Wasch mich, aber mach mich nicht nass!

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Köterberg

Manchmal finde ich mich echt putzig. Ich habe keine Mikrowelle. Ich mag auch kein Essen essen, was darin gegart wurde. Den Schalter für WLAN an meinem Router werfe ich nur um, wenn die Strippe zu kurz ist. Also wenn ich zum Beispiel in der Küche, statt am Schreibtisch mit dem Rechner arbeite. Mein Smartphone ist meistens ausgeschaltet. Und in meinem Schlafzimmer ist, solange kein Verbraucher aktiv ist, der Stromkreis nur ein Kreis ohne Strom.1

Warum ich das mache? Na wegen diesem Elektrosmog, also diesen elektromagnetischen Feldern! Ich habe zwar keine Ahnung, aber ich weiß, es gibt sie, diese „Felder“. Und ich glaube, die sind ungesund. Also vermeide ich sie.

Aber hilft das? Ich meine, kann ich den elektromagnetischen Feldern damit ausweichen?

Ein anderes Beispiel.

Autos sind böse. Sie verpesten die Umwelt – bei der Herstellung, beim Gebrauch, und wenn sie entsorgt werden. Autos sind also ganz schlecht für mein Karma, meinen ökologischen Fußabdruck. Darum fahre ich Fahrrad. »Aber du fährst nicht bei Sturm und Regen.« »Doch.« »Aber nicht im Winter, wenn es kalt ist und es schneit.« »Doch.« »Jeden Tag?« »Jeden Tag.« Ich fahre zur Arbeit, zum Frisör, zur Bank, zum Arzt, zu Freundinnen und Freunden mit dem Fahrrad. Und natürlich auch zurück. Mit dem Fahrrad. Versteht sich.

Wenn ich aber drei Kisten Mineralwasser hole, nehme ich das Auto. Das heißt, obwohl ich auch hier, unter soheit.de, fast ständig vom Wassertrinken predige, trinke ich mitunter auch Wein. Gelegentlich. Ganz schön oft. Zu oft. Blöd.

Zurück zu den elektromagnetischen Wellen. Mann sieht sie nicht, Mann kann sie aber unter Umständen hören. Glaube ich. Ihr merkt schon, ich glaube sehr viel.

Diese Geschichte erzähle ich, weil ich in Lügde schon einige Gespräche zu dem Thema geführt habe und zwar im Zusammenhang mit dem Breitbandausbau in Lügdes „Südstadt“. Wir leben hier auf dem Land. Also weit ab vom Schuss. Zu unserer Südstadt zählen neun Ortsteile mit jeweils viel Land drumherum. Der größte Ortsteil hat rund 1.300, der kleinste rund 70 Einwohner. Ihr könnt Euch vorstellen, das würde verflixt teuer, wenn wir alle Haushalte mit Glasfaser versorgen wollten.

Die Firma, die jüngst den Breitband-Ausbau vorgenommen hat, hat Entfernungen mit Richtfunk überbrückt. Das ist nicht lahm. Richtfunk erfüllt die NGA-Anforderungen. Mehr dazu findet Ihr in dem Text: Lügde: Warum nicht Glasfaser?

Jetzt stören sich aber immer mal wieder Bürger*innen an diesen Richtfunkmasten. Die würden strahlen. Das sei ungesund.

Mein Eindruck ist, die Geschichte mit dem Elektrosmog wird oft nur vorgeschoben. Die Leute hätten einfach lieber Glasfaser gehabt. Das kann ich insofern verstehen, als das ich auch gern einen Glasfaser-Internet-Anschluss hätte. Ich finde es jedoch verlogen, die vermeintlich gesundheitsgefährdenden Richtfunkmasten vorzuschieben.

Aber es gibt auch Bürger*innen, die sich tatsächlich Sorgen um ihre Gesundheit machen. Die sogar sagen: Ich nehme lieber langsames Internet in Kauf, als dass ich meine Gesundheit gefährde. Auch das kann ich sehr gut verstehen.

Ich leide auch häufiger unter starken Kopfschmerzen. Ist die Ursache, dass ich dann zu wenig oder das falsche gegessen habe? Vielleicht habe ich dann auch zu wenig getrunken – möglicherweise auch zu viel. Mag sein, dass das Wetter Schuld ist. Das Tief, das hinten nicht mehr hoch kommt, der Luftdruck, der Regen, der Wind … Vieles ist denkbar. Möglich aber auch, dass die Kopfschmerzen von elektromagnetischen Feldern provoziert werden. Ich weiß es nicht.

