Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder

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Ein Fenster in einem Fachwerkgebäude

»Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.«

Meine Mom ist dement. Seit zwei Jahren lebt sie in einem Seniorenheim, weil ich sie nicht mehr pflegen konnte. Die Entscheidung, meine Mom dorthin zu bringen, war bislang die schwerste in meinem Leben. Ich besuche sie nahezu täglich. Meistens freut sie sich sehr darüber.

Schon lange können wir nicht mehr so kommunizieren, wie wir das früher gemacht haben. Ich spreche sie an, und sie antwortet. Manchmal passt die Antwort, meistens aber nicht. Wenn sie mir etwas erzählen möchte, verliert sie spätestens nach dem zweiten Satz den Faden. Die meisten ihrer Sätze ergeben für uns, die wir nicht an Demenz erkrankt sind, keinen Sinn. Selten passen die Sätze zu dem vorher Gesagten.

Vielleicht trifft es der Vergleich mit einem Ballspiel: Ich nehme jeden Ball auf den sie mir zuwirft, und spiele ihn bejahend zurück. Und fast jeder Ball den sie mir daraufhin zurückspielt, ist ein anderer.

Und doch unterhalten wir uns viel. Die Sprache ist sekundär. Die Stimmung ist wichtig – die Stimme, die Gesten, der Gesichtsausdruck, das Gefühl. Gestern spielte ich mit meinen Fingern auf ihren Handrücken, etwa so, als wollte ich für eine leise Musikpassage mit den Fingerkuppen Gitarrensaiten zupfen. »Das tut gut, dieses Kratzen«, sagte sie leise.

Solche Besuche sind schwer, wenn man sich nicht auf die an Demenz erkrankten Menschen einstellen kann. Aber wenn es dir gelingt, wirst du viele Dinge beobachten, die dich erstaunen lassen. Von einer solchen Geschichte erzähle ich heute.

Gestern war ich zur Mittagszeit im Seniorenheim. Ich mache das aus mehreren Gründen recht regelmäßig. Hauptsächlich aber, um meiner Mutter das Essen anzureichen.1 Sie kann das selbst nicht mehr. Sie versteht es nicht mehr, den Löffel zu füllen und dann zum Mund zu führen. Manchmal vergisst sie sogar den Mund zu öffnen, wenn der Löffel vor ihrem Mund ist. Ich habe immer gedacht, das sei ein natürlicher Reflex.

Wir saßen also im Speiseraum der Station für Demenzkranke, und warteten mit den anderen Heimbewohnerinnen auf das Mittagessen. Ich „unterhielt“ mich angeregt mit meiner Mom und einer ihrer Sitznachbarinnen, einer sehr lieben, kleinen, knuffelige Dame. Meine Mom und die knuffelige Dame, ich nenne sie jetzt mal Frau O., strahlten über das ganze Gesicht. Beide beteiligten sich – für ihre Verhältnisse intensiv – mit Worten, manchmal auch mit Halbsätzen, oft aber auch nur mittels Buchstabensalat an dem Gespräch. Das „Gespräch“ ergab keinen Sinn, aber das Gefühl fand ich großartig.

Dann kam mir etwas zu Ohren, was mir sofort die Tränen in die Augen trieb. »Du bist lieb. Ich will dich streicheln.« Frau O. wiederholt manchmal minutenlang Wörter. Oft spricht sie Dinge, die andere nicht übersetzen können. Wir würden vielleicht sagen: Sie brasselt irgendwas vor sich hin. Doch hin und wieder sagt sie auch – nach unseren Maßstäben – vollständige Sätze. So wie den:

»Du bist lieb. Ich will dich streicheln.« Ganz langsam, ganz vorsichtig schob sie ihre Hand zur Hand meiner Mutter, legte ihre Hand auf die meiner Mutter, und sah sie überglücklich dabei an. Auch meine Mutter lächelte und sagte: »Das tut gut.«

Einige Minuten haben die beiden so gesessen und unterhielten sie. Glücklich. Irgendwann flüsterte meine Mutter mir zu: »Ich habe nicht verstanden was sie gesagt hat.« »Ich auch nicht. Du weißt ja, ich kann schlecht hören. Aber es klang, als hätte Frau O. uns etwas sehr nettes gesagt.« Auch wenn sich das jetzt so liest, vermutlich hat meine Mutter meine Worte auch nicht verstanden – wohl aber den beruhigenden Ton in meiner Stimme.

