehen. Doch Ihr wart so ein glückliches Paar. Dein Liebster hat alles für Dich getan, um Dir Dein Leid zu mildern. Er hat Dich an seinem fulminanten Wissen teilhaben lassen. Ihr habt Urlaube gemacht, sogar noch im vergangenen Jahr. Ihr habt Eurem gemeinsamen Hobby, dem Kochen gefrönt. Er hat für Dich alles besorgt was Dir Freude bereitete, was Dich ablenkte, was Dir half …

Aber das alles konnte die Krankheit nicht stoppen. Jedes Mal wenn ich Euch besuchte habe ich mich erschrocken. Jedes Mal hatte Dir die Krankheit etwas genommen. Das letzte Mal konnte ich Dich gar nicht mehr verstehen. Deine Stimme, schon lange Zeit nur noch ein Flüstern, war nahezu weg. Mit Codes, Zahlen, Hand- und Augenbewegungen habt Ihr Euch verständigt. Ich bewunderte Deinen Liebsten welche Ideen er ständig entwickelte, um Dir zu helfen. Als ich ging, hatte ich große Sorgen …

Wenn ich von Musik erzählte, hast Du oft gesagt: »Du weißt doch dass ich mir die Titel und Interpreten nicht so merke. Aber spiele mir das Lied bitte mal vor.« So war das oft. Und jetzt würde ich Dich fragen: »Kennst Du das Lied ›Will you be there‹ von Michael Jackson?« Und dann würde ich für Dich eine Textpassage aus dem Lied zitieren:

In our darkest hour,
In my deepest despair,
Will you still care?
Will you be there?
In my trials,
And my tribulations;
Through our doubts,
And frustrations;
In my violence,
In my turbulence,
Through my fear,
And my confessions;
In my anguish and my pain,
Through my joy and my sorrow,
In the promise of another tomorrow […]

— Aus dem Lied „Will you be there“ von Michael Jackson

Dein Liebster war für Dich da, zu jeder Stunde seit Ihr vor neun Jahren zusammengekommen seid. Ich sag das nicht für Dich. Dir war das klar. Ich sag das für mich. Weil ich ihn dafür unglaublich bewundere. Als ich ihm das gestern sagte antwortete er: »Ich habe das für sie getan. Sie war meine große Liebe.«

Ach Sweetheart, wann war das, als wir uns kennen und schätzen gelernt haben? Ich denke, das liegt über 20 Jahre zurück. Ich bin froh, dass ich Dir das schon mal gesagt habe: Du bist eines der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Denn so lange ich Dich kannte, warst Du genau so wie Dein Liebster. Die Frage: »Will you be there?«, hätte ich Dir nie stellen müssen. Du warst immer für mich da.

Gestern Morgen bist Du gestorben. Doch so lange ich lebe wirst Du da sein: For you’re always in my heart.

Danke Sweetheart, für all die schönen, aber auch dunklen Stunden die ich mit Dir erleben durfte. Danke, für alles was Du für mich getan hast. Und ich danke Deinem Liebsten, für das was er für Dich getan hat. Gäbe es doch nur viel mehr Menschen wie Euch auf dieser Welt.

PS: Sorry my dear, es gibt noch kein passendes Foto zu diesem Text. Weil, ich mag danach nicht suchen. Vielleicht später.

Update 4.3.2018: Vor fast genau zehn Jahren habe ich das Foto aufgenommen. Du hast mich gebeten, genau das Motiv auszuwählen. Denn Du hast das Maigrün geliebt.


  1. Yoga ist nicht nur für gesunde Menschen gut. Besonders für kranke Menschen ist Yoga sehr hilfeich – mehr dazu unter dem Stichwort: Yoga. [return]