Wir haben genug religiöse Feiertage

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Gräber auf einem Friedhof

Heute „feiern“ wir also Allerheiligen. Statt an meinem Arbeitsplatzrechner zu sitzen, sitze ich an meinem Arbeitsplatzrechner – also den auf dem heimischen Schreibetisch drapierten. Denn ich habe frei. Wer drei Meter weiter von hier in Richtung Norden seinen Arbeitsplatz hat, hat Pech. Der muss arbeiten.

Mitten durch den gemeinsamen Talkessel von Lügde und Bad Pyrmont verläuft die Landesgrenze. Lügde gehört zu Nordrhein-Westfalen, Bad Pyrmont zu Niedersachsen. Und dort, in Niedersachsen, ist heute kein Feiertag, zumindest keiner, an dem die Menschen frei haben (wir berichteten).

Das finden die Lügder, die in Niedersachsen arbeiten, blöd. Die Niedersachsen die in Lügde arbeiten, finden das praktisch. Die Niedersachsen selbst finden das doppelt blöd, weil die ganzen Lügder, Lipper und Nordrhein-Westfalen heute über die Geschäfte in Niedersachsen herfallen, wie eine Horde ausgehungerter Rehe nach einem langen, bitterkalten und entbehrungsreichen Winter über ein reichhaltig gedecktes Feld am Waldesrand.

In Bad Pyrmont und Hameln nennen sie den heutigen Tag daher auch liebevoll „Lippertag“. Kurzum, die Niedersachsen und die Berufs-Niedersachsen finden diese Lippertage voll ungerecht und doof. Lippertage?! Jupp. Davon gibt es nämlich zwei. Fronleichnam ist auch so ein Lippertag.

Dieses „Problem“ ist sogar schon in der Landeshauptstadt Hannover angekommen. Am Samstag las ich in der Zeitung, dass der Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, Stephan Weil, sich dafür ausgesprochen habe, den Reformationstag dauerhaft zum gesetzlichen Feiertag zu machen.

Juchu, gedenken wir dem glühenden Antisemiten und Frauenfeind Martin Luther.

– Eva Horn, twitter.com/habichthorn

Aber nicht nur der Reformationstag ist bei den niedersächsischen Politikern im Gespräch. Auch der Ex-Feiertag Buß- und Bettag wurde in Erwägung gezogen. Die Hauptsache ist, so mein Eindruck nach dem Lesen des Artikels, es kommt ein zusätzlicher Frei-Tag dabei rum.

Allerdings will die FDP-Fraktion, laut dem Artikel, keinen neuen Feiertag. Und auch der Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände habe sich dagegen ausgesprochen. Okay, das war zu erwarten. Aber die Grünen sind mit von der Partie: „Man muss auch mal entschleunigen“, werden sie zitiert, denn: „Das Leben besteht nicht nur aus Arbeit, sondern auch aus Familie und Freunden.“ Na sowas. Die müssen meine Artikel zu dem Thema gelesen haben.

Der gestrige Reformationstag war natürlich auch bei Twitter ein Renner.

Wenn Millionen Deutsche plötzlich den Feiertag einer ihnen fremden Religion aushalten müssen. #Reformationstag

– Ahoi Polloi, twitter.com/ahoi_polloi

Warum diskutieren wir hauptsächlich über religiöse Feiertage? Ich glaube, wir haben genug religiöse Feiertage. Und die Diskussionen um Kirchen und Religionen bringen uns nicht weiter. Wir haben ganz konkrete Probleme, denen wir uns stellen müssen: Was ist mit dem Klimawandel? Wie können wir die Natur besser schützen? Oder: Wie halten wir es mit dem Datenschutz?

Mein Vorschlag: Aus den Feiertagen Fronleichnam und Allerheiligen machen wir bundesweite Frei-Tage, aber mit gänzlich anderen „Vorzeichen“: Tag des Klima- & Naturschutzes, und Tag des Datenschutzes. Und diese beiden Tage akzentuieren wir in jedem Jahr mit anderen Schwerpunktthemen.

Aus dem Tag des Klima- & Naturschutzes können wir zum Beispiel einen autofreien Tag machen. Außerdem sollten wir den Tag nutzen, uns mal auf breiter Ebene darüber Gedanken zu machen, was das Insektensterben für katastrophale Folgen hat, und was jeder gegen das Insektensterben tun kann.

An dem Tag des Datenschutzes könnten wir uns auf bundesweiter Ebene auch schwerpunktmäßig des Themas Datensicherheit zuwenden. Wir könnten Fragen nachgehen wie: Wohin führt mangelnder Datenschutz? Welche hat Folgen hat mangelnde Datensicherheit? Welche Forderungen formulieren wir daraus? Und was können wir selber zum Datenschutz und zur Datensicherheit beitragen?

Und es sollte noch einen bundesweiten Frei-Tag geben …

… den 6. Januar. In Bayern zum Beispiel ist er bereits ein Frei-Tag. Aber: statt den Tag der drei Weisen aus dem Morgenland zu widmen, könnten wir den 6. Januar zum Tag der Menschenrechte ausrufen. Ja, den Tag der Menschenrechte gibt es bereits. Er wird am 10. Dezember gefeiert, ist aber kein Frei-Tag. Und den 6. Januar finde ich aufgrund seiner „Vorgeschichte“ passender.

An dem Tag der Menschenrechte könnten wir in jedem Jahr eines der Menschenrechte zum Schwerpunktthema machen: Asylrecht, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und so weiter.

Es ist schon kurios, dass Nordrhein-Westfalen zwei Frei-Tage mehr als Niedersachsen hat. Auch den jeweiligen Grund für die Frei-Tage – Fronleichnam, Allerheiligen, oder in Bayern die Erscheinung des Herrn, finde ich arg angestaubt und fragwürdig. Und daher könnte ich mir gut vorstellen, dass wir uns an diesen – dann bundesweiten – Frei-Tagen, schwerpunktmäßig den angeführten Themenfeldern auseinandersetzen.