Warum Reiten so ähnlich wie Yoga ist

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Ein Starterpaar springt über ein Oxer

Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.1

So habe ich mich gestern Abend auch gefühlt. Was aber kein Wunder ist. Denn schließlich war gestern auch schon Pfingsten – das „Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes“.

Der Fairness halber muss ich jedoch sagen schreiben, bei mir hatte der Zustand nichts mit dem Heiligen Geist zu tun. Er war einer anderen, uralten Tradition geschuldet – dem 1. Bad Pyrmonter Outdoors2 formerly known as Pfingstturnier.

Bislang war das Pfingstturnier ein reines Reitturnier, wovon ich vor Äonen schon einmal berichtete – seinerzeit jedoch in anderer Funktion, als TT-A3. Doch in diesem Jahr gab es erstmalig ein kleines Rahmenprogramm obendrauf, was teilweise auch mit Pferdestärken zu tun hatte. Aber damit hatte ich nix tun. Mein Haussegen hatte mich einteilen lassen. Und so wurde ich quasi über Nacht zum Parcours-Helfer befördert.

Zwei Tage habe ich Pferden mit ihren Reiter*innen dabei zugesehen, wie sie über die von uns zuvor aufgestellten Hindernisse gehupft sind. Und soviel verrate ich Euch schon jetzt: Ich werde kein Springreiter! Im nächsten Leben bestimmt auch nicht. Ich bin schon froh, wenn ich mich auf meinem Steelhorse halten kann.

Der Springplatz, ein mit Sand präparierter Grasplatz, hatte ein Fläche von 70 x 40 Meter4. Und jetzt stellt Euch mal vor, da tummeln sich acht bis neun Hindernisse mit Sprunghöhen bis zu 1,30 Meter, darunter zwei dreifache Kombinationen, sowie Hürden die nicht nur in der Höhe sondern auch in der Weite zu überbrücken sind.

Eine dreifache Kombination besteht aus drei kurz hintereinander aufgestellten Hürden. Dazwischen ist nichts mit auslaufen, verschnaufen und sammeln – das heißt, springen, landen, ein, zwei Galoppsprünge und wieder hoch um die nächste Hürde zu überwinden.

Sprünge, bei denen nicht „nur“ eine Höhe (Steilsprung), sondern gleichzeitig eine Weite zu überspringen ist, werden Oxer, oder Hochweitsprung genannt. Hierbei werden zwei Hürden mit einem Abstand von bis 1,30 Meter hintereinander aufgestellt.

Die klassischen Hindernisständer (Fänge) mit den Stangen „dienen dazu, dass sich das Pferd auf das Hindernis konzentriert und nicht seitlich ausweicht“5. Die Fangständer sind daher breiter und aufwendiger gestaltet, als die Oxer-Ständer, die bei einem Hochweitsprung hinter den Fangständern positioniert werden.

Im Gegensatz zu den Fangständern, liegt zwischen den hinteren Hindernisständern, den Oxer-Ständern, nur eine Hindernisstange. Sie liegt aber mindestens so hoch wie die oberste Stange zwischen den Fängen. Außerdem werden sie mit anderen Stangenauflagen bestückt, die, sollte das Pferde beim Sprung mit den Hinterbeinen auf die Hindernisstange knallen, die Stange freigeben. Das soll Stürze und Verletzungen vermeiden.

Notabene: Die eben erwähnten Höhen und Abstände der Hürden gelten für das M*-Springen, was offiziell als Mittelschwer bezeichnet wird. Mittelschwer – Nüja.

Meine Aufgabe bestand nun darin, dem Parcours-Chef zu helfen, zwischen den verschiedenen Springpferde-Prüfungen die Hürden entsprechend den Anforderungsprofilen aufzubauen. Selbstschreibend war ich nicht der einzige Parcours-Helfer. Wir waren ein Team von bis zu sechs Leuten. Genauer kann ich das nicht sagen, so ein Parcours ist groß, und wir mussten schließlich schnell mit den Umbauarbeiten durch sein.

Während der Wettbewerbe standen wir mit wichtigem Gesichtsausdruck am Spielfeldrand und beobachteten die Starterpaare dabei, wie sie die Hürden nahezu selbstverständlich übersprangen, so, als sei das so einfach wie Erdbeertorte essen. Die einzige Kunst beim Erdbeertorte essen ist doch, sich nicht zu bekleckern. Was mir in schöner Regelmäßigkeit gelingt – also mich zu bekleckern. Sollte sich doch mal ein Starterpärchen „bekleckert“ haben, waren wir dazu da, die Kleckerei zu beseitigen herunter gepurzelten Hindernisstangen wieder an ihren Platz zu legen. – Im Gegensatz zu mir, konnten sich die allermeisten Starterpärchen benehmen.

Auch dieser Job, also die Hürden nach einer Kollision wieder herzurichten, will gelernt sein. Eine Regel dabei lautet: Renne Pferd und Reiterin nie in den Weg. Das erklärt sich doch von selbst, werdet Ihr jetzt rufen, wobei ihr vermutlich hauptsächlich den zweiten Teil der Regel vor Augen habt. Der erste Teil: Renne nicht!, ist aber mindestens genauso wichtig. Denn das könnte die Reiterin oder den Reiter, mitunter auch das Pferd „aus den Takt bringen“.

Ich erwähne das, weil ich, bemüht alles richtig zu machen, anfänglich auch immer losgerannt bin. Dann aber nahm mich ein Prüfer beiseite und sprach zu mir: »Junge, tu so, als seist du im öffentlichen Dienst beschäftigt: ›Immer mit der Ruhe!‹, ganz langsam.«6 Wir halten fest: Mit Hindernisstangen im laufenden Betrieb zu arbeiten, ist wie Beamtenmikado spielen.

So Leute, ich will Euch mit meinen neu gewonnenen Wissen nicht einschläfern. Dabei könnte ich Euch noch so viel erzählen. Beispielsweise könnte ich Euch verklären, warum der Rückwärtsgang auch eine Strafe sein kann, oder warum Blau ein ganz blöde Farbe ist.

Doch eine Antwort auf die Frage: Warum Reiten so ähnlich wie Yoga ist, sollt Ihr noch bekommen. Nach meinen Beobachtungen ist der Männeranteil beim Reitsport ähnlich hoch wie bei den Yoga-Kursen. Ich möchte zu gern wissen, was genau die Gründe dafür sind.7 Heißt es nicht: Männer haben weniger Angst und mehr Mut als Frauen? Umso mehr ist es mir ein Rätsel, weshalb so ein cooler Sport wie Reiten, insbesondere Springreiten, vorwiegend von Mädels ausgeübt wird.


  1. Siehe de.wikipedia.org: Pfingsten [return]
  2. Hashtag: #PyrmonterOutdoors [return]
  3. TT-A ist ein als Abkürzung getarnter Euphemismus. Denn die Abkürzung steht für Turniertrottel-Anwärter. [return]
  4. Siehe rszbp.de: Ausschreibungsänderung vom 3.5.2017 (PDF) [return]
  5. Siehe de.wikipedia.org: Hindernisse (Pferdesport) [return]
  6. Ich kann die Worte des netten Herrn Richters leider nicht mehr im Wortlaut wiedergeben. Sorry. Ich musste so viel lernen. Aber sinngemäß ist die Maßregelung schon richtig wiedergegeben. [return]
  7. Weshalb ich nicht reite, weiß ich. Dafür habe ich zu viel Angst. Allerdings bin ich kein Maßstab. [return]