Wie virulent ist der Fairtrade-Gedanke in Lügde?

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 5 Minuten

Mehrere Gegenstände und eine Tafel Scholkolade mit dem Fairtrade-Siegel

Wie virulent ist Fairtrade? Die Abonnenten von soheit.de wissen es längst, ich bin schon länger „infiziert“. In welchem Stadium ich mich befinde, zeigt dieser Überblick.

»Wer hat dich denn angesteckt?«

Ich glaube, latent schlummerte das „Virus“ schon immer in mir. So richtig erwacht ist er aber erst mit dem Auftrag des Lügder Rates: Wir wollen, dass Lügde Fairtrade-Town wird! Verwaltung, mach, dass das geht!

»Und wen hast du schon angesteckt?«

Vorweg, wie virulent Fairtrade ist, kann ich selbstverfreilicht nur für Lügde beantworten. Und das auch nur, soweit ich das überblicken kann. Außerdem gab es schon lange vor meiner „aktiven“ Zeit hier in Lügde praktizierende Fairtrade-ler*innen. Alle, die sich offiziell offenbart haben, habe ich auf dieser Seite gelistet.

Interessant ist, dass ich bislang nur Frauen von dem Thema Fairtrade begeistern konnte. Bei denen, die sich jetzt ebenfalls bewusster für Fairtrade einsetzen, glaube ich, war das „Virus“ ebenfalls schon vorhanden, aber auch schlummernd inhärent. Insofern habe ich niemanden damit angesteckt.

Denn Fairtrade – das Einstehen für den fairen Handel – ist selbstverständlich kein Virus, es ist meines Erachtens Ausfluss einer Wertvorstellung, einer Haltung.

Werte übermittelt man nicht indem man sie einfordert, sondern indem man sie lebt.

Hagen Rether, 24.3.2017 in Bad Pyrmont

Ich gestehe aber gern noch mal: Bislang habe ich mich mit Fairtrade nicht eingehender beschäftig. Erst der Auftrag des Rates hat mich dazu gebracht. Klar, es ist ja auch ein dienstlicher Auftrag.

»Woran merkst du, dass Bewegung in die Sache kommt?«

Es kommt nicht gerade täglich vor, aber meine Kollegin und ich werden immer mal wieder auf das Thema angesprochen. Dabei werden wir nicht nur danach gefragt, wir bekommen sogar Vorschläge, wie wir mehr Mitmenschen „infizieren“ könnten, wie wir sie dazu bringen könnten, sich intensiver über den Handel Gedanken zu machen. Darüber freuen wir uns sehr.

»Was kaust du da?!« »Einen Apfel. – Bio.« »Fairtrade?« »Nee.« »Tsss!«

— Dialog mit einer Kollegin

Irgendwann habe ich mal damit begonnen, all die Fairtrade-Sachen zu fotografieren, die wir, meine Kolleginnen und ich, so anschleppen1. Und ich sehe uns bereits Fairtrade-Kaffee-Tastings organisieren.

Eine Packung Kaffee mit dem Fairtrade-Siegel

Aber wir machen uns nichts vor: All unsere Bemühungen sind nicht mal ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ich denke dabei zum Beispiel an die global Player, denen der faire Handel am Popo vorbei geht, ich denke an die Freihandelsabkommen, die wir vorzugsweise mit reichen Ländern abschließen und damit ärmere Länder ausschließen, und ich denke an unsere luxuriösen Ansprüche.

… selten Fairtrade-Alufelgen gesehen.

Hagen Rether, 24.3.2017 in Bad Pyrmont

»Und was macht die Politik?«

Bei den Lügder Politiker*innen scheint das Thema noch nicht angekommen zu sein. Denn von Beiträgen zu unserer Fairtrade-Kampagne habe ich von den Lügder Politiker*innen noch nichts gehört oder gesehen.

