Bleiben Sie kritisch

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Stellwand Faire Schultüte

Drüben, unter luegde.de, habe ich von unserer jüngsten Fairtrade-Aktion geschrieben: Hefte raus! Wir schreiben eine Mathearbeit! Das war von den ganzen Fairtrade-Aktionen an denen ich bislang mitgewirkt habe, die beste. Warum sie das war, das will ich hier kurz aufzeigen.

Die Kinder die zu uns an den Stand1 kamen, konnten zusammen mit meiner Kollegin und meinem Kollegen Schultüten basteln, schneiden, kleben, malen. Meine Kollegin bestätigte mir später mehrmals, dass die Kinder mit großem Eifer bei der Sache waren.

Das ist auch nachvollziehbar, da bereits der Titel der Veranstaltung: „118. Deutscher Wandertag“, nicht den Eindruck erweckt, dass dort reichlich Programm für Kinder zu erwarten ist. Im Fokus standen freilich das Thema Wandern und die Wanderinnen und Wanderer. Und von daher waren die Kinder glücklich, dass sie etwas zum Spielen finden konnten.

So eine Schultüte macht ja nur Sinn, wenn sie auch befüllt ist. Für das Material hatten wir vorher gesorgt: Bleistifte, Radiergummi, Lineal, kleine schön bebilderte Hefte2 mit Geschichten zum Lesen, und natürlich reichlich Süßigkeiten aus dem Eine-Welt-Laden.

Aber: Den Inhalt der Schultüten mussten die Eltern erspielen. »Da drüben steht unser Quizmaster vor ein paar Kisten mit reichlich Material.« Etwa so schickte meine Kollegin die Eltern zu mir rüber, der ich mich direkt neben dem Tourismus-Stand der beiden Städte Schieder-Schwalenberg und Lügde positionieren durfte.

In den Fernseh-Quizshows ist, wenn viel auf dem Spiel steht, im Hintergrund immer dramatisch klingende Musik zu hören. In Ermangelung einer solchen Inszenierung habe ich versucht diese Spannung aufzubauen, in dem ich die Eltern an ihre Schulzeit erinnerte, wenn „urplötzlich“ eine Mathearbeit zu schreiben anstand. Dananch wartete ich bis die Knie der vor mir stehenden Eltern vor Nervösität schlotterten. – Quatsch.

Wir haben uns bei den Erinnerungen immer köstlich amüsiert. »Oh, ich war aber gut in Mathe! Kein Problem!«, lachten einige. »Pah! Streberin!«, lachte ich zurück. Aber dann ging es los: »Haben Sie schon mal etwas von Fairtrade gehört?«

80 Prozent3 der Eltern die ich vergangenen Samstag und Sonntag interviewt habe, haben die Frage bejaht. Das ist, finde ich, eine Menge. Diejenigen die mit Fairtrade noch nichts anfangen konnten, habe ich, soweit ich ihre Aufnahmebereitschaft hatte, ganz locker an das Thema herangeführt. Das klappte ganz gut.

Mit zirka 40 Prozent der Eltern habe ich unglaublich tolle Gespräche führen können, so, dass meine Kollegin mir später erzählte, sie habe sich mehrmals gefragt: Wieso dauert das bei denen so lange? Mussten die Eltern in die Nachprüfung?

Obwohl ich bei dem Thema selbst noch im Erstsemester stecke, habe ich bei dem Quiz das Thema faire Kleidung zum Schwerpunkt gemacht. Auch mit dem Hintergedanken, wer es besser weiß als ich, von dem kann ich dann ja lernen. Was auch mehrmals vorgekommen ist. Eine junge Frau zitierte beispielsweise Adorno. Und als ich nachhakte, ergaben sich daraus wieder neue Erkenntnisse für mich.

Meine Lieblingsfrage, die ich bis zu dem Zeitpunkt noch nicht mal recherchiert habe war: Was glauben Sie, wie häufig wird hier bei uns ein Kleidungsstück durchschnittlich getragen? Von der Frage habe ich ein paar Tage vor der Veranstaltung zufällig gehört, und erinnerte mich nur daran, das es sich dabei um eine Zahl unter fünf handelt. Was soll’s, dachte ich mutig: für einen Gedankenanstoß reicht das.

Über 50 Prozent meiner Kandidat-/innen die im Thema waren erzählten mir, dass sie sehr häufig auch Second Hand Kleidung kaufen würden. Das finde ich schon höchst bemerkenswert. Was die „Tragezahl“ anbelangt, tippten die meisten eine Zahl zwischen 30 und 50. Wobei sie dazu sagten, dass sie vor dem Hintergrund des Themas Fairtrade, und angesichts meines gestrengen Mathelehrerblickes die Zahl bereits niedrig angesetzt haben.4

Viele berichteten mir auch, dass sie nicht auf Billigprodukte zurrückgreifen würden, als wir bei der Frage waren, wie lange eine Näherin in Bangladesch denn täglich so arbeitet. Einige ergänzten aber auch zu Recht: Eine teure Textilie ist keine Garantie dafür, dass es unter fairen Bedingungen hergestellt wurde.

Eine junge Frau schilderte mir ganz offen, dass sie auch auf Billigprodukte zurückgreifen müsse, weil ihre Geldbörse keine große Sprünge zulassen würde. Sie würde gern anders handeln, aber … Für mich zeigt dieses Beispiel, wie viel Ungleichgewicht es auch schon bei uns gibt. Das heißt: Wir haben viel zu tun …

Woran kann man denn erkennen, ob es sich um ein Fair Trade Produkt handelt?, lautete eine meiner Fragen. Sie zielte auf die unterschiedlichsten Fairtrade Siegel, deren Unterschiede ich je nach dem kurz oder länger erklärte. »Naja, wie das heute mit Siegeln und Zertifikaten so ist, das steht dann zwar da drauf, aber woher weiß ich dass das so ist?« Eine solche Reaktion bekam ich häufiger zu hören.

