Blähware

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Ein rundes Fenster mit Ausblick

Im Zusammenhang mit dem Thema Software habe ich auch hier verschiedentlich die Probleme mit den „eierlegenden Wollmilchsäuen“ erwähnt. Damit meine ich Software:

[…] die mit Funktionen überladen ist bzw. die Anwendungen sehr unterschiedlicher Arbeitsfelder ohne gemeinsamen Nutzen bündelt. Für den Anwender macht diese „Featuritis“ das Programm unübersichtlich, für Entwickler schlecht wartbar. Deshalb neigt [eine solche Software] dazu, vergleichsweise fehlerträchtig zu arbeiten und vergleichsweise komplex und im Detail unausgereift zu sein.1

Solche eierlegende Wollmilchsäue sortieren Software-Experten unter den Begriff Bloatware1 aus. Laut der Wikipedia, aus der das Zitat oben stammt, werden derartige Anwendungen manchmal auch als Blähware oder Fatware bezeichnet.

Bloatware entsteht in der Regel aus Marketinggründen oder – auch angeblichen – Anwenderwünschen.1

Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch Bloatware gibt, die allein durch die Softwareentwickler, also ohne Mitwirkung von Kunden, entstanden ist; sei es in guter Absicht, oder weil den Entwicklern das Maß verloren gegangen ist. Und ich kann mir auch vorstellen, dass sie das ihren Kunden dann so verkaufen: »Ich weiß nicht was Sie haben, ihre Kolleginnen und Kollegen in den anderen Betrieben haben sich das so gewünscht. Die vielen, tollen Dinge die das Programm sonst noch so kann müssen also gut sein!«

Aber ich glaube, die Ursache liegt weniger oft bei den Entwicklern. Meistens sind es die Anwender, die den Hals nicht voll kriegen (sorry!). Sie stehen in der Eisdiele vor der Auswahl und antworten auf die Frage welches Eis es denn sein soll mit: »Einmal bitte alles!« Je länger sie sich überlegen was die Software denn so können sollte, desto mehr „Eis muss auf die Waffel“.

Oft denke ich in solchen Situationen, und manchmal sage ich das dann auch: Wie wäre es, wenn ihr das Thema von der anderen Seite angeht? Legt doch mal fest, was die Software nicht zu können braucht. Auf was könnt ihr verzichten?

Der Wikipedia zufolge, entsteht Blähware auch aus Marketinggründen. Auch das glaube ich sofort. Und ich denke, primär geht es den Herstellern dabei nicht darum eine Arbeitserleichtung, eine Hilfe oder eine Problemlösung anzubieten. Hier geht es den Anbietern hauptsächlich darum, einen, oben schon beschriebenen, natürlichen Trieb von Kunden zu stillen. Gier.2

An dieser Stelle werfe ich noch mal die von mir oft zitierte Aussage eines Freundes in den Raum: „Was die Leute wollen und was sie wirklich brauchen, ist meistens ein großer Unterschied.“ Jede gute Marketingexpertin und jeder gute Marketingexperte wird diesen Ansatzpunkt kennen: Erzeuge einen Bedarf! Mach dass deine Kunden glauben, dass sie das brauchen! – Was meint Ihr, gelingt denen das?

Ich glaube, dass wir in der Flut von Angeboten, auch im Bereich Software, häufig gar nicht mehr in der Lage sind zu formulieren was wir wirklich brauchen, oder anders ausgedrückt: auf was wir verzichten können. Wenn wir ehrlich zu uns sind, haben wir noch einen Draht dorthin. Aber bei der Auflösung der kogninitiven Dissonanz werden wir uns zu 90 Prozent für die „Blähware“ – den Luxus – entscheiden und uns dafür die Argumente zurechtlegen.


  1. Siehe de.wikipedia.org: Bloatware. [return]
  2. Tut mir leid, wenn ich das schon wieder so brutal formulieren muss. Aber ich sehe das so. [return]