Wenn ich mir den dramatisch formulierten Antrag (PDF) von der SPD in Erinnerung rufe, wenn ich darüber nachdenke, dass der Rats-Beschluss einstimmig erfolgt ist, wenn ich daran denke, dass die Verwaltung vonseiten der SPD mehrmals aufgefordert2 wurde, doch mal in die Hufe zu kommen – dann finde ich es sehr schade, dass die Politik das Geschehen nur aus den Zuschauerreihen verfolgt. Dabei hätten die Parteien sich eigentlich sofort angesprochen fühlen können:

Parteien und ihre Untergliederungen (z. B. Ortsvereine) haben in Deutschland in der Regel die Rechtsform eines nicht rechtsfähigen (d. h. nicht eingetragenen) Vereins im Sinne von § 54 BGB.[…] Ausnahmen sind die CSU[…] und die FDP[…], die als eingetragene Vereine (e. V.) geführt werden. Auch deren Untergliederungen sind jedoch eigene, nicht rechtsfähige Vereine.

— de.wikipedia.org: Politische Partei

Parteien sind also auch Vereine. Bei der Fairtrade-Town-Kampagne sind mehrere Kriterien zu erfüllen. Unter www.fairtrade-towns.de ist nachzulesen: „Produkte aus fairem Handel werden in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Vereinen und Kirchen verwendet“. Auch auf unserer „Mitmachseite“: luegde.de/fairtrade-town haben wir kurz erklärt, wie Vereine sich einbringen können. Aber …

Eine Packung Kekse mit dem Fairtrade-Siegel

Beispiel: Am 3. Februar 2017 fand auf dem Lügder Marktplatz eine Veranstaltung der Lügder SPD statt. Mit an Bord, der SPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Berghahn3. Soweit ich das erkennen konnte, sind dabei Kaffee und Kekse angeboten worden. Das sei kein Fairtrade-Kaffee, und es seien auch keine Fairtrade-Kekse gewesen. Man habe die heimische Wirtschaft ankurbeln wollen, ist mir berichtet worden.

Nun ja, das klingt irgendwie gut. Aber nur irgendwie. Denn wenn das Café oder das Restaurant von dem der Kaffee bezogen worden ist keinen Fairtrade-Kaffee anbietet, dann hätte man darum bitten müssen. Wir Konsumenten, wir Verbraucher sind es, die den Bedarf formulieren sollten! Wir sollten wieder anfangen, das zu tun. Und wir sollten vorher darüber nachdenken, ob der Bedarf den wir formulieren, auch unseren Wertvorstellungen entspricht.

Am Sonntag war ich in Detmold. Im Rahmen einer Feierstunde ist der Kreis Lippe ist am 2.4.2017 offiziell zur Fairtrade-Town ernannt worden4. Frau Dr. Röder, Leiterin des Fachbereichs Umwelt und Energie, ging in ihrer Rede auch auf die Frage ein, warum sich der Kreis Lippe als Fairtrade-Town beworben hat. Die Frage habe ich mir für uns auch schon gestellt: Warum soll Lügde Fairtrade-Town werden? Der Kreis Lippe habe sich darum beworben, weil das, vor dem Hintergrund des Leitbildes5, nur konsequent gewesen sei, erklärte Frau Dr. Röder. Das Stichwort Leitbild brachte mich dann wieder zu der Frage: Wo wollen wir in Lügde eigentlich hin? Was sind unsere Werte? Wo ist unser roter Faden?

»Wie virulent ist der Fairtrade-Gedanke in Lügde?«

Eine „Gefahr“ geht von dem Virus nicht aus. Es sind in Lügde noch immer sehr wenige, die sich für das Thema fairer Handel stark machen. Daher wäre es wichtig, wenn die Politiker*innen mit gutem Beispiel vorangehen würden6.


  1. Siehe auch: Shoppen im Lügder Eine-Welt-Laden [return]
  2. Siehe session.net.krz.de/luegde/bi: Beispiele hier und hier. [return]
  3. Den Herrn Berghahn hatte ich hier auch schon zum Interview im Studio. [return]
  4. Offiziell nennt sich das Auszeichnungsfeier. [return]
  5. Auf der Website des Kreises Lippe habe ich nachgeschaut, konnte jedoch zum Leitbild des Kreises auf die Schnelle keine ausführlichen Infos finden. Aber es sollen Ziele wie Corporate Social Responsibility (CSR), Konsum mit Verantwortung und ethische Verantwortung in dem Leitbild verankert sein. [return]
  6. Habe ich das nicht schon mal gesagt? Bestimmt. Vor einem Jahr zum Beispiel. [return]