Nach einiger Zeit, Frau O. streichelte noch immer die Hand meiner Mutter, sagte Frau O: »hässlich, hässlich, hässlich.« Eine Pflegerin die der anderen Sitznachbarin meiner Mutter das Essen anreichte meinte daraufhin lächelnd: »Aber Frau O.!« Ich glaube, Frau O. ist das passende Wort gerade nicht eingefallen. Denn sie schien noch immer sehr glücklich zu sein.

Ich beobachtete die Szenerie aufmerksam und schüttelte leicht den Kopf: Ihr seid mir vielleicht ein paar Schnuckelchens, dachte ich. Als hätte ich das laut ausgesprochen sagte meine Mutter: »Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.« Ich war platt.

Ein paar Löffel später meinte eine Pflegerin zu mir: »Oh Mann, das macht mich fertig. ich habe mir heute Morgen schon Andrea Berg und Helene Fischer anhören müssen. Und jetzt die Flippers.« Im Hintergrund lief das Radio. Kaum hatte sie das gesagt, begannen am Nachbartisch zwei Heimbewohnerinnen leise mitzusingen. Grinsend zuckten wir die Schultern.

»Und dann hat mir eben eine Kollegin erzählt, dass sie auf dem Guns N’-Roses-Konzert gewesen ist. Da wäre ich auch gern hingefahren.« »Einige Stücke kann ich mir von denen mal anhören. Aber ein ganzes Konzert? Ich glaube nicht«, kommentierte ich ihren Wunsch. Meine Mom ist auch total schwerhörig, und es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass sie etwas von dem Dialog verstanden hat – dennoch ließ sie uns grinsend wissen: »Jedem das Seine.«

Solche Geschichten kommen nicht häufig vor. Je nach Krankheitsverlauf und nach Tagesform sind an Demenz erkrankte Menschen nach unseren Kriterien gegenwärtig oder nicht. Aber solche Geschichten zeigen meines Erachtens, dass auch eine Kommunikation möglich ist, ohne die Worte interpretieren zu können.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Mutter dem Gespräch das ich mit der Pflegerin führte akustisch und mental nicht folgen konnte – aber ich vermute, dass sie anhand der Stimmung ein Gespür für die Situation entwickelt hat. Anders kann ich mir ihren absolut passenden Kommentar: »Jedem das Seine«, nicht erklären.

Es kommt sehr selten vor, dass Frau O. einen für uns gut verständlichen und zudem vollständigen Satz sagt. Und dann gestern diese Sätze: »Du bist lieb. Ich will dich streicheln.« Bei ihr erkläre ich mir solche Situationen damit, dass dem ein besonders starker Wunsch vorausgegangen ist. So wie neulich:

Manchmal bringt eine der Pflegerinnen ihren Hund mit, ein ganz lieber und drolliger Zeitgenosse. Ich nenne ihn den Senioren-Hütehund. Er habe tatsächlich so ein Gen, berichtete mir seine Chefin.

Wie auch immer, der Hund trottete zunächst durch die Reihen um sich dann neben einer Tür hinzusetzen und die Szenerie von dort zu beobachten. Plötzlich bellte er, was aber eher danach klang, als bettele er um Aufmerksamkeit. In Zeitlupe wechselte der Gesichtsausdruck von Frau O. von ich bin zufrieden auf ich bin genervt. Langsam drehte sie sich zu dem Hund und sagte in einem für ihre Verhältnisse recht deutlichem Ton: »Hund, sei ruhig!«

»Du bist lieb. Ich will dich streicheln.«


  1. Nein, ich muss das nicht machen. Dazu sind die Pflegekräfte da. Aber die haben weiß Gott genug um die Ohren. Und wenn ich, während ich meine Mutter besuche, die Pflegekräfte auch noch etwas unterstützen kann, mache ich das gern. Ich denke, auch über das Thema Pflegepersonal werde ich bestimmt noch mal bloggen. [return]