Scheiß Internet!

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Baumstumpf im Wald, vier übereinander gestapelte Steine

+++ Achtung, dies ist ein Rant! Gegebenenfalls Protektoren anlegen! +++

Wir müssen unsere Netze ertüchtigen! Breitbandausbau! Glasfaser! Jetzt! Wir müssen die Menschen fit für die Digitalisierung machen! Die Industrie braucht 4.0. Mindestens! Kindergärten und Schulen ans Netz! Medienkompetenz! Digitalisierung der Behörden! Wichtig! Die der Krabbelgruppen – extrem wichtig!

Überall ist davon die Rede und die Schreibe. Auch die Politiker*innen haben das munter auf ihrem Zettel. Die Wähler*innen wollen das. Die Digitalisierung. Das schnelle Internet. – Oder?

»Scheiß Internet!« Fast jeden Tag kommt mir das zu Ohren. Jüngst gestern Abend. Vorhin habe ich in einem Offline-Medium ein Interview mit Christoph Waltz gelesen. Eine Frage bezog sich auf die Social Media Aktivitäten seiner Berufskolleg*innen: Er würde es nicht gut finden einfach nur etwas rauszuhauen, nur um sich Luft zu machen. Ich bin dafür, dass man argumentiert, habe er gesagt. Bis dahin stimme ich ihm absolut zu. Aber man könne auf Social Media nicht argumentieren und deshalb würde er das nicht benutzen. Hä?! Warum kann man dort nicht argumentieren?

Unser Bundespräsident in seiner Rede beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit:

Aber am 24. September wurde deutlich: Es sind andere Mauern entstanden, weniger sichtbare, ohne Stacheldraht und Todesstreifen – aber Mauern, die unserem gemeinsamen “Wir” im Wege stehen.

Ich meine die Mauern zwischen unseren Lebenswelten: zwischen […] online und offline, […] – Mauern, hinter denen der eine vom anderen kaum noch etwas mitbekommt.

Ich meine die Mauern rund um die Echokammern im Internet; wo der Ton immer lauter und schriller wird, und trotzdem Sprachlosigkeit um sich greift, weil wir kaum noch dieselben Nachrichten hören, Zeitungen lesen, Sendungen sehen.

Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, Quelle: www.bundespraesident.de

Klingt das für Euch nach jemanden, der die Digitalisierung vorantreiben möchte? Klar, Nachrichten hören, Zeitungen lesen, Sendungen sehen – können wir auch im Internet. Aber das meint Herr Steinmeier vermutlich nicht. Denn für ihn gibt es Mauern zwischen online und offline, und Mauern rund um die Echokammern im Internet.

Natürlich habe ich mich gefragt, ob ich solche Sätze auf die Goldwaage legen sollte. Und möglicherweise möchte sich der Präsident hier in seiner Rolle als amtlich bestellter Mahner verstanden wissen. Das ist nachvollziehbar. Gleichwohl halte ich solche Sätze für fragwürdig.

Er redet von zwei Lebenswelten, Mauern zwischen Offlinern und Onlinern, Mauern rund um die Echokammern im Internet. Ich bin ein großer Fan des Internets. Mich gibts online wie offline. Ich informiere, unterhalte mich online wie offline. Ich sehe da keine Mauer. Klar gibts online wie offline reichliche Leute, die anders ticken als ich.

„Weil wir kaum noch dieselben Nachrichten hören, Zeitungen lesen, Sendungen sehen.“ – das klingt für mich doch sehr nach den „alten“ Medien. Vor allem in dem Kontext: „Ich meine die Mauern rund um die Echokammern im Internet; wo der Ton immer lauter und schriller wird“. Ich vermute, da möchte er auf einen Punkt zielen, der vielen Menschen ein Dorn im Auge ist. Denn das unterscheidet das Internet von den klassischen Medien wie Zeitungen, Radio und Fernsehen. Im Internet kann jeder mitmachen. Dort kann jeder „Zeitung“ oder „Fernsehen“ machen. Hast Du mal versucht, Deine Meinung im Radio oder im Fernsehen zu äußern?

Ist das Internet damit nicht viel demokratischer als die anderen Medien? Und wenn ich sage: »Scheiß Internet!«, sage ich damit nicht auch: »Scheiß Demokratie!«?

Das Internet ist nur Technik. Es ist nicht dafür verantwortlich, wie es genutzt wird. Genauso wenig wie die Straßen dafür verantwortlich sind, wie sie genutzt werden. Hat jemand schon mal die Straßen für die vielen Verkehrstoten verantwortlich gemacht? »Scheiß Straßen!« Schon mal gehört? Warum eigentlich nicht?

Zwischen all den Rufen nach Breitbandausbau und Digitalisierung, es gibt noch sehr viele Menschen die am liebsten die Uhr rückwärts drehen würden. Aber daraus wird nichts. Statt gegen das Internet zu wettern, ist es sinnvoller mitzumachen, die Technik zu nutzen um zu argumentieren, um zu zeigen wie es besser geht.

Wie oft höre ich: »Nein, das liest doch eh keiner!«, oder: »Meinst du, dass sich davon jemand überzeugen lässt?« Doch, ja! Wenn ich meine Argumente in mein Bücherregal abschiebe, werden sie wohl kaum gelesen. Und ja, ich werde, selbst wenn meine Argumente noch so gut sind, wohl niemals alle überzeugen. Aber der ein oder andere wird vielleicht mal darüber nachdenken – und dann, möglicherweise, auch seine Meinung und auch sein Verhalten ändern. Vorbilder werden immer gesucht. Besonders gute Vorbilder1.

Ich kann daher immer wieder nur rufen: Mach mit! Mach es besser! – Wer das nicht macht, darf auch nicht jammern.

Noch ein Wort zum oben aufgeführten Zitat: Egal wo ich mich aufhalte, im Internet, auf der Straße oder an der Theke – überall gibt es Sonnen und Monde. Und: Mauern lassen sich einreißen, beseitigen. Aber nicht, wenn wir sie in Gedanken und Worten ständig wieder aufbauen.

PS: Auch wenn ich das in der heutigen Zeit schon für selbstverständlich erachte, ich finde es gut, dass die Rede des Bundespräsidenten nachzusehen, und nachzuhören ist. Und weil das – trotz aller Rufe nach Digitalisierung, Transparenz, Authentizität und so weiter – leider nicht die Regel ist, ist er damit ein Vorbild.


  1. Womit ich nicht meine, dass ich ein Vorbild oder gar ein gutes Vorbild bin. Aber Ihr wisst schon, was ich nicht meine. [return]