Aber:

Im Gegensatz zu den kreisförmig „strahlenden“ Router in meiner Wohnung und den Routern in den Wohnungen meiner Nachbarn, im Gegensatz zu den kreisförmig „funkenden“ Hotspots in der Landschaft, im Gegensatz zu den Mobilfunkmasten für die Smartphones – Richtfunk geht wie eine Schnur, wie das Licht eines Laserpointers nur in gerader Linie von Masten zu Masten. Und weil auch hier das Signal schwächer wird, wenn etwas dazwischen steht, werden die Betreiber solcher Masten sehr genau darauf achten, dass da nichts zwischen den Masten stört.

Ein anderer Aspekt: Stellen wir uns mal vor, es würde wirklich gelingen, die vielen Distanzen ohne Richtfunk zu überbrücken, und wir könnten selbst den entferntesten Hof mit Glasfaser versorgen. Die vielen anderen Masten für den Mobilfunk aber würden ja bleiben. Wegen der Smartphones und so. Und diese Pfosten brutzeln weiter vor sich hin. Hat sich daran hier in Lügde schon mal jemand gestört? Wart Ihr schon mal auf dem Köterberg? Da steht kein Gipfelkreuz. Dafür aber Masten. Einer davon ist riesig und fast schon ein Wahrzeichen2. Nun würde mich wirklich mal interessieren, was dort für elektromagnetische Felder „rumschwirren“. Uhi-jui-jui!

Übrigens, mit den Funkmasten ist es wie mit den Autos: Je oller je doller. Je älter die Geräte, desto mehr „Strahl“. Aber wie gesagt, erst bei den Richtfunkmasten fangen wir an zu diskutieren. Merkwürdig.

Und, höre ich jetzt wen, der deswegen sein Smartphone wegschmeißt?

Das passiert doch nicht. Es schmeißt auch – trotz Dieselgate – niemand seinen Diesel weg. Alle fahren sie fröhlich weiter Auto. Dass, obwohl jeder weiß, wie scheiße Autos für unser Klima, für unsere Umwelt und für unsere Gesundheit sind. Natürlich könnten wir das ändern. Das würde aber eine gewaltige Umstellung bedeuten. Aber es wäre möglich. Davon bin ich fest überzeugt. Wir müssen es nur wollen. Und auch an dieser Stelle passt der berühmte Satz von dem kürzlich leider verstorbenen Roman Herzog:

[…] Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen […]

— Aus der Berliner Rede 1997 von Roman Herzog.

Aber das wird wohl ein feuchter Traum bleiben.

Apropos Auto. Auch die heutigen Autos sind, wie die Richtfunk-Technologie, eine Brückentechnologie. Was meint Ihr, was wir brauchen, wenn wir auf autonome, also selbstfahrende Autos umstellen? Und ich vermute, dann reden wir nicht mehr von Dieselgate, sondern von Strahlengate. Oder so.

Tja. Wir wollen alle, dass der Klimawandel aufgehalten wird, dass wir von den dramatischen Auswirkungen verschont bleiben – doch wir fahren lustig weiter mit dem Auto durch die Landschaft. Weil es ja nicht anders geht. Angeblich.

Auch Elektrosmog finden wir blöd. Sollte es nicht geben. Muss weg. Aber nö, mein Smartphone, mein tolles, das brauche ich. Unbedingt.

Das klingt doch alles wie: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! – Oder?


Leute, ich bin Laie. Ich habe weder technische noch medizinische Kenntnisse, die über das Biertheken-Niveau hinausgehen. Wenn ich falsch liege, dann schreibt es mir. Überzeugt mich. Aber argumentiert bitte sauber. Danke.


  1. Was könnte ich dazu alles noch aufzählen … Undenkbar. Trotzdem: Ich liebe mein Smartphone! Beziehungsweise, das, was ich damit alles machen kann. Verrückt, nicht wahr? [return]
  2. Übrigensens, auf dem Foto oben ist der Gipfel des Köterbergs zu sehen. Und das größere „Türmchen“ mit den vielen Schüsseln, ist das besagte Wahrzeichen. [return]