Ich habe auch volles Verständnis für diese Gegenfrage. Zumal wir in einem Land leben, indem das Sammeln von Siegeln und Zertifikaten schon zur Obzession verkommen ist – ob sinnvoll oder nicht, egal, die hauptsache ich kann damit prahlen. Wobei sich Menschen, die mir als erstes Titel oder Zertifikate unter die Nase halten, sofort abseitsverdächig machen. Sorry, Titel und Zertifikate kannste dir meinethalben auf deine Brust pappen! Aber überzeugen kannst du mich nur mit guten Taten und Können. Meinen Kandidat-/innen habe ich sowas natürlich nicht gesagt. Stattdessen habe ich einigen Sachen wie diese verklärt:

»Nun, wir haben doch eben über Fairtrade-Gold gesprochen. Über Fairtrade-Ringe zum Beispiel. Ich sehe, sie tragen Eheringe. Was ist der Klebstoff der eine Ehe oder eine Beziehung zusammenhält?« Komischerweise hat mir die Frage niemand so beantwortet, wie ich mir das erhofft habe. »Verraten sie es uns doch bitte!« Meine Antwort hat sie alle verblüfft. »Vertrauen«, antwortete ich leise.

Ich dagegen war nach den zwei Tagen darüber erstaunt, wie viele Menschen sich doch mit dem Thema Nachhaltigkeit intensiv auseinandersetzen. Menschen, die nicht nur darüber nachdenken und nicht nur fordern – Menschen, die auch selbst Akzente setzen. »Ich habe leider nicht mehr so viel Zeit, mein Bus fährt gleich«, sagte mir zum Beispiel eine Frau. Oder: »Ich fahre immer mit dem Rad zur Arbeit.« Oder: »In meinem Vorgarten habe ich viele bienenfreundliche Pflanzen. Kennen sie zum Beispiel die Pflanze …«5

Einige Freundinnen denen ich von der Aktion berichtete verwiesen auf die Filterblase: »Ist doch klar, so ein Stand zieht doch hauptsächlich Leute an, die eh „nachhaltigkeits-affin“ sind.« Nun, das war ja gerade die unbeabsichtigte „Falle“. Denn dass es bei uns am Stand um Fairtrade, einem Unterpunkt von Nachhaltigkeit ging, war kaum ersichtlich. Wir haben vergessen größere Hinweisschilder mitzubringen aus denen hervorgeht, warum wir dort waren. Aber genau dieses Versäumnis hat, so glaube ich, für mehr Glaubwürdigkeit, für mehr Authentizität gesorgt.

Manchmal fragte ich ich meine Kandidat-/innen zum Schluss: »Kennen Sie das? Sie besuchen einen Lehrgang. Und dann, am Ende der Veranstaltung, wird ihnen ein Vordruck untergeschoben. Darauf viele Fragen, viele Felder zum Ankreuzen. Die Fragen gehen etwa so: Wie fanden Sie diesen Lehrgang? Haben Sie etwas gelernt? Und am Ende des Vordruckes die Bitte: Bewerten Sie den Dozenten? Sie können Noten von eins bis sechs vergeben.« »Soll ich das jetzt beantworten?!« »Ja«, antwortete ich: »Keine Angst. Ihre „Note“ haben sie ja schon, die Schultüte Ihrer Tochter ist voll.«

Fazit: Niemand von den Eltern machte den Eindruck, als sei sie oder er von meinen Fragen und des sich daraus ergebenen Gesprächs genervt gewesen. Ich bin mir sicher, dass die allermeisten wirklich Spaß an unserer Aktion hatten, denn sie bot auf einfachste Weise ein Angebot für die Kinder und Eltern.

Mein Ziel war es auch nicht, den Menschen einen Staubsauger zu verkaufen. Genauso wenig wollte ich sie auf das Fairtrade-Label von Transfair e.V. fixieren. Und so gab ich vielen bei der Verabschiedung eine meiner Maximen mit auf den Weg – ganz im positiven Sinne: »Bleiben Sie kritisch!«

PS: Noch ein Satz zu dem Foto oben. Ja, so sah sie aus, unsere Stellwand, vor der ich dann meistens auch noch stand und mich mit den Eltern unterhielt. Viel mehr Plakat hatten wir nicht. Manchmal reichen Taten.


  1. Das war kein typischer Präsentier-Stand, sondern es waren zwei Bierzeltgarnituren. Und darauf lag ohne Ende Bastelkram. [return]
  2. Das sind wirklich tolle Hefte, die auch bei uns im Touristbüro sehr beliebt sind. [return]
  3. Ich habe keine Liste geführt. Das sind „postfaktische“ Werte. [return]
  4. Latürnich stelle ich nicht einfach Zahlen in den Raum und erwecke den Eindruck, dass ich von Fakten spreche. Ich habe jedesmal darauf hingewiesen: Die Antwort auf diese Frage habe ich noch nicht recherchiert. Ich habe sie nur aufgeschnappt. Bitte recherchieren das selbst noch mal. [return]
  5. Ich musste häufiger schmunzeln. Manchmal habe ich mich gefragt ob es mir anzusehen ist, wie ich ticke, wofür ich brenne. Wie in diesem Fall für Pflanzen in Vorgärten. [return]