Außer man tut es

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Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Erich Kästner

Ich weiß nicht, seit wie vielen Generationen mich dieser Sinnspruch schon begleidet. Meine Mom hat ihn gern zitiert. Vor allem in meiner Schulzeit hat sie dafür offensichtlich einen Bedarf gesehen. Tss.

Der Spruch wirkt für mich daher arg verstaubt. Außerdem habe ich seinen Sinn nicht mehr wahrgenommen. Das passiert, wenn man etwas zu oft gesagt bekommen hat. Doch manchmal reicht ein winziger Perspektivwechsel, und plötzlich ist die Aufmerksamkeit wieder da.

So wie neulich. Ich besuchte meine Mom, riss wie jeden Tag das Kalenderblatt in ihrem Zimmer ab1 und las auf der Rückseite den Tagesspruch: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Ich musste grinsen, schaute zu meiner Mom die im Bett lag und schlief, und flüsterte: »Du kannst es nicht lassen«.

Wenn ich sie und ihre Mitbewohner-/innen auf der Demenzstation besuche denke ich oft: Es ist nicht schön, das zu sehen. Aber es ist gut das zu sehen. Warum das gut ist? Weil es erdet. Denn auch das macht das Leben aus. Auch das ist unsere Gesellschaft, ist Alltag.

Man sagt oder suggeriert oft: Glücklich ist, wer nicht selbst krank oder alt ist und auf Hilfe angewiesen ist, und wer nicht selbst Angehörige hat die dazu zählen. Das ist einfach nachzuvollziehen. Wer will das schon: krank sein, alt sein? Wer will sich damit schon gern auseinandersetzen? Aber zeigt es nicht auch, dass wir gern verdrängen, dass wir gern einen unvollständigen Blick vom Leben haben?

Genauso ist es, wenn wir das Leid vieler Menschen nicht sehen wollen, die weit weg von uns „leben“. Was gehen mich die Menschen in anderen Ländern an? Was gehen mich die Menschen in den Krankenhäusern und in den Seniorenheimen an? Jaa, guut, man sollte denen helfen. Aber lass mich doch damit zufrieden!

Es lässt sich leichter leben, wenn man den nicht so schönen Teil des Lebens ausblenden kann. Und ich glaube, dann lässt es sich auch einfacher meckern. Es ist dann einfacher sich aufzuplustern, sich wichtig zu nehmen, sich gut zu fühlen.

Als ich darüber nachgedacht habe, fragte ich mich auch: Reicht es schon Gutes zu fordern, Gutes zu beantragen? Tut man dann schon Gutes? Besonders bei Politikern habe ich den Eindruck, dass sie das glauben. Ich glaube das nicht.

Es reicht nicht Gutes zu wollen. Ich muss es auch tun.


  1. Was es mit dieser Geschichte auf sich hat, habe ich in dem Beitrag Ihre beste Freundin etwas ausführlicher beschrieben. [return]