Wie findest du Weihnachten?

Ein Sonnenaufgang in Lügde

Weihnachten! Feiertage! Okay, nicht für alle, aber immerhin. Feiertage sind eine wunderschöne Gelegenheit, Info-Kanäle damit vollzustopfen1. Kaum sind die Diskussionen um den Reformations-Feiertag (vorerst) verklungen, da steht Weihnachten zur Disposition. Alle Jahre wieder halt.

Obwohl die Frage: „Wie findest du Weihnachten?“, meines Wissens niemand gestellt hat, scheint sie, wenn ich unter Twitter & Co. KG nachschaue, dennoch jeder beantworten zu wollen. Andreas schrieb zum Beispiel gestern: Weihnachten ist mir egal.

Sein Text erinnerte mich an das Gespräch, welches ich kürzlich mit einer Seniorenpflegerin führte2. Sie erzählte mir, wie sie als Kind Weihnachten erlebt habe, und wie sie nun das Fest mit ihren Kindern feiern wird. Sie würde die Feiertage recht traditionell gestalten, schilderte sie. Ihr Mann habe mit Weihnachten eigentlich nichts am Hut. Richtig wichtig sei ihr die Gestaltung der Tage aber auch nicht. Doch sie meinte, ihren Kindern diese Tradition vorzuenthalten, nur weil man selbst dessen überdrüssig geworden sei, wäre unfair. Daher würden sie und ihr Mann alles tun, um diese Tage ein schönes Erlebnis für die Kinder werden zu lassen.

Als ich ihr erzählte, dass mir das ganze Rabimmel-Rabammel auf den Keks geht, dass ich unsere Geschenkkultur sehr, sehr fragwürdig finde, dass ich zwar das Zimmer meiner Mom schon vor Wochen weihnachtlich geschmückt habe, in meiner Wohnung aber null weihnachtliche Deko vorzufinden ist, sagte sie, dass sie auch das nachvollziehen könne, fügte aber hinzu: »Was ich jedoch überhaupt nicht mag ist, wenn Menschen ihren Mitmenschen das Weihnachtsfest, wie auch immer sie es gestalten, madig reden« – Du so, ich so. Alles ist gut.

Das Wort dazu heißt Toleranz. – Ja, ja, da könnte ich auch noch was für tun. Und mir ist klar, wenn ich Kinder hätte, würde ich sicherlich auch anders über Weihnachten denken.

Ich erinnere mich noch, wie eine meiner liebsten Freundinnen mich immer geneckt hat: »Volker, komm doch Weihnachten zu uns!«, sie wusste, wie sehr sie mich damit in die Bredouille bringen konnte. Sie, die so gerne mit Familie und Freunden zusammen ist und feiert, und ich dieser grantelige Zausel. Seit sieben Jahren leidet sie an einer schweren Krankheit, und ist fast vollständig auf Hilfe angewiesen. An sie musste ich auch denken, als ich den Artikel von Andreas gelesen habe.

Ich glaube, dass das Weihnachtsfest besonders für Menschen wichtig ist, die es selbst oft gestaltet haben, aber es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr können. Meiner Freundin wird es sehr wichtig sein, dass sie diese Tage mit ihrer riesigen Familie verbringen kann. Ich bin mir ganz sicher, dass ihr unglaublich liebevoller und fürsorglicher Mann ihr wunderschöne Feiertage bieten wird – ganz traditionell, mit gutem Essen, Weihnachtsbaum, Geschenken und viel Kerzenlicht. Und ich bin mir auch sicher, dass ihre große Familie ihr die Bude einrennt.

Obwohl ich der grummeligste Alm-Ohi vom Flachland bin, und obwohl ich mit Weihnachtstraditionen, Geschenken und Pflichtterminen an solchen Tagen nichts am Hut habe, habe ich gestern Nachmittag Weihnachtslieder (auch total christliche) gesungen, was die Stimmbänder hergaben – im Seniorenheim mit meiner Mom und ihren Mitbewohnerinnen von der Demenzstation. Und aus ihren Augen war die Freude und Dankbarkeit herauszulesen.

Zwischen den Lieder hat eine Pflegerin aus einem Kinderbuch Weihnachtsgeschichten vorgelesen3. Auch solche Geschichten sagen mir nichts. Gar nichts. Aber an dieser Stelle waren sie gut und wichtig. Denn ihre Vorträge zauberten bei allen Seniorinnen ein Lächeln im Gesicht.

Meine Mom wird heute nichts mehr von gestern wissen. Aber Weihnachtslieder wird sie auch heute noch singen können – mit leiser, brüchiger Stimme, und mit Tränen in den Augen.

Lasst Euch diese Tage nicht vermiesen. Gestaltet sie, wie ihr möchtet. Aber denkt an die Toleranz.

Frohe Weihnachten!


  1. Der Themenkomplex „der Feiertag im Allgemeinen und im Besonderen“ ist eines meiner Lieblingsthemen. Also, ich bin nicht unschuldig, wenn an solchen Tagen die Infokanäle damit vollgestopft sind.
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  2. In diesem Text hatte ich das bereits kurz erwähnt: Samstag, 16. Dezember 2017. [return]
  3. Nebenbei: Wenn ich die Vortragsweise benoten sollte, bekäme die Pflegerin dafür eine Einsplus